Herr Kronig, wie beurteilen Sie die neue Vorgabe des Basler Erziehungsdepartements an Sek-Lehrer, die Klassendurchschnittsnoten künftig zwischen 4,0 und 5,0 zu halten?

Winfried Kronig: Die Massnahme wirkt etwas unbeholfen. Die Forschung zeigt deutlich, dass sich Schulklassen in ihrem Leistungsspektrum wesentlich unterscheiden. In einer Nationalfondsstudie mit 2000 Sechstklässlern haben wir nachgewiesen, dass dieselbe Leistung in schwächeren Klasse mit «gut» und besseren Klassen mit «ungenügend» bewertet wird.

Das Erziehungsdepartement hat sich also bei dieser Massnahme nicht von Forschern beraten lassen...

Das kann ich nicht beurteilen. Aber der eingangs erwähnte Referenzgruppenfehler ist nur einer der bekannten Mechanismen, die zu einer Verfälschung bei Notengebungen führt.

Was sind die weiteren Faktoren?

Die bekanntesten sind Beobachtungsmängel und generelle Beurteilungstendenzen. Es wurde mehrfach nachgewiesen und nie widerlegt, dass beispielsweise Mädchen anders beurteilt werden als Jungen. Das gilt auch für Kinder aus unterprivilegierten Familien, die tendenziell strenger beurteilt werden.

Das Erziehungsdepartement argumentiert, dass bei der Zusammensetzung der Klassen auf eine gute Durchmischung geachtet werde. Entsprechend sollten auch alle Klassen in etwa gleich leistungsstark sein und Notendurchschnitte von über 5,0 die absolute Ausnahme bleiben...

Dass diese Durchmischung derart gut ist, daran zweifle ich. Das Problem ist, dass immer von Normalverteilungen ausgegangen wird. Dies funktioniert bei grossen Zahlen auch sehr gut, aber nicht bei Klassen mit 20 oder 25 Schülerinnen und Schülern. Dort zeigte unsere Untersuchung deutlich, dass sich Schulklassen in ihrem Leistungsspektrum sehr häufig und wesentlich unterscheiden. Es ist eher die Regel und nicht die Ausnahme, dass dieselbe Leistung in Mathematik oder in den Sprachfächern einmal mit einer ausgezeichneten und einmal mit einer ungenügenden Note bewertet wird.

Was wäre denn Ihr Vorschlag, um die rekordhohe Gymnasialquote in Basel-Stadt zu senken?

Dafür habe ich auch keine Lösung. Wenn ich eine hätte, würde ich wahnsinnig viel Geld damit verdienen, denn an der Frage der korrekten Bewertung und Zuteilung krankt weltweit jedes Schulsystem. Mein Wissen um die systematischen Verzerrungen bei Benotungen aus 20 Jahren Forschung auf dem Gebiet lässt mich deshalb eher die Frage stellen, ob eine Begrenzung der Gymnasialquote wirklich erstrebenswert ist.

Wenn ich Sie richtig verstehe, meinen Sie damit, dass man Schüler mittels Noten nur schlecht bewerten kann und deshalb lieber mehr als weniger ans Gymnasium lässt?

Das kann man in der Tat so sehen.

Dass die Wirtschaft mehr begabte Lehrlinge braucht, ist doch gesellschaftlicher Konsens...

In der Theorie schon. Viele Entscheidungsträger sind dieser Ansicht. Aber von deren eigenen Kindern macht kaum eines eine Lehre.