Frau Schenker-Wicki, worüber sprechen wir heute?

Andrea Schenker-Wicki: Ich habe den Begriff «Tempo» gezogen. Tempo bringts auf den Punkt. In meiner Studentenverbindung heisse ich Speedy. Übrigens eine reine Frauenverbindung! Schauen Sie, hier ist die Urkunde. Da stehts: «Du bist schnell, ehrgeizig, intelligent und amüsant, mit dem Vulgo Speedy wirst du unser neuer Diamant.» Schon sehr nett, oder? Auch die Kollegen in der Schule fanden, ich sei schnell. Sie haben mich Speedy Gonzalez genannt.

Sie waren bereits in der Schule für Ihr Tempo bekannt?

Ja. Ich habe einfach alles so gemacht, wie es für mich gut war. Offenbar war ich dabei oft schneller als andere Leute. Für mich war das alles normal. Aber es war vielleicht tatsächlich so, dass ich schneller gelernt habe als andere. Ich habe immer schnell gearbeitet, schnell studiert, am Gymnasium eine Klasse übersprungen.

An der Uni Zürich haben Sie in bloss zweieinhalb Jahren ein Ökonomiestudium absolviert. Wie haben Sie das geschafft?

Wir waren eine Gruppe Studenten, die vorher an der ETH studiert hatten. Und ich muss sagen: Wir haben uns untereinander sehr gut organisiert. Eine Person ging in die Vorlesung, die andere holte die Unterlagen, so in der Art.

Sie waren nicht in jeder Vorlesung?

Ich war keine Vorzeigestudentin, was die Präsenz anbelangt. Ich bin einfach ein anderer Typ, eine starke Autodidaktin. Ich ging zu den Professoren, wenn sie gut waren. Aber wenn ich das Gefühl hatte, ich kann das schneller zu Hause lernen, dann musste ich nicht in die Vorlesung gehen.

Sind Sie auch privat so schnell?

Ja, das führt immer wieder zu Diskussionen in der Familie. Meine Kinder und mein Mann haben oft das Gefühl, dass sie nicht mit mir mitkommen. Wenn wir losmüssen und niemand ist bereit, dann werde ich ungeduldig. Das haben sie nicht so gern. Sie sind da gemütlicher.

Was tun Sie, wenn Ihnen Ihre Kinder sagen, jetzt mal langsam?

Dann muss ich einfach sagen: Okay, sie haben recht. Man kann nicht alles schnell erledigen. Sie sagen auch immer: Mami, auch du wirst älter, pass auf Dich auf. Und es stimmt ja. Es ist wohl auch nicht gut für mich, immer ein hohes Tempo anzuschlagen.

Fühlen Sie sich denn gestresst?

Nein, gar nicht.

Warum sind Sie dann so schnell?

Ich weiss es auch nicht. Es ist einfach in mir drin. Ich kann zu Hause zum Beispiel auch nicht eine Treppe langsam hinaufgehen. Ich laufe immer sehr rasch hoch- und runter oder nehme zwei Stufen auf einmal, ich kann gar nicht anders.

Und was tun Sie, wenn Sie einmal entspannen möchten?

Wenn ich mal einen Tag lang an der Uni jede Stunde eine andere Sitzung oder Besprechung hatte, dann komme ich abends nach Hause, esse was Kleines zum Znacht und möchte nur noch fernsehen. Aber nicht «National Geographic» oder so, das mag ich dann nicht mehr. Meist bleibe ich zwischen Werbung und «SwissDinner» hängen. Dann schaue ich eine Stunde lang fern und mache nichts anderes. Keine Mails, kein Telefon, keine tiefschürfenden Gespräche. Ich zappe einfach eine Stunde lang durch. Das kann ich bestens. Da erhole ich mich immer wieder gut.

Und das Pendeln zwischen Zürich und Basel? Ist das für Sie eher Stress oder Erholung?

Ich vertrage das Pendeln gut. Am Morgen bereite ich im Zug den Tag vor und am Abend auf der Rückfahrt höre ich Musik oder studiere Akten. So kann ich die Dossiers für den nächsten Tag durcharbeiten.

Welche Musik hören Sie dann?

Ich höre so ziemlich alles, je nach dem, worauf ich Lust habe. Das kann ein Violinkonzert von Mozart oder ein Klavierkonzert von Chopin sein, aber auch Supertramp, die ich sehr liebe. Oder Fleetwood Mac oder die Rolling Stones. Nur den deutschen Rap von heute nicht. Den hört mein Sohn und den finde ich eine Katastrophe. Die Texte sind furchtbar. Verbieten kann ich es aber nicht. Wie soll ich das denn durchsetzen? Ich würde es liebend gern, aber das übersteigt meine Möglichkeiten.

Und im Beruf? Können Sie da Ihr Tempo immer durchsetzen?

Nicht immer, und das ist auch gut so. Manchmal gibt es keine einfache Lösung und man muss mehrere Seiten anhören, um wirklich zu wissen, was Sache ist. Das war auch beim Fall zur sexuellen Belästigung so, der neulich von den Medien behandelt wurde. Da hatten wir zahlreiche Sitzungen. Bei solchen Dingen sind keine Schnellschüsse möglich. Das ist auch richtig, denn sonst würden wir dem Problem und den Personen nicht gerecht werden.

Sind Sie manchmal zu schnell für die Uni?

Ich hoffe es nicht. Es ist mir wichtig, dass wir alle mitnehmen. Ich habe es in früheren Jahren auch schon erlebt, dass jemand zu schnell für eine Institution war. Das war gar nicht gut. Alles wurde halbherzig eingerichtet. Kaum drehte man sich um, funktionierte nichts mehr. Natürlich erwarten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von mir Entscheide. Aber diese müssen auch wirklich durchdacht und nachhaltig sein. Nachhaltigkeit und Tempo widersprechen sich ja ein wenig. Ich versuche, das in eine gute Balance zu bringen.

Irgendwann werden Sie sich daran gewöhnen müssen, nicht mehr zu arbeiten. Wie geht es dann weiter?

Das weiss ich noch nicht wirklich. Aber ich habe zwei, drei Ideen für Bücher, die ich gerne schreiben würde. Konkrete Pläne habe ich aber nicht. Das liegt für mich noch in allzu ferner Zukunft.

Was für Bücher möchten Sie schreiben?

Ich würde gerne einen Krimi schreiben. Dann noch ein Buch über Leadership in Expertenorganisationen. Und gerne noch eines über Krisenkommunikation. Aber wie gesagt, das wird noch dauern.

Sie möchten einen Krimi schreiben?

Ja, ich liebe Krimis. Je verrückter, desto besser. Geschickte Krimis, bei denen man nicht weiss, wer es war, obwohl man intensiv liest. Und am Schluss findet man dann irgendeinen kleinen Nebensatz auf Seite 25 und merkt: Eigentlich hätte ich wissen müssen, wer der Mörder war. Solche Dinge. Ich bin sehr geprägt durch die Filme, die wir geschaut haben, als ich noch jünger war. Das waren Krimis von Agatha Christie, nichts Brutales. Etwas in dieser Art. Henry Slesar hat auch so geschrieben, mit der feinen Klinge. Das würde ich sehr gerne in Angriff nehmen.