Tag der Philosophie

Uni-Basel-Rektor Loprieno: «Denken allein ist mir zu wenig»

«Die Philosophie schützt die Gesellschaft davor, in Gleichheit zu versinken»: Uni-Rektor Antonio Loprieno.

«Die Philosophie schützt die Gesellschaft davor, in Gleichheit zu versinken»: Uni-Rektor Antonio Loprieno.

Der dritte Donnerstag im November ist Welttag der Philosophie. Er soll daran erinnern, «dass Philosophie als Disziplin zum kritischen und unabhängigen Denken ermutigt». Antonio Loprieno, Rektor der Uni Basel, will genau dort aufbauen und das disziplinierte Denken fördern.

Herr Loprieno, wozu brauchen wir (heute) Philosophie?

Antonio Loprieno: Ich glaube, wir brauchen Philosophie aus zwei Gründen: aus einem historischen und aus einem gesellschaftlichen Grund. Der historische Grund ist, dass sich hinter der Philosophie die Geschichte des abendländischen Denkens verbirgt. Der gesellschaftliche Grund liegt darin, dass wir die Philosophie brauchen, um als bewusste Bürger einer demokratischen Gesellschaft operieren zu können. Es geht also nicht nur darum, zu wissen, wie andere gedacht haben, sondern auch darum, das eigene Denken zu disziplinieren.

Und wozu brauchen wir die Philosophie gerade heute?

Meine Antwort wird Sie da überraschen: weil wir in einer Zeit leben, in der die Philosophie nicht mehr die zentrale Rolle in unserem Verständnis von Bildung spielt. Wir kommen aus einer Zeit, da Philosophie zum traditionellen Background des Bildungsbürgers gehörte. Heute ist das nicht mehr der Fall, deshalb müssen wir uns um die Philosophie bemühen, um nicht die negativen Folgen des Mangels an formalem intellektuellen Training zu haben. Je mehr wir uns gesellschaftlich an sogenannten Nutzdisziplinen orientieren, desto mehr ist es ein Teil des Bildungsauftrags, dass wir uns um jene Disziplinen bemühen, die keinen unmittelbaren Nutzen haben.

Philosophie hat also keinen unmittelbaren Nutzen?

Das kommt auf die Definition von Nutzen an. Ich meine damit das wirtschaftliche Verständnis von Nutzen. Ich verstehe Nutzen selbst auch breiter: Es geht um den gesellschaftlichen Nutzen von Philosophie.

Welches ist der gesellschaftliche Nutzen genau?

Ich hoffe, nicht politisch inkorrekt zu werden: Der gesellschaftliche Nutzen ist die Fähigkeit der Infragestellung. Das Problem der Entwicklung des akademischen Diskurses ist in den letzten Jahren gewesen, dass wir uns (aus guten Gründen) an eine relativ unmittelbare Verbindung zwischen Bildung und Ausbildung orientiert haben: Bildung soll in Employability münden, also in Arbeitsmarktfähigkeit. Diese Verbindung hat uns als Gesellschaft, insbesondere als Schweizer Gesellschaft, sehr stark beschäftigt. Ich kritisiere das nicht, das ist einfach so. Die Frage ist, wie sich eine demokratische Gesellschaft davor schützt, dass am Schluss alle gleich denken, weil sie dasselbe Ziel anstreben. Das wäre nicht gut, weil wir dabei unsere Innovationskraft verlieren würden. Ein Mittel dafür ist die Philosophie.

Die Philosophie ist also der Stachel im Fleisch, das Salz in der Suppe?

Das ist ganz genau richtig. Philosophie bietet uns die Gelegenheit, in dem Moment, da wir denken, alles richtig zu machen, weil es uns zum Beispiel wirtschaftlich gut geht, einen anderen, einen «störenden» Gedanken zu hegen.

Erklärt das die Beliebtheit der Philosophie unter Schülern?

Ich glaube, die Attraktivität der Philosophie unter Schülern entspringt einer Sehnsucht. Unter jungen Menschen stellt man eine Sehnsucht nach Werten fest. Der «digital turn» hat eine orientierungslose Gesellschaft herbeigeführt. Heute ist alles möglich, deshalb gibt es diese Sehnsucht nach Orientierungswissen. Die Philosophie kann einen Teil dieser Orientierung leisten und Orientierung geben in einer Welt, in der alles relativ geworden ist.

Jetzt gibt es gleichzeitig einen gewissen Boom von «Bindestrichphilosophien». Es gibt die Rechtsphilosophie, die Kulturphilosophie, die Wirtschaftsphilosophie...

Eine Begleiterscheinung unserer Entwicklung des gesellschaftlichen Diskurses ist auch eine extreme Fragmentierung des Wissens. Ich weiss immer mehr über immer weniger. Eine Folge davon ist, dass neue Fächer entstehen. Dadurch gehen aber gerade die vereinheitlichenden Elemente verloren, welche einen Teil von Bildung darstellen. Der Boom der Bindestrichphilosophien ist Ausdruck davon, dass man die Quadratur des Kreises sucht und versucht, die Vielfalt der Wissenschaft mit einer Vereinheitlichung des Wissens zu kombinieren. Ich selbst bin Ägyptologe. Die Ägyptologie hat einen extremen Grad an Spezialisierung. Ich kann nicht einmal mehr mit einem Assyriologen reden, wir haben nichts mehr gemeinsam. Durch eine Ägyptenphilosophie suche ich diese Einbindung in einen gesamten geisteswissenschaftlichen Diskurs.

Welche Rolle spielt die Philosophie an der Uni Basel?

Der momentane Stand ist, dass wir zwei Drittel der Philosophie erneuern müssen: Wir müssen gerade zwei Professuren neu besetzen. Die Philosophie wird sich also demnächst neu gründen. In welche Richtung das geht, können wir noch nicht sagen, weil die Suche gerade angefangen hat. Im Idealzustand spielt die Philosophie eine Rolle als wichtiges Grundlagenfach der Geisteswissenschaften, wichtiger als zum Beispiel die Ägyptologie. Ich würde sagen, in der Hinsicht ist die Rolle der Philosophie an der Uni Basel vergleichbar mit anderen europäischen Universitäten.

Heidegger hat festgestellt, dass nicht der Mensch das Denken beherrscht, sondern das Denken den Menschen.

Das ist ein Gedanke, der ein Kind des deutschen Idealismus ist. Ich selber orientiere mich eher an der Tradition des englischen Empirismus. Wenn man an den Geist glauben würde oder an das absolute Denken, hätte man als Rektor einer universitären Institution ein gewisses Problem.

Philosophie ist einerseits das Nachdenken über den Sinn des Lebens und andererseits das Nachdenken über das Denken selbst, über Begriffe etwa, das gedankliche Handwerkzeug. Kann es sein, dass das heute zu kurz kommt?

Wenn man ganz kurz die wesentlichen Merkmale des zeitgenössischen Diskurses präsentieren wollte, müsste man sagen: Wir leben in einem poststrukturalistischen Zeitalter. Ein zentrales Merkmal ist die Enttäuschung über den absoluten Wert von Aussagen. Wir haben Personalisierung, Individualisierung, die persönliche Erfahrung als zentrale Erfahrung des Denkens, diese Rehabilitierung, fast Verehrung der Individualität unter Ausblendung der vereinheitlichenden Werte. Es gibt keine absoluten Wahrheiten mehr, deshalb werden alle Ideologien infrage gestellt. Dieser Verlust, auf den Sie anspielen, ist ein Verlust des poststrukturalistischen Zeitalters, indem eine extreme Relativierung stattfindet. Durch die poststrukturalistische Relativierung der Ideologien entsteht das zeitgenössische Unbehagen. Die Antwort auf dieses Unbehagen ist das Basteln eigener Werte. Weil wir aber politische Tiere sind, bleibt diese Sehnsucht nach Vereinheitlichung.

Wie schafft man den Einstieg in die Philosophie?

Ich kann ihnen kein Vademekum oder einen Buchtipp geben. Wenn jemand mit dieser Anfrage an mich käme, würde ich ihm sagen: Lesen Sie an jedem Samstag die Feuilleton-Teile der wichtigsten Zeitungen, und zwar von A bis Z, und machen Sie diese Erfahrung etwa sechs Monate. Denken Sie nicht darüber nach, lesen Sie einfach. Wir sprechen in sechs Monaten wieder darüber. Das Verständnis von Philosophie, das wir in diesem Gespräch verhandelt haben, ist kein technisches Verständnis von Philosophie, es ist eine Sehnsucht nach Orientierung. Ein guter Einstieg ist eine kritische Reflexion. Ich habe diese Erfahrung selbst gemacht, indem ich letztes Jahr jeden Samstag den kompletten Feuilleton-Teil von NZZ und FAZ gelesen habe. Ich hatte das Gefühl, dass ich nach einem Jahr die Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz verstanden habe. Dieses Vorgehen hat nichts mit Philosophie im technischen Sinn zu tun, aber mit ihrem gesellschaftlichen Sinn. Machen Sie das Experiment, Sie werden lernen, sich zu orientieren.

Etwas verkürzt: Philosophie ist Denken?

Nicht ganz: Philosophie ist diszipliniertes Denken. Die Diszipliniertheit ist mir sehr wichtig, Denken allein ist mir zu wenig.

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