Textilindustrie
Unfaire Löhne sind die Kehrseite der «Geiz ist geil»-Mentalität

Der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch und die Forderung nach gerechten Löhnen am 1. Mai verweisen auf dasselbe Problem: Wenn wir hierzulande billig einkaufen, fördern wir tiefe Löhne und Ausbeutung.

Matthias Zehnder
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Beim Einsturz einer Textil-Fabrik in Bangladesch starben über 400 Menschen.

Beim Einsturz einer Textil-Fabrik in Bangladesch starben über 400 Menschen.

Keystone

Mehr als 400 Menschen sind beim Einsturz einer Textilfabrik bei Dhaka in Bangladesch ums Leben gekommen. Über 1000 Menschen wurden dabei verletzt. Rund 2000 Menschen haben in dem achtstöckigen Gebäude gearbeitet. Vermutlich ist es ohne Bewilligung aufgestockt worden. Vor acht Jahren ist in der gleichen Region schon einmal eine Textilfabrik zusammengebrochen.

In 4500 Kleiderfabriken produzieren in Bangladesch vor allem Frauen oft unter prekären Bedingungen Kleider für den Westen. Bangladesch ist nach China der zweitgrösste Textilproduzent der Welt. Die Textilfabriken des Landes sind vor allem eines: billig.

Einige Tage nach dem Einsturz der Textilfabrik haben Arbeiter und Angestellte in der Schweiz den 1. Mai gefeiert. In Basel ist der «Weltfeiertag der Arbeit» seit 1923 ein Frei-Tag. Eine der wichtigsten Forderungen der Gewerkschaften am diesjährigen 1. Mai: Wer in der Schweiz hundert Prozent arbeitet, soll von seiner Arbeit leben können.

Am schlechtesten bezahlt sind Berufe wie Coiffeuse oder Gebäudereiniger, Kellner oder Verkäuferin. Im Mittel verdienten die Arbeitnehmenden in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik im Jahr 2010 monatlich rund 5979 Franken. Ein Zehntel der Arbeitnehmenden bezog dabei mehr als 10 833 Franken, ein Zehntel weniger als 3953 Franken.

Bangladesh und Basel: Was hat der Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch mit dem Einsatz der Gewerkschaften für faire Löhne in der Schweiz zu tun? Unfair tiefe Löhne in der Schweiz und prekäre Arbeitsbedingungen in Bangladesch haben dieselbe Ursache: unfaire Preise. Anders gesagt: Tiefe Löhne und ausgebeutete Arbeiterinnen und Arbeiter in Billiglohnländern sind die Kehrseite der «Geiz ist geil»-Mentalität.

Wir Konsumenten sind eine Macht

Es gibt einen Weg, wie sich jede Konsumentin und jeder Konsument für faire Bezahlung der Arbeitenden einsetzen kann: indem wir alle fair einkaufen. Wir Konsumenten müssen die Modelabels zwingen, sich um ihre Lieferketten zu kümmern. Es kann nicht sein, dass Textilfirmen mit dem Produktionsauftrag nicht nur die Arbeit, sondern auch die Verantwortung auslagern. Wir Kunden müssen sie zwingen, die Verantwortung für die Näherinnen und Büglerinnen wahrzunehmen. Und es geht nicht nur um die Textilfabriken im Fernen Osten. Es geht auch um die Läden hier in der Schweiz, um Schuhläden genauso wie um Restaurants, Möbelboutiquen oder Coiffeursalons und Reinigungsfirmen.

Experten sagen, dass schon kleine Konsumentengruppen grossen Einfluss auf die Hersteller haben können. Es gab eine Zeit, da waren Bioprodukte nur im Reformladen erhältlich. Dann begannen sich immer mehr Kunden für Bio zu interessieren. Heute gibt es in jedem Supermarkt ein Bio-Sortiment. Nach dem Bio-Boom ist es an der Zeit, einen Fairness-Boom loszutreten.

Wir Konsumenten müssen die Hersteller zwingen, ihre Produkte fair zu produzieren und ihre Mitarbeiter fair zu bezahlen. Nicht nur in Bangladesch, sondern auch in der Schweiz. Das ist keine Utopie, sondern eine reale Möglichkeit. Denn die Könige im Handel sind nicht die Hersteller und auch nicht die Verkäufer. Die Könige im Handel sind wir Kunden. Und deshalb sind letztlich auch wir Kunden für die Zustände in Bangladesch mitverantwortlich.