Psychiatrie
Undine Lang: «Psychiatrische Diagnosen werden normal»

Undine Lang ist seit einem Jahr die Chefärztin der Erwachsenenpsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK). Im Interview zieht die 39-Jährige eine erste Bilanz und spricht über anstehende Herausforderungen.

Pascale Hofmeier
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Undine Lang: «Wir haben die Isolationsraten und die Verlegungsraten reduziert. Zwangsmassnahmen sind mittlerweile sehr selten.»

Undine Lang: «Wir haben die Isolationsraten und die Verlegungsraten reduziert. Zwangsmassnahmen sind mittlerweile sehr selten.»

Kenneth Nars

Frau Lang, Sie leiten seit einem Jahr die Erwachsenenpsychiatrie der UPK. Haben Sie die Türen geöffnet?

Undine Lang: Offene Psychiatrie heisst nicht nur Türen zu öffnen im mechanischen Sinn. Im Vordergrund steht die Beziehungsebene zu stärken, statt die Patienten auf geschlossenen Abteilungen zu behandeln. Da hat sich vieles positiv entwickelt. Wir haben die Isolationsraten und die Verlegungsraten reduziert. Zwangsmassnahmen sind mittlerweile sehr selten.

Wie haben Sie das gemacht?

Die Isolation als Sicherheitsmassnahme wurde durch eine Eins-zu-eins-Betreuung der Patienten ersetzt.

Das klingt teuer.

Was sich ändert, ist die Arbeitsweise der Angestellten. Natürlich kosten die Sitzwachen, aber die optimale Betreuung der Patienten steht im Vordergrund.

Was ist problematisch an der Isolation?

Stellen sie sich vor, jemand ist depressiv und äussert den Gedanken, sich selber etwas anzutun. Wird die Person auf einer geschlossenen Abteilung mit anderen Patienten behandelt, die sich bedrohlich verhalten, kann das ein Trauma auslösen. Die Person wird nie mehr in eine Klinik wollen. Je humanitärer die Psychiatrie ist, desto einfacher ist es, Patienten für eine Behandlung zu gewinnen. Wir versorgen Menschen nicht jahrelang, damit sie die Allgemeinheit nicht stören. Durchschnittlich sind Patienten drei bis vier Wochen hier. Davor und danach leben sie in ihrem gewohnten Umfeld. Langfristig werden nur Patienten der Forensik stationär untergebracht.

Aus der Forensik brach letztes Jahr ein Mann aus, dessen Amokfahrt die Stadt aufschreckte. Schürt das die Vorurteile gegenüber der Erwachsenenpsychiatrie?

Leider ja, obwohl die Forensik nur einen sehr kleinen Teil der UPK Basel ausmacht. Die meisten der regulären Patienten waren nie straffällig.

Was tun Sie gegen die Vorurteile?

Wir versuchen, aus der Psychiatrie ein alltägliches medizinisches Fach zu machen.

Ist das realistisch?

In den nächsten Jahren werden sich beispielsweise die Diagnosen Depression und Demenz verdoppeln. Sie werden zur Normalität. Am besten sieht man das bei den Burn-out-Diagnosen: Erschöpfungsdepression ist eine Erkrankung wie jede andere.

Warum werden sich diese Diagnosen verdoppeln?

Bei der Demenz ist es die steigende Lebenserwartung. Depressive lassen sich eher behandeln. Allgemein werden psychische Krankheiten häufiger und früher erkannt. Die meisten Patienten kommen freiwillig. Nur rund zehn Prozent werden mit einer behördlich verfügten fürsorgerischen Unterbringung zugewiesen.

Welche zehn Prozent?

Ein Beispiel sind manisch-depressive Patienten. Manche geben in der manischen Phase viel Geld aus. Manchmal sind sie auch laut. Ordnungsliebende Nachbarn stören sich daran.

Widerspricht die Zwangseinweisung nicht dem Credo Offenheit?

Offene Psychiatrie heisst nicht, dass wir die Risiken kleinreden. Auch eine offene Psychiatrie kann man vorübergehend schliessen. Aber offen heisst auch, dass wir mit den Patienten Kompromisse finden können.

Welche Herausforderungen kommen auf die Psychiatrie zu?

Ein Ziel wird sein, die Alterspsychiatrie zu reformieren. Heute werden ältere Menschen rasch in Heime geschickt. Lange wurde bei ihnen die Psychotherapie nicht in Betracht gezogen, man verabreichte nur Medikamente. Das kann aber Schaden anrichten: Medikamente erhöhen die Sturzgefahr und sie können das Gedächtnis beeinträchtigen.

Nebenwirkungen haben Medikamente auch bei Jüngeren.

Das stimmt, aber bei ihnen liegt der Fokus auf der Psychotherapie. Zum Beispiel bei der Behandlung von Depression wird diese viel stärker gewichtet als die Medikamente.

Ist das ein Paradigmenwechsel weg von den Medikamenten?

In gewisser Weise und abhängig von der Diagnose, ja. Am effektivsten ist die Kombination von Therapie und Medikamenten, wir möchten den Patienten möglichst schnell helfen. Der Fokus liegt auf der Psychotherapie.

Wie bringen Sie ihre Arbeit als Professorin in den Klinikalltag ein?

Wir versuchen, die Forschung in den Klinikalltag einzubeziehen, insbesondere die Verbindung von Grundlagen- und angewandter Forschung. Unter anderem wollen wir die ethische Forschung etablieren.

In welchem Zusammenhang?

Im Vordergrund stehen die Selbstbestimmungsrechte. In den somatischen Fächern wurde die Mitbestimmung immer stark gewichtet. Hat jemand Krebs, kann er sich gegen die Chemotherapie entscheiden. Die Psychiatrie muss die Selbstbestimmung stärker ausbauen. Eine Frage ist, wie viel Zwang wir ausüben dürfen – auch wenn er rechtlich möglich wäre. Eine Zwangsbehandlung macht nur Sinn, wenn sie nachhaltig etwas verbessert. Ethisch nicht gerechtfertigt ist, jemanden unter Zwang zu behandeln, nur weil die Person ohne straffällig zu werden in der Gesellschaft Schwierigkeiten macht.

Kommt da der ordnungsliebende Nachbar ins Spiel?

Wenn jemand im Rahmen seiner Erkrankung den Nachbarn stört und selber auch leidet, dann ist die Ordnungsliebe des Nachbarn vielleicht ein guter Anlass, die Person in die Klinik zu bringen. Die Psychiatrie ist aber nicht dazu da, Menschen zu reglementieren.

Haben Sie dazu Beispiele?

Es gibt Fälle, in denen sich die Frage stellt, womit der Patient glücklicher ist. Wichtig ist, nicht nur die Diagnose und ihre Symptome zu sehen, sondern den Menschen und seine Biografie. Ganz wichtig ist die Frage, wie die Krankheit zum Wohlergehen beiträgt. Zum Beispiel führen viele manisch-depressive Patienten ein sehr angepasstes Leben. Sie sind erfolgreich und sozial vernetzt. Wenn sie eine Manie haben, kann es sein, dass sie sehr viel und auch Sinnvolles leisten, zum Beispiel sehr kreativ sind.

Es ist ein schöner Gedanke, dass Krankheit zum Wohlergehen beitragen kann. Aber es fällt schwer zu denken, dies sei auch bei einer Depression der Fall.

Auch dort ist es eine Gratwanderung. Oft treten Depressionen in nachdenklichen Lebensphasen auf, die auch sinnvoll sein können. Ein Beispiel: Jemand ist im Beruf unglücklich und hat ein Burnout. Vielleicht ist das der Anlass, den Job zu wechseln. Ohne Depression wäre es vielleicht nicht so weit gekommen. Aber natürlich möchte man in so einer Situation auch behandelt werden.

Stossen Sie mit der positiven Sicht auf Krankheit auf Widerstand?

Es ist wichtig, die Bedeutung für den Patienten individuell auszuloten und Krankheit da zu behandeln, wo ein Leidensdruck besteht. Nehmen wir eine Angsterkrankung: 20 Prozent der Leute haben Angst vor Spinnen. Arbeitet jemand im Zoo, hat er damit ein Problem. Wenn die Person aber deswegen nicht in den Keller geht und auch nicht in den Keller muss, dann bedeutet die Angst nichts. Ich plädiere für mehr Toleranz, wenn eine Erkrankung den Menschen nicht beeinträchtigt.