Dokumentenfund

«Unentschieden»: Trennung der beiden Basel ist widerrechtlich

Sie könnten mit Ihrem Fund im Hardwald die Geschichte verändert haben: Die Muttenzer Primarschüler Alex, Luca und Andy (v.l.) zeigen auf die Fundstelle.

Sie könnten mit Ihrem Fund im Hardwald die Geschichte verändert haben: Die Muttenzer Primarschüler Alex, Luca und Andy (v.l.) zeigen auf die Fundstelle.

Ein sensationeller Fund in der Muttenzer Hard stellt die Geschichtsschreibung auf den Kopf. Ein Dokument aus dem Jahre 1833 besagt, die Schlacht an der Hülftenschanz kannte keinen Sieger.

Muss die Geschichte der Region Basel umgeschrieben werden? Ein Fund in der Muttenzer Hard legt es nahe. Hier haben Kinder beim Spielen eine sensationelle Entdeckung gemacht. Unter einem halbausgegrabenen Wurzelstock stiessen sie auf einen in Öltuch und Leder eingewickelten Zettel, den ein in der Nähe weilender aufmerksamer Waldarbeiter an sich nahm. «Erst wollten wir ihn einfach wegschmeissen», sagt Angelo Tschudi, zuständiger Abteilungsleiter beim Amt für Wald. «Aber die sorgsame Art der Verwahrung brachte uns dazu, den Fund abzugeben.» Schliesslich gelangte das Schriftstück zur Archäologie Baselland, wo man in helle Aufregung geriet.

Das historische Schriftstück bezeugt das Remis.

Das historische Schriftstück bezeugt das Remis.

Denn unterschrieben haben das Dokument Benedikt Vischer und Jakob von Blarer, die Kommandanten der städtischen respektive der Landschäftler Truppen nach der Schlacht an der Hülftenschanz. «Das ist ein sensationeller, ein epochaler Fund», sagt Kantonsarchäologe Reto Marti. Das Datum prangt ebenfalls auf dem kurzen Schriftstück: 3. August 1833, der Tag, an dem die Kantonstrennung militärisch besiegelt wurde. So jedenfalls die bisherige Geschichtsschreibung. Denn wirklich entscheidend ist der Text. Nur ein Satz, doch er ändert alles: «Wir einigen uns auf unentschieden», hielten die beiden Obristen fest.

Doch wie kam dieses wichtige Dokument in die Hard? Die Vermutung liegt nahe, dass er beim Überfall der Baselbieter auf die abziehenden Basler verloren gegangen ist. Hier, auf der Höhe von Muttenz, starb der ranghöchste Basler, der bei den Scharmützeln sein Leben verlor. Es war der Kommandant der Basler Artillerie, Lukas Landerer. Sein Tod wurde in der Zeit nach der Schlacht zu einem Martyrium verklärt, um ihn ranken sich diverse Legenden.

Warum schwiegen alle?

Ob er nun wirklich im Zweikampf mit dem Kommandanten der Landschäftler Truppen, Jakob von Blarer, gefallen ist oder nicht, man wird es wohl nie erfahren. Und auch nicht, ob die Tötung Landerers mehr als nur eine weitere Tragödie auf dem Rückmarsch der Stadtbasler war, oder gar ein gezielter Anschlag, um ebendieses Stück Papier zurück zu bekommen, das nun in der Hard gefunden wurde. Tat es von Blarer leid, dass er den Städtern ein Remis zugestanden hatte? Und wenn ja, warum schwieg Vischer über das Übereinkommen? Er, der das Kommando nie wollte über den fatalen Basler Aufmarsch. Schwieg er, weil er lieber eine ehrliche Niederlage als ein faules Unentschieden wollte? Auf die Historiker in den beiden Kantonen wird noch einiges an Arbeit zukommen.

Morin Präsident von Gesamtbasel

Auch für Juristen bedeutet der Fund viel Arbeit. Wenn die Schlacht mit einem Unentschieden endete, dann ist die ganze Kantonstrennung hinfällig. Die beiden Basel wurden eigentlich gar nie getrennt, die Wiedervereinigungsbestrebungen fussten auf völlig falschen Voraussetzungen. Und Guy Morin ist Regierungspräsident von Basel bis nach Ammel. Vom Bölche bis zur Chrischona. «Für diese Herausforderung trete ich gerne von meinem Rücktritt zurück», sagt Morin dazu. Ihm gefalle der Gedanke einem Kanton vorzustehen, der mehr Grün zu bieten hat als die Schützenmatte.

Allerdings gibt es auch Stimmen in der juristischen Zunft, die dem Dokument absprechen, eine derartige Wichtigkeit zu besitzen. Die Baselbieter hätten sich ihren Kanton, also ihren Besitz ersessen. Denn wer ein Gut über eine lange Zeit in seinem Besitz hat, ohne dass jemand darauf Anspruch erheben würde, dem gehört es irgendwann. «Schliesslich kommt auch niemand auf die Idee, den Vatikanstaat Italien zuzuschlagen, bloss weil man heute weiss, dass die Urkunde, die sogenannte ‹Konstantinische Schenkung›, eine Fälschung ist», sagt Paola Ridola, die Dekanin der juristischen Fakultät der Universität Rom.

Diese Meinung teilt auch Ruedi Stohler. Er ist zwar nicht Jurist, aber Präsident des Vereins «Stolze Baselbieter» und kämpft in dritter Generation gegen die Wiedervereinigung der beiden Basel. «Es ist mir egal, was die beiden auf einen Zettel gekafelt haben, wir bleiben unabhängig».

Eine Kopie des historischen Schriftstückes, das mit grosser Sicherheit auch das Bundesgericht noch beschäftigen wird, ist heute Vormittag zwischen 9 und 11 Uhr beim basiliensischen Zentrum (bz) an der Viaduktstrasse 42 zu besichtigen.

Autor

Nicolas Drechsler

Nicolas Drechsler

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