Porträt

Und der Heivisch, der hat Pläne

Bald wird Heiner Vischer Grossratspräsident. Das Porträt eines zurückhaltenden Partylöwen, grosszügigen Daiglers und vielreisenden Umweltpolitikers.

Er muss selber lachen. «Das hätte ich noch bis vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten.» Bald ist Heiner Vischer Grossratspräsident, höchster Basler. Binnen einiger Jahre hat sich der Biologe zum Zoon Politikon entwickelt. Kein Erweckungsmoment steckt dahinter, vielmehr die Parteizugehörigkeit aus Familientradition und reichlich Überzeugungsarbeit seiner Parteikollegen, etwa eines Christoph Eymanns. «Ich begegnete Heiner Vischer im Drämmli. Die LDP hatte eines gemietet für eine Werbeaktion anlässlich der Grossratswahlen ’84», erinnert sich der Nationalrat. Vischer sei ihm immer sehr gewissenhaft erschienen, «manchmal fast zu gewissenhaft». Er habe Vischer gesehen, wie er die Pressemappen verteilt habe, ganz der Parteidiener. «Bis er selber in den Vordergrund treten wollte, brauchte es seine Zeit.»

Inzwischen ist «Heivisch», wie er sich gerne nennt, ein Original der Basler Politik. Im Grossratssaal fällt der LDP-Politiker in Verkehrsthemen auf. In solchen Debatten steht er auf, knöpft sein Jackett zu und schreitet zum Rednerpult. Mehrmals, wenn es sein muss. Seine blauen Augen blitzen auf und mit höflichstem Zorn redet er seinen Gegnern ins Gewissen. Seit einem Jahr muss er in solchen Momenten still sitzen, seit einem Jahr ist er Statthalter. Es ist die Anlehre für das Amt des Grossratspräsidenten.

Nächsten Mittwoch findet die Wahl statt, eine Formsache, die Einladungen zur Party sind bereits gedruckt. Und was das für eine Feier wird, denn Heiner Vischer kann feiern. An seinem Sechzigsten Geburtstag lud er eine Festgesellschaft nach Venedig. Der Markusdom sei spätabends für eine Privatführung geöffnet worden. Zum Schluss sei die Gesellschaft mit einem Kreuzfahrtschiff über Mittelmeer getuckert. So ganz genau weiss man es nicht. Wer da war, schweigt lieber. Und aus anderen spricht vielleicht der Neid. Sicher ist: Heiner Vischer ist ein zuvorkommender Gastgeber, das ist weit über die Parteigrenzen bekannt. Genossen, die schon in den Genuss einer Einladung auf sein Anwesen in Riehen kamen, schwärmen von seiner Grosszügigkeit.

Vischers Versteckspiel

Vischer geniert sich, wird er als Mäzen inszeniert. Über Geld spricht man schliesslich nicht, so sehr nicht, dass ihm kaum das Wort über die Lippen geht. Stattdessen redet er von «Möglichkeiten», von denen er «halt» mehr hatte als andere. Es sei seine Bescheidenheit, die ihn einen grossen Teil seines Engagements verheimlichen lässt. Manches sponsert er unter einem Pseudonym, verborgen von einem eigens dafür entworfenen Logo.

Doch das Versteckspiel mahnt an einen Weissen Hai, der Deckung in einer Anemone sucht: Sein Pseudonym steht auf Vischers persönlicher Website, das Logo ziert seine Krawatte auf dem Foto. Dennoch ist es mehr als daiglerischer Habitus, wenn Vischer keinesfalls mit seinem Decknamen öffentlich erscheinen will. Gönnerhaftigkeit und Selbstdarstellung sind ihm zuwider. Gerade in dieser Hinsicht wird die Öffentlichkeit des Grossratspräsidentenamts eine Herausforderung für ihn.

Eine historische Linie

Die Familie Vischer ist seit 1649 in Basel verbürgt, die Familienstiftung pflegt die Dokumentation des Stammbaums bis ins 16. Jahrhundert zurück und zeigt das auch im Internet. Dort steht unter «Aktualität»: «Heiner Vischer (Stamm C) wurde für das Amtsjahr 2018/2019 als Statthalter des Grossen Rats von Basel gewählt.» Man freue sich «auf seine mutigen Ideen». Wie ist das, im Daig aufgewachsen zu sein? Als Vischer mit «Veegeli-Vau», der nach jedem dritten Satz ein distinguiertes «nit?» folgen lässt?

Heiner Vischer möchte lieber nicht darüber reden und erklärt es in einer Anekdote. «Zu Neujahr besuchten wir immer Verwandte und Bekannte, viele im Gellertquartier. Man sass in den Patrizierhäusern beisammen und trank Hypokras, wünschte sich ein frohes neues Jahr. Als kleiner Junge trug ich eine Krawatte und einen schönen Anzug. Vereinzelt trugen Männer sogar einen Zylinder. Einen Zylinder! In den 70ern! Das muss man sich mal vorstellen.» Vischer ist Einzelkind, von den Eltern wurde er «tendenziell eher verwöhnt», wie der 62-jährige sagt.

Mit 30 selbstständig geworden

Erst mit seinem Aufenthalt in den USA lernte Vischer die Herausforderungen eines selbstständigen Haushalts kennen: Einkaufen, kochen, waschen. Da war er dreissig Jahre alt. Nur Hemden glätten meisterte er nie. Im ersten Anlauf zerstörte er das Textil, so blieb es beim Versuch.

Eine der beschriebenen «Mögligkaite» war es auch, seiner Jazz-Leidenschaft zu frönen. Nicht als Musiker, sondern als Geniesser. Seit Jahren unterstützt er das Basler Jazzfestival. Die Verbindung ist entstanden über Urs Blindenbacher, dem langjährigen Programmchef, den Vischer seit Schulzeiten am Realgymnasium kennt. «Es gab damals eine ganze Gruppe aus dem Daig, die für den Jazz fieberten», erzählt Blindenbacher. Der verstorbene Regierunsgrat Lukas «Cheese» Burckhardt gehörte dazu, Vischers Vater ebenso.

Die Faszination des Geldadels für die einst als anrüchige «Negermusik» verschrieene Musikrichtung hält bis heute an. Beatrice Oeri etwa finanzierte den Jazzcampus und steht auch mal am Tresen des «Bird’s Eye». Es sei die kultivierte Alternative zu Mozart, Bach und Händel gewesen, erklärt Blindenbacher. Man muss das als kleine Musikrevolte im konservativen Basler Grossbürgertum verstehen: nicht gerade Hendrix, aber immerhin Herbie Hancock.

Ein Geburtstagsfest für Hancock

Zum Oscar- und Grammygewinner Hancock unterhält Heiner Vischer freundschaftliche Bande. Der amerikanische Jazz-Star feierte seinerseits seinen Sechzigsten bei Vischer zu Hause. «Das war ein verrückter Abend», erinnert sich Blindenbacher. Hancock habe darauf bestanden, die Crew bis zum Chauffeur mitzunehmen. Für Vischer kein Problem, und so assen alle gemeinsam an einer Tafel: die Roadies, die Jazzfreunde und Herbie Hancock.

Vischer ist so gerne Gastgeber, dass er noch den Wirtekurs besuchen möchte. In zwei Jahren, wenn seine politische Karriere ausläuft, wie er sagt. «Ich möchte verstehen, wie die Gastronomie funktioniert.» Überhaupt ist ein unstillbarer Wissensdurst, was Heiner Vischer antreibt.

Menschen, Länder, Tiere, Kunst, Musik, Geschichte, Heiner Vischer findet alles spannend. Mit grosser Leidenschaft sammelt er alte Landkarten. Eine ganz besondere aus einer Zeit, als Geographen Kalifornien als Insel verstanden. Es ist ein Überbleibsel aus seiner Studienzeit in San Diego, wo er die Elektrosensitivität von Fischen untersuchte. Er interessiert sich für Gemälde der Aborigines Australiens, Holzkunst aus den USA und hat eine Kommunisten-Fahne aus Laos in seiner Büro-Garderobe hängen. Neues entdecken, Vergleichen: Wenn Heiner Vischer reist, tut er das mit wissenschaftlicher Akribie. «Es kann manchmal anstrengen, mit mir unterwegs zu sein», weiss er selber. Immer wieder müsse er innehalten, um dies oder das zu studieren. Nordkorea steht noch auf seiner Liste. Auch das ein Projekt für den politischen Ruhestand des Junggesellen.

Globetrotter mit Elektrovelo

Gerade seine Reisen sind aber auch einer dieser Widersprüche, mit denen der Liberale lebt: In Umweltfragen weicht er gerne von seiner Partei ab. Sein Haus ist mit Solarpanels bestückt, die Strom für acht Haushalte liefern. Er kurvt am liebsten auf seinem Elektrovelo durch die Stadt («Meine Autos sind sehr unglücklich mit mir»). Und doch jettet er um die ganze Welt. Wie geht das zusammen? Vischer findet die Antwort in einem pragmatischen Realismus. «Das ist alles nicht so einfach. Die Klimaerwärmung ist ein grundsätzliches Problem. Man muss sich aber bewusst sein: Wollten wir alle Klimaziele erreichen, man müsste zurück zu einem Leben in einer Höhle.»

Ein Grund für Vischers umfassende Neugierde ist auch: Er kann sie sich leisten. Wer nie etwas selber herstellen musste, hat den Luxus einer Beobachterrolle. Einen eigentlichen Beruf hat Vischer seit Jahren nicht mehr. Seine Firma Vischer Biotech ist zwischenzeitlich «auf Eis gelegt». Dabei hatte er das Start-up 2001 mit einer zündenden Idee gegründet: eine Behandlung für Menschen, die zu viel Eisen aufnehmen. «Acht Prozent der Menschen leiden weltweit daran, sie müssen sich das mal vorstellen.»

Er hat solche Pläne zumindest vorerst der Politik geopfert. Als das Schienennetz der BVB, die Umgestaltung der Innenstadt und der Veloring mehr und mehr seine Neugierde in Beschlag nahm, blieb schlicht keine Zeit dafür.

Meistgesehen

Artboard 1