Keine Arbeit zu haben ist ein Gesundheitsrisiko. Und wer einen Job hat, den machen nicht unbedingt lange Arbeitstage krank, sondern die Bedingungen. Wann Arbeit krank macht und warum es so schwerfällt, abzuschalten, erklärt Joachim Bauer im Interview. Bauer ist Professor für Medizin, Neurobiologe Arzt und Psychotherapeut. Er arbeitet als Oberarzt an der Klinik für Psychosomatische Medizin des Uniklinikums Freiburg im Breisgau. Bauer ist am Donnerstag zu Gast in Basel an der Tagung «Die eingebildete Gesundheit. Mehr oder weniger oder andere Medizin?» im Philosophicum. Das Interview wurde schriftlich geführt.

Herr Bauer, wir haben mehr Freizeit als unsere Grosseltern und mehr Freiheiten als unsere Eltern. Sind wir weniger leistungsfähig als frühere Generationen?

Joachim Bauer: Verglichen mit unseren Eltern und Grosseltern haben wir heute eine Arbeitswelt, die uns – vor allem körperlich – deutlich weniger verschleisst. Zugenommen gegenüber früher haben dagegen die mentalen, nervlichen Belastungen. Die Beanspruchung der heute arbeitenden Menschen ist also eine sehr viel andere als früher. Aber weniger leistungsfähig sind die Menschen heute nicht.

Viele Menschen sagen, sie seien ausgebrannt. Ist das ein Hilferuf?

Wenn es um die Gesundheit am Arbeitsplatz geht, sollten wir uns von einer Betrachtung der Fakten leiten lassen, denn Stimmungsmache, Hilferufe und Ähnliches helfen uns nicht weiter. Vielen Menschen geht es am Arbeitsplatz heute gut, andere haben Probleme, was entweder mit der Situation am Arbeitsplatz, mit privaten Verhältnissen eines Menschen oder auch mit beidem zu tun haben kann.

Wie viel Arbeit ist gesund?

Besonders ungesund ist, wie alle Studien zeigen, wenn ein Mensch gerne arbeiten möchte aber keine Arbeit findet. Erwachsene Menschen, die weder an einer körperlichen noch an einer psychischen Erkrankung leiden, können problemlos bis zu 40 Stunden in der Woche arbeiten. Wem die Arbeit Spass macht, der kann auch 45 Stunden in der Woche mühelos meistern. Gefährlich wird es, wenn Menschen ihren gesamten Selbstwert nur über die Arbeit beziehen und in einer Art Arbeitssucht ihre Belastungsgrenzen erst dann spüren, wenn sie mit einer Herzkrankheit oder Depression einbrechen.

Wo liegt die Grenze zwischen Herausforderung und Überforderung?

Ob Menschen am Arbeitsplatz gesund bleiben oder nicht, hängt von mehreren Faktoren ab. Die Arbeitsmenge ist nur ein Aspekt. In den meisten Fällen, die mir als Arzt begegnet sind, wurden Menschen nicht wegen der Arbeitsmenge krank, sondern weil am Arbeitsplatz entweder permanent Hetze herrscht, weil die Balance zwischen Verausgabung und Anerkennung nicht mehr stimmt, oder weil Menschen bei ihrer Arbeit durch überzogene Kontrollen und Vorschriften übermässig eingeengt werden. Ein weiterer Aspekt ist eine angemessene Bezahlung. Wer Vollzeit arbeitet und davon nicht leben kann, kann auf Dauer nicht gesund bleiben.

Was sind die Anzeichen, dass sich jemand übernimmt?

Anzeichen, die man sehr ernst nehmen sollte, sind die Unfähigkeit, abends abschalten zu können und Probleme mit dem Schlaf, vor allem morgendliches Früherwachen um 3 oder 4 Uhr und dann ein grübelndes Wachliegen, bei dem sich die Gedanken dann um die Frage drehen, ob und wie den bevorstehenden Tag bewältigen kann.

Häufige oder lange krankheitsbedingte Absenzen sind für Betroffene leidvoll und kosten Arbeitgeber und die Gesellschaft Geld. Welche Art von Gegensteuer braucht es, um die Zunahme von körperlichen und psychischen Krankheitsfällen zu bremsen?

Was mich am meisten frustriert ist, wenn unter Stress leidende Beschäftigte – oft für längere Zeit – einfach krank geschrieben werden, ohne dass eine ambulante oder stationäre psychosomatische Behandlung stattfindet, durch die der Betroffene lernen können, mit sich und den Belastungen am Arbeitsplatz anders umzugehen. Wer die Zeit für eine spezifische Therapie nutzt, kann viel für sich lernen und sich vor künftigen gesundheitlichen Einbrüchen schützen.

Sie haben besonders die Gesundheit von Lehrpersonen untersucht. Sind Lehrer anfälliger für die Diagnose Burnout als andere Berufsgruppen?

Die Belastungen im Lehrerberuf sind besonders hoch. Dieser Beruf gehört zu den anstrengendsten Berufen, welche die Gesellschaft derzeit zu vergeben hat. Gehen Sie einmal heute in eine normale durchschnittliche Klasse, egal, ob in der Grundschule, in einer weiterführenden Schule oder einer Berufsschule. Was Ihnen da an Desinteresse, ungehörigem Verhalten und Aggressivität als Lehrkraft entgegenschlägt, ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Viele Eltern, beziehungsweise ein Teil der Gesellschaft, findet das auch noch ok.

Auch in anderen Jobs reiben sich Angestellte an Strukturen, an Vorgesetzten und der Arbeitssituation zum Beispiel im Grossraumbüro oder in der Schichtarbeit auf.

Klar, auch andere Berufe sind anstrengend. Speziell die Schichtarbeit hat eine wissenschaftlich erwiesene, starke negative Wirkung auf die Gesundheit. Ansonsten sind es vor allem Berufe, wo Menschen bei der Arbeit direkt für andere Menschen tätig werden und für gute Kommunikation sorgen müssen, egal wie schwierig die jeweiligen Klienten auch sein mögen.

Abschalten sei die Lösung, heisst es oft. So simpel ist das aber nicht – auch, weil der Mailaccount auf dem Smartphone, Twitter, Facebook und Whatsapp dauernd Informationen zum Job, aus dem Leben der Freunde und so weiter liefern. Hinzu kommen die Gedanken, die sich, wie Sie sagen, nicht einfach abschalten lassen. Welche Strategien empfehlen Sie?

Manche Dinge kann man kaum ändern. Auf vieles kann man aber sehr wohl Einfluss nehmen, zum Beispiel auf den Umfang, in dem wir uns den Neuen Medien ausliefern. Man kann die Gadgets, vor allem im Privatleben, auch einfach mal ausschalten. Noch eine Bemerkung zum Multitasking: Die Notwendigkeit mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, ist ein Teil unserer realen Arbeitswelt. Gut fürs Gehirn, das zeigen Studien, ist es aber nicht. Daher empfiehlt es sich – sowohl mit Blick auf das Gehirn als auch mit Blick auf die Qualität der Arbeit-, möglichst oft nur eine Sache gleichzeitig zu machen.

Tagung: Die eingebildete Gesundheit,
5. bis 7. März, Philosophicum, St. Johanns-Vorstadt 19-21. Der Themenblock

Gesundheit und Arbeit ist am Freitag, dem 6. März, 16 bis 17.30 Uhr.
Das ganze Programm:
www.philosophicum.ch