Zutritt zum Tierversuchslabor der Universität Basel erhält nur, wer sich bis auf die Unterwäsche auszieht. Die neuen Kleider liegen in der Garderobe bereit: synthetischer Overall, Handschuhe, Operationsmaske, Haarhaube und Plastikschuhe. Die Hände werden eingeseift, desinfiziert und mit Alkohol eingesprüht.

Vor jeder Tür steht ein Becken mit Desinfektionsmittel, durch das die Ein- und Austretenden waten müssen. «Unter jedem Schuh lebt ein Zoo», sagt der Entwicklungsbiologe Rolf Zeller. Die Hygienemassnahmen sind nicht zum Schutz der Menschen, sondern der Tiere und der möglichst perfekten Laborbedingungen.

Das Radio läuft dauernd. «Die Mäuse mögen Musik. Das beruhigt sie», weiss Zeller. Als ein Moderator unterbricht, zuckt er zusammen und schaltet leiser. Die Tiere könnten gestört werden. «Die Mäuse sind sehr sensibel», betont er. Die Maus auf seiner Hand zuckt bei jedem Blitzlicht des zuvor dekontaminierten Fotoapparats zusammen. «Die vom gescheiterten Geothermieprojekt ausgelösten Erdbeben waren für die Tiere eine Katastrophe», berichtet Zeller.

Besser behütet als Haustiere

Die etwa 2000 Tiere seines Labors machen einen friedlichen Eindruck. Wer bei einem Tierversuchslabor an einen Zoo mit schreienden Tieren denkt, liegt in diesem Fall falsch. Die Forscher setzen alles daran, dass es den Mäusen gut geht. Werden sie nicht artgerecht gehalten, pflanzen sie sich nicht fort. «Die Haltung von Labortieren ist strenger und besser als jene von Haustieren», sagt Zeller.

Auch aus Kostengründen liegt ihm das Wohl der Tiere am Herzen. Die Vollkostenrechnung einer Labormaus: 80 bis 100 Franken pro Jahr. Insgesamt forscht die Universität Basel an 35 000 bis 40 000 Mäusen. In Zellers Labor sterben jährlich etwa 1200 Mäuse für die biomedizinische Forschung.

Der Grundlagenforscher züchtet Mäuse mit Tumoren. Die Erkenntnisse sollen helfen, kindliche Hirntumore zu therapieren. Direkt am Menschen sei diese Forschung nicht möglich: «Kommt ein Kind mit einem Tumor ins Spital, ist es zu spät: Die Krankheit ist zu weit fortgeschritten.» Um die Ursachen zu erforschen, entnimmt Zeller den Mäusen die Tumore in frühem Stadium. Bei einem anderen Projekt sind die Mäuse gesund: Zeller und sein Team untersuchen, wie die Zellteilung in Embryos funktioniert. Das liefert Rückschlüsse auf die Entwicklung von Tumoren.

Jeder Versuch muss vom Basler Veterinäramt bewilligt werden. Dabei wird abgemacht, wie viele Mäuse sterben und wie stark sie leiden dürfen. Auf die provokative Frage, ob es nicht egal sei, wenn eine Maus leide, reagiert Zeller entsetzt: «Wenn das einer meiner Mitarbeiter sagen würde, hätte er ein Problem mit mir.» Und: «Bei uns tötet niemand gerne. Es ist ein notwendiges Übel.»

«Diese Tiere haben sehr gelitten»

Manchmal hat aber auch der Biomediziner Mühe. Zellers Team führte ein Überlebensexperiment durch: Es untersuchte an einigen wenigen Mäusen, wie lange es geht, bis sie am Tumor sterben. «Ich bin froh, dass wir das hinter uns haben. Diese Tiere haben sehr gelitten», bedauert Zeller. Hat er mit den anderen Mäusen kein Mitleid? «Wenn ich dauernd mit ihnen mitleiden würde, könnte ich diese Arbeit nicht machen. Ein Chirurg darf auch kein Mitleid haben, wenn er einen Schwerverletzten operiert. Man muss damit professionell umgehen könnten.»