Glosse
Unfreiwilliger Nervenkitzel für einen guten Zweck

Wenn es doch nur für die Dauer der Baustelle wäre: Velofahrer können auf der Mittleren Brücke schon mal für die Zukunft üben.

Martina Rutschmann
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Freie Fahrt über den Rhein? Das war einmal. Für Velofahrer ist die Mittlere Brücke derzeit keine gemütliche Strecke.

Freie Fahrt über den Rhein? Das war einmal. Für Velofahrer ist die Mittlere Brücke derzeit keine gemütliche Strecke.

Martin Toengi

Endlich kann man dem Departement Wessels wieder Baustellen vorwerfen. Ein Klassiker im Sommer. Statt die Stadt in Frieden ruhen zu lassen, sorgen die Bauverantwortlichen auch in diesem Jahr für Lärm und Staub und behindern den Fussgänger-, Velo- und öV-Verkehr (wer es noch nicht weiss: Autos gibt es in Basel nur noch ausnahmsweise). Prominente Baustelle: Mittlere Brücke. Was mal ein wunderbarer autofreier Spazierweg und eine radikale Velo-Vorzeigeroute war, ist jetzt die Hölle von einer Baustelle. Ausgerechnet jetzt, da die Schwimmsäcke aus ihren Löchern kriechen und zum Fluss wallfahren, wird auf deren Pilgerweg gebohrt, gebaggert, geschaufelt.

Klar, wie jede Baustelle dient auch diese einem guten Zweck: Das Trottoir wird so stark verbreitert, dass Fussgänger zu viert nebeneinander flanieren können oder, anders gerechnet, Mami links und Papi rechts vom Zwillingswagen – und der Hund hat auch Platz. Es kommt der Verwirklichung eines Menschenrechts gleich, was da fabriziert wird. Bis es im September aber so weit ist mit der Fussgängermeile, muss jeder, der die Brücke überquert, um sein Leben bangen. Wobei die sonst ständig von Velo-Rowdys bedrohten Fussgänger für einmal ausgenommen sind, da eine Bauabsperrung und ein Bagger-Graben sie von der Fahrbahn trennen.

Diesmal sind es die Velofahrer selber, die zahlreiche Herausforderungen bewältigen müssen, wenn sie unverletzt vom Gross- ins Kleinbasel oder umgekehrt gelangen wollen. Sie müssen geübte Slalomfahrer sein, die ihre innere Mitte zwecks Haltung des Gleichgewichts genau kennen. Aufmerksamkeit ist ebenfalls Voraussetzung, da ständig ein Tram oder ein Bus, ein Taxi oder ein Auto mit Nidwaldner Kennzeichen aufkreuzt und die Situation verschärft.

Wegen all der Bagger, die sich in ihren Gräben drehen und ihre Krallen über der Fahrbahn ausfahren, ist die Fähigkeit des weitsichtigen Denkens ebenfalls Pflicht. Genauso wie Folgsamkeit und Geduld, wenn die Sicherheitsmenschen mit den gelben Westen die Velofahrer per Handzeichen auffordern, auszuschwenken, zu warten, zuzufahren. Eine asketische Grundhaltung in mehrfacher Hinsicht kann auch nicht schaden. Alkohol ist auf dieser Fahrbahn krimineller als anderswo, da dessen Wirkung bekanntlich schon manche Räder in Tramgeleise fahren liess, oft mit fatalen Folgen. Verzichten sollte der vernünftige Velofahrer aber auch auf den Sehgenuss, der sich ihm beim Überqueren dieser historisch kostbaren Brücke bieten könnte.

Ein Blick auf den Rhein, die Kaserne oder das Münster könnte den Zusammenstoss mit einem Kinderanhänger oder jenen mit einer Velofahrerin, die auch unter Gefahren singt, zur Folge haben. Lärmempfindliche Gemüter sind angehalten, den Bohr- und Baggerlärm zu erdulden und sich vor Augen zu halten, dass die monatelange Bauerei einem guten Zweck dient und bald gruppenweise Fussgänger glücklich sein werden, auch Touristen – und die spülen erst noch Geld in unsere Kasse.

Der Haken ist allerdings, dass sich für den geplagten und gefährdeten Velofahrer mit der Beendigung der Bauarbeiten und der Einweihung des Trottoirs gar nichts ändert: Die Velofahrbahn wird dank des neuen Fussgängerboulevards so schmal sein, wie sie es jetzt wegen der Baustelle ist. Und das in einer Stadt, deren Ziel es ist, velofreundlichste Stadt der Welt zu werden.