Analyse

Unfreiräume: Die Analyse zur Basler Stadtplanung in Zeiten des Umbruchs

Patrick Marcolli
Aufwertung und Protest: In der Stadt Basel stehen diese Gegensätze oft nahe beieinander.

Aufwertung und Protest: In der Stadt Basel stehen diese Gegensätze oft nahe beieinander.

Der Arealmanager beschliesst, dass die Beauftragten der einzelnen Gewächshäuser einen detaillierten Bespielungsplan vorzulegen haben. Getränke dürfen, so schreibt es das Amt für Umwelt und Energie vor, nur in Mehrwegbechern ausgeschenkt werden. Ausserdem werden die alten Glasscheiben der Treibhäuser demnächst durch neue, wärmedämmende Gläser ersetzt. Betriebsschluss ist nachts um 2 Uhr, der Lärmstufenplan ist zu jeder Zeit einzuhalten.

Ungefähr so würde sich wohl die Situation in der Alten Stadtgärtnerei im St. Johann heute präsentieren, wäre sie denn 1988 nicht von der Polizei gewaltsam geräumt worden. Seit diesem faktischen Ende der Jugendunruhen der achtziger Jahre hat Basel eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Hardliner, die jeglichen Drang nach Freiraum im Namen einer ordentlichen Spiessigkeit mit der Macht der Staatsgewalt zertrümmern, sind politisch marginalisiert und haben nichts mehr zu sagen. An ihre Stelle getreten sind Politiker und Verwalter, die grosses Verständnis aufbringen für neue Formen urbaner Existenz, für Klima- und Naturschutz, für öffentliche Nutzungen. Mit «Es si alli so nätt», besang der Kabarettist Franz Hohler Ende der Achtzigerjahre die Mächtigen jener Zeit. Er meinte es ironisch: Freundliche Fassade, knallharter Kern. Heute sind alle nett. Verständnisvoll. Tolerant. Partizipativ denkend. Und natürlich nur das Beste wollend. Die Politik und die Stadtplaner, die den Zeiten der gewaltsamen Proteste erwuchsen, sind mehrheitlich rot und grün und friedlich und in ihrer Lebensweise oft auch sehr bürgerlich. Man erfand in Basel dazu passend die Form der Zwischennutzung. Räume und Häuser auf Zeit. Dagegen kann niemand etwas haben. Konsens, wohin man blickt.

Alles schien in den vergangenen Jahren also auf bestem Weg in dieser kleinen Stadt am Rhein. Riesige Industrieareale wurden und werden frei, bereit zur Transformation in neue Wohn- und Arbeitsquartiere. Und dann kam die Corona-Pandemie. Die Wohnung wurde zum Rückzugsort der Menschen, die enge, dichte Stadt als Lebensumfeld auf eine harte Probe gestellt.

Auch wenn sich das traditionelle Messewesen seinem Ende nähert und Lücken in Gastronomie und Hotellerie reissen wird: Dank den Steuern der Pharmaindustrie wird die Stadt wohl keine riesige konjunkturelle Delle zu befürchten haben. Also weitermachen in der Stadtplanung wie bisher? Die Versuchung ist gross. Dabei würde gerade jetzt ein kurzer Moment der Entschleunigung und des Innehaltens gut tun.

Stadtentwickler Lukas Ott hat im Interview mit dieser Zeitung angedeutet, dass die Verwaltung «nach Corona» zumindest an einem kleinen Paradigmenwechsel bastelt. Wohnen soll in den künftigen Quartieren (noch) wichtiger werden, die bisher sterile und schlecht durchmischte mittelalterliche Kernstadt durch mehr Gastronomie und mehr bespielbare Aussenflächen vor dem endgültigen Abgleiten ins Museale gerettet werden.

Das ist im Prinzip sicher richtig. Die Frage ist nur: Wie weit sind die Behörden bereit, dafür zu gehen? Faktisch gelingt eine wirkliche Belebung der Innenstadt nämlich nur durch eine Deregulierung, eine spürbare Verminderung der Vorschriften und Verordnungen für den öffentlichen Raum. Eine solche wäre zu begrüssen. Sie führt eben im Kern auch zur eingangs skizzierten Frage danach, was Freiräume eigentlich sind. Die konsensuale Politik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die staatlichen Vorgaben für Zwischennutzungen, und seien sie noch so gut gemeint, aus vermeintlichen Freiräumen Unfreiräume machen. Sie würgen Kreativität ab aus der Befürchtung, dass mehr oder weniger latent vorhandene Nutzungskonflikte aufbrechen – die Angst vor Lärm, die Angst vor Unordnung im weitesten Sinn.

Sollte in den nächsten Jahren die Umwandlung der grossen Areale in der Stadt mit dem gleichen Tempo wie bisher vorangetrieben werden, gibt es bald nichts mehr, was als Freiraum im engeren Sinn gelten kann. Wir würden dann in einer schön geplanten, aber letztlich an der eigenen Planung erstickenden Stadt leben. Schön gestaltete und geregelt «bespielte» Plätze und Parks sind zwar wichtig, gerade in Zeiten von Pandemie-Vorschriften, aber bei Weitem nicht alles. Die Stadt sollte dem Druck von Investoren standhalten, einen Gang zurückschalten und zum Beispiel das Rheinufer im Klybeck mit seinen kulturellen Zwischennutzungen von den Planungen ausnehmen und einfach mal so belassen, wie es ist. Dieses Vertrauen der Behörden in die eigene Bevölkerung, die gerade in den vergangenen Wochen ein grosses Mass an gutem Willen und auch an Kreativität bewiesen hat, würde sich langfristig lohnen. Und es gäbe endlich wieder Freiräume, die diesen Namen auch verdienen.

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