Studie

Umstrittenes Medikament heilt Lungenentzündungen schneller

Mirjam Christ-Crain Stv. Chefärztin für Endokrinologie und Leiterin der klinischen Forschung

Auf dem Röntgenbild erkennt man einen grossen weissen Fleck (Pfeil) – dieser zeigt, dass es sich um eine Lungenentzündung handelt. Dank Kortison können betroffene Patienten eineinhalb Tage früher aus dem Spital entlassen werden.

Mirjam Christ-Crain Stv. Chefärztin für Endokrinologie und Leiterin der klinischen Forschung

Lungenentzündungen heilen schneller, wenn Antibiotika mit Kortison ergänzt wird. Dies hat eine vom Unispital Basel initiierte Studie gezeigt. Dank der Kombitherapie können gegen 20 Millionen Franken eingespart werden - doch Kortison ist umstritten.

Antibiotika heisst das Heilmittel gegen Lungenentzündung. Zumindest gehört die Behandlung damit seit Jahren zur Standardtherapie. Neu wird den Patienten, die mit einer Lungenentzündung ins Universitätsspital Basel eingeliefert werden, zusätzlich Kortison verabreicht. Diese Therapieänderung entstand nicht zufällig: Die Grundidee, dass Kortison den Heilungsprozess beschleunigen kann, ist schon länger vorhanden. Mirjam Christ-Crain, stellvertretende Chefärztin für Endokrinologie und Leiterin des Departements für klinische Forschung, und ihrem Forschungsteam ist es nun erstmals gelungen, die Wirksamkeit des Kortisons zu beweisen.

Bei Lungenentzündungen treten häufig Komplikationen auf, weshalb die Patienten viele Tage im Spital verbringen müssen. Teilweise kann die Infektionskrankheit auch tödlich enden. Um die Bakterien, also die Auslöser der Pneumonie, zu bekämpfen, entwickelt der Körper eine Entzündung. Häufig wird diese aber so stark, dass das Lungengewebe geschädigt wird. Wird zusätzlich zu den Antibiotika noch Kortison verabreicht, kann die starke Entzündungsreaktion gedämpft werden, das führt zu einer schnelleren Heilung und damit zu einem kürzeren Spitalaufenthalt. «Die Patienten waren eineinhalb Tage früher wieder fit», erklärt Christ-Crain. Was sich zudem als grosser Vorteil für die Schweizer Spitäler ausweist, ist, dass sie dadurch schätzungsweise 16 bis 20 Millionen Franken pro Jahr sparen.

Immer mehr Spitäler machen mit

«Ab sofort behandeln wir auf der Notfallstation des Unispitals Lungenentzündungen mit Antibiotika und Kortison», sagt der Direktor des Universitätsspitals, Werner Kübler. Auch das Kantonsspital Baselland und die Spitäler in Aarau, Delémont, Bern und Solothurn hätten die Therapie bereits geändert. Viele weitere sollten folgen, denn die medizinische Fachzeitschrift «The Lancets» veröffentlichte die Studienergebnisse heute. Das Forschungsteam rund um Christ-Crain hofft, dass sich die Behandlungsmethode rasch verbreitet und als neue Standardtherapie durchsetzt.

Um die heilende Wirkung des Medikaments zu testen, stellten sich im Zeitraum zwischen 2009 und 2014 über 800 Patienten, die mit einer Lungenentzündung in die beteiligten Spitäler eingeliefert wurden, für die Studie zu Verfügung. Das Durchschnittsalter betrug ungefähr 60 Jahre. Kinder wurden keine behandelt.

Eine Hälfte wurde standardgemäss mit Antibiotika und einem Placebo behandelt. Der anderen Gruppe wurden ebenfalls Antibiotika und Kortison verabreicht. Weder Patient noch der behandelnde Arzt wussten, zu welcher Gruppe der Patient gehört.

Als weiterhin bestehenden Diskussionspunkt bezeichnet Christ-Crain, dass von rund 3000 angefragten Patienten lediglich 800 zusagten. «Viele wollten nicht teilnehmen, da Kortison ein schlechtes Image hat», so Christ-Crain. Das umstrittene Medikament wird wegen seiner zahlreichen Nebenwirkungen gefürchtet. Diese treten mehrheitlich bei lang andauernden Behandlungen auf. Christ-Crain betont, dass Kortison bei kurzzeitiger Anwendung nur wenige unerwünschte Wirkungen verursacht. So hätten einige Patienten lediglich vorübergehend erhöhte Blutzuckerwerte gehabt.

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