Spiders in Space
Uni Basel schiesst Spinnen ins Weltall: Schwerelosigkeit wirkt sich auf das Netzbauverhalten der Tiere aus

Ein Spinnennetzexperte der Uni Basel hat zusammen mit der NASA Spinnen auf die internationale Raumstation ISS geschickt. Die kürzlich veröffentlichte Studie zeigt bisher unbekannte Auswirkungen von Licht auf die Struktur der Spinnennetze.

Zara Zatti
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Spinnenim All

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bz

Es klingt wie ein Space-Horrorfilm: 2008 schickt die NASA Spinnen auf die Internationale Raumstation ISS, um zu erforschen, wie sich Spinnennetze ohne den Einfluss der Gravitation entwickeln. Doch dann geht einiges schief: Dem einen Krabbeltier gelingt es aus seiner Box zu entkommen, und die Fruchtfliegen, die als Nahrung gedacht waren, vermehren sich unkontrolliert. Die Larvenhüllen verkleben die Glasscheibe und die Forscher sehen nichts mehr. Das Experiment scheitert. Drei Jahre später wagt die Nasa einen erneuten Versuch, und holt sich dabei Schweizer Hilfe: Den Spinnennetzexperten Samuel Zschokke von der Universität Basel.

Die These: Symmetrischere Netze im Weltall

2011 werden also wieder zwei Spinnen der Art Trichonephila clavipes, besser bekannt unter dem Namen Goldene Seidenspinne, ins All geschossen. Zschokke entschied sich für die Seidenspinne, weil diese besonders asymmetrische Netze ausbildet. Durch ihren länglichen Hinterleib kann man ausserdem leicht feststellen, in welche Richtung sie schaut. Auf der Erde ist das Zentrum von Spinnennetzen nämlich gegen oben hin verschoben, die Spinnen sitzen mit dem Kopf nach unten auf ihren Fallen.

Die These der Forscher: Durch die fehlende Erdanziehung werden die Spinnen symmetrischere Netze spannen. Ausserdem würden sich die Tiere nicht in Richtung Boden, sondern zufällig ausrichten. Zwei Vergleichstiere verblieben als Referenzgruppe auf der Erde. Die Ergebnisse der Studie erschienen vor Kurzem im Fachmagazin The Science of Nature.

Fehlt die Gravitation, dient Licht als Orientierung

Die Astronauten-Spinnen tauften die Forscher auf die weiblichen Namen Gladys und Esmeralda. Später sollte sich aber herausstellen, dass es sich bei einem der Tiere um ein Männchen handelt. Doch die Forscher hatten Glück: Auch ein Erdlings-Tier wurde fälschlicherweise für ein Weibchen gehalten, die Gruppen waren somit wieder vergleichbar.

Über zwei Monate schossen je drei Kameras alle fünf Minuten ein Bild von den gebauten Netzen. 14'000 der insgesamt 130'000 entstandenen Fotos analysierten die Forscher dann auf die Netzsymmetrie. «Wie erwartet, wurden die Netze symmetrisch, wenn keine Schwerkraft und keine andere Orientierungshilfe vorhanden war. Die Spinnen schauten ausserdem in eine zufällige Richtung», sagt der Autor der Studie, Samuel Zschokke.

Eine Überraschung gab es aber doch noch: Weil die Kameras in der Nacht mit einer Lichtquelle ausgestattet waren, zeigte sich, dass auch Licht einen Einfluss auf die Netzform hat: «Wenn das Licht der Kamera in der Nacht brannte, wurden die Netze wieder asymmetrisch und die Spinnen richteten sich weg vom Licht aus.»

Spinnennetze als präzise Ingenieurarbeit

Auch für das Problem mit den Fruchtfliegen haben die Forscher dieses Mal eine Lösung gefunden. So liess die Besatzung der Raumstation immer nur eine bestimme Menge der Tiere in die Spinnenbox. So konnte verhindert werden, dass die Fruchtfliegen erneut die Sicht der Kameras verdeckten.

Dass die Studie erst neun Jahre nach dem Experiment erschienen ist, liegt daran, dass der Autor Zschokke nur nebenbei daran arbeiten konnte. Hauptberuflich ist er nämlich Biologielehrer am Gymnasium in Oberwil: «Die Spinnennetzforschung ist für mich mittlerweile Freizeit», sagt er. Die Faszination für die Kunst der kleinen Tiere hat er aber nicht verloren: «Spinnennetze sind wunderschöne Gebilde, und von einer solch komplexen und regelmässigen Struktur, an die sogar Ingenieure nicht herankommen.»

Auf die Erde zurück schaffte es übrigens nur die männliche Spinne. Das Weibchen ist während des Experiments in den Weiten des Alls leider verstorben.