Frau Schenker-Wicki, die Bildungsausgaben sollen nach dem Willen des Nationalrates nur um 2 und nicht um 3,2 Prozent erhöht werden. Macht Ihnen das Bauchweh?

Andrea Schenker-Wicki: Das bedeutet pro Jahr 3 bis 4 Millionen Franken weniger für die Universität Basel. Und wenn nach dem Bund auch von Seiten der Kantone weniger Geld hereinkommt, bereitet mir das natürlich Sorgen.

Mit welchen Konsequenzen rechnen Sie?

Wir werden gewisse Bereiche nicht ausbauen können, obwohl der Bedarf da wäre. Zum Beispiel in der Informatik, Bioinformatik, Mathematik, Personalized Health sowie den Digitial Humanities. Das alles sind Gebiete, die in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen werden und in die wir investieren sollten.

Man könnte stattdessen Abstriche bei Studiengängen machen, die kein so grosses Zukunftspotenzial haben. Aus der Politik werden immer stärker Forderungen laut, sich vom Konzept der Volluniversität zu verabschieden.

Es ist sehr schwierig, in einer Institution, die 52 Prozent Lohnkosten aufweist, auf die Schnelle Departemente oder Fakultäten zu schliessen. Ein Abbau müsste langfristig geplant werden. Es ist auch nicht so, dass wir besonders viele Fettreserven in der Verwaltung hätten. Im Gegenteil, die Universität Basel ist schlank aufgestellt. Die Volluniversität ist übrigens ein wichtiges Asset, da wir die reflektive Kompetenz der Sozial- und Geisteswissenschaften dringend benötigen. Ausserdem hat die Stadt Basel eine reiche Kulturtradition, die aufs Engste mit der Universität verknüpft ist. Darauf möchte ich nicht verzichten, da diese Tradition enorm zur Ausstrahlung und damit auch zur Wertschöpfung der Region beiträgt.

Das Sie schlank aufgestellt sind, behaupten alle, die von sich glauben, dass man bei ihnen nicht sparen könne.

Es ist nicht so, dass wir nicht sparen wollen. Dass wir sparen müssen, ist unbestritten. Die grosse Herausforderung ist diejenige zu evaluieren, wo Einsparungen gemacht werden können, ohne die Qualität der Universität zu beeinträchtigen und ihr einen Schaden zuzufügen. Wesentlich ist natürlich die Höhe der Einsparung, die von uns gefordert werden wird.

Nach der gewonnen Abstimmung in Baselland sind Sie zumindest die Sorge um die 16,4 Millionen Franken für die Uni-PK-Ausfinanzierung los. Jetzt beginnt aber das Tauziehen um den Leistungsauftrag 2018 bis 2021. Es heisst, die Uni wolle von den beiden Basel ab 2018 jährlich 20 Millionen mehr. Sie wollen also weiter ausbauen, nicht sparen.

Diese Zahl ist mir neu. Wo haben Sie das denn her? Nein, von uns kommt diese Zahl sicher nicht.

Anders gefragt, brauchen Sie in den kommenden Jahren mehr Geld?

Sorgen bereiten mir die steigenden Forschungs- und Infrastrukturkosten. Wie wir dies mit den Sparvorgaben in Einklang bringen, wird mit den Regierungen auszuhandeln sein. Und letztlich entscheiden die Parlamente.

Es gibt aus beiden Basel klare politische Signale, dass man die Ausgaben für die Uni nicht weiter wachsen lassen will. Verstehen Sie das?

Ja, natürlich. Geld ist ein knappes Gut, und unsere Kantone, die eher zu den kleineren zählen, haben eine unterschiedliche und begrenzte Leistungskraft.

Parallel zur Höhe der kantonalen Beiträge nimmt auch die Diskussion über den künftigen Verteilschlüssel zwischen den beiden Basel Fahrt auf. Baselland will weg von der 50:50-Lösung. Wie steht die Uni zu dieser Frage?

Das ist eine politische Frage, die von unseren beiden Trägerkantonen beantwortet werden muss. Wir mischen uns nicht ein, denn wir sind Gegenstand der Verhandlung und nicht Verhandlungspartner.

Wie beurteilt die Uni die heute geltende paritätische Finanzierung?

Dank des Einstiegs des Kantons Baselland im Jahr 2007 haben wir uns stark verbessert und konnten wachsen. Ohne die paritätische Finanzierung wären wir nicht dort, wo wir heute stehen. In diesem Sinne ist die Universität dem Kanton Baselland ausserordentlich dankbar – und erlauben Sie mir, diesen Dank an dieser Stelle an die Bevölkerung des Kantons Baselland zu richten.

Das tönt wie ein Werbespot, damit die Baselbieter ja nichts ändern am Finanzierungsschlüssel.

Das hat mit der Änderung des Finanzierungsschlüssels nichts zu tun. Man muss den Tatsachen ins Auge blicken: Der Kanton Basel-Stadt alleine hätte diese positive Entwicklung der Universität kaum finanzieren können. Wir wären immer noch
eine kleine Uni unterhalb einer kritischen Grösse.

Nach zehn Jahren zeigt sich aber die Kehrseite des jetzigen Modells. Wenn Baselland wirklich wie angekündigt 25 Millionen im Jahr einsparen will, müsste Basel-Stadt gleichziehen. So gesehen wäre es doch im Interesse der Uni, eine andere Lösung zu finden.

Wie gesagt, zum Schlüssel möchte ich mich nicht äussern. Aber 50 Millionen einzusparen, das ist nicht möglich, ohne die Universität dauerhaft zu schädigen und damit auch die Region. Die Wertschöpfung der Universität Basel ist relativ hoch. Wir verdreifachen die eingesetzten Trägerbeiträge. Wenn wir 50 Millionen Franken sparen müssten, würde man der Region Basel
mittelfristig 150 Millionen an Wertschöpfung entziehen.

Oder man überwindet sich und schliesst überflüssige Fakultäten.

Damit es sich wirklich finanziell auszahlt, müsste es die erfolgreichsten Fakultäten treffen. Das wäre gewiss nicht im Sinn und Geist der Erfinder, und auch nicht der beiden Trägerkantone.

Dann benötigen Sie andere Geldquellen, denn die Politik wird in den nächsten Jahren ganz bestimmt auf die Bremse treten wollen.

Wachsen können wir nur über die Einwerbung von zusätzlichen Drittmitteln. Da müssen wir uns anstrengen. Für mich ist das ein gangbarer Weg, solange die Prozesse transparent sind. Die Reputation der Uni darf nicht tangiert, und die Herkunft der Gelder muss offen deklariert werden. Wenn ich von Wachsen spreche, meine ich damit ein qualitatives Wachstum und kein quantitatives. Es ist nicht vorgesehen, dass wir unsere Studierendenzahlen erhöhen.

Und wie viel Mitspracherecht erhalten jene Konzerne, die Lehrstühle finanzieren?

Da sind wir seit einer Weile sehr strikt. Wir fällen die Personalentscheide und nicht
der Geldgeber, der auch keinen Einsitz in die entsprechende Berufungskommission nehmen darf.

Das war schon anders, was Ihnen unlängst Negativschlagzeilen einbrachte.

Ja, früher kam es vor, dass man Vertretern der Geldgeber Einsitz in die Berufungskommission gewährte – aber immer ohne Stimmrecht. Das machen wir heute nicht mehr.

Wie gross ist das finanzielle Potenzial, von dem wir hier reden?

Das ist schwer abzuschätzen. Es gibt sicher noch Potenzial, vor allem im Bereich des privaten Mäzenatentums. Für mich ist es immer wieder eine positive Überraschung zu sehen, welchen Stellenwert das Mäzenatentum in dieser Region hat. Aber auch bei der Industrie sehe ich noch Möglichkeiten, wobei es Grenzen gibt, sobald es um kompetitive Forschung, also um Fragen der Konkurrenz geht.

Die Universität stand schon vor der Drittmittel-Debatte in der Kritik, zu wenig Geld aus den Patenten zu schlagen. Wie wollen Sie diesen Missstand beheben?

Wir tun alles, was möglich ist, um aus den Patenten Mittel zu generieren. Im Jahr 2015 waren es 1,8 Millionen Franken, womit aber nur die Erträge aus Lizenzrechten gemeint sind. Was wir aber noch besser machen wollen, ist die Sensibilisierung für das Thema Innovation im eigenen Haus. Die Möglichkeit, Patente zu generieren, ergibt sich nicht nur aus der angewandten, sondern auch aus der Grundlagenforschung heraus. Wir arbeiten an einer Innovationsstrategie, um die bisherigen Aktivitäten zu bündeln, neue Anlaufstellen für unsere Forschenden zu schaffen und sie bei der Patentierung und der Gründung von Spin-offs besser zu beraten und zu unterstützen.

Wer kräftig in den Forschungsstandort Basel investiert, ist die ETH; alleine 170 Millionen Franken für das neue Departement für Biosysteme am Standort Schällemätteli. Kritiker bemängeln, dass sich die Uni ihre Konkurrenz gleich selber vor die eigene Nase stellt. Sehen Sie das auch so?

Nein, überhaupt nicht. Ich finde den ETH-Zuzug sehr gut. Wir arbeiten eng zusammen. Gerade diese Woche haben wir beschlossen, einen gemeinsamen Studiengang in Biomedical-Engineering anzubieten. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenten, sondern nutzen die Synergien.

Tatsache bleibt, dass es in Basel ETH-Studierende geben wird, die dann der Uni fehlen.

Das kann schon deshalb nicht sein, weil die ETH in erster Linie technische Wissenschaften vermittelt. Das machen wir nicht. Dann wird die ETH auch Bioinformatik anbieten, was ebenso in unserem Sinne ist, weil wir dort nicht so ausbauen können, wie es eigentlich nötig wäre. Die ETH wäre nur eine Konkurrenz, wenn sie exakt die gleiche Forschung und Lehre anbieten würde wie wir zum Beispiel in unserem Biozentrum.

Gibt es Pläne, dass die ETH der Uni Basel in Zürich Gegenrecht anbietet?

Es käme hier wohl nicht so gut an, wenn wir plötzlich in Zürich und nicht in Baselland neue Standorte eröffnen wollten. Nein, wir haben wirklich nicht vor, in Zürich eine Filiale der Uni Basel zu eröffnen.

Sie liefern das Stichwort: Die Uni hat inzwischen mehrfach bestätigt, dass es ihr ernst ist mit den Plänen für einen neuen Standort in Baselland. Hat sich der publik gewordene Uni-interne Widerstand gegen den Standort Liestal verhärtet?

Jedenfalls ist er nicht vorbei. Die Studenten haben bei mir vorgesprochen und mir ihr Unbehagen mitgeteilt, die Professoren ebenso.

Mit welchen Argumenten?

Die Professoren befürchten einen Qualitätsverlust. Sie haben Angst, dass sich die besten Leute nicht mehr rekrutieren lassen, wenn Liestal der Arbeitsort wäre.

Aus Ihrer Sicht ein berechtigter Einwand?

Das sind nicht meine Argumente. Es ist nun mal so: Wir haben zwei Trägerkantone, und deren Anliegen nehmen wir ernst. Vermutlich hätte sich die Uni nach 2007 etwas stärker um Baselland kümmern müssen. Widerstände gegen Standortänderungen sind in der Akademie die Norm. Als ich im Universitätsrat einer österreichischen Universität war, kostete es den Rektor zwar den Kopf, als eine halbe Stunde ausserhalb der Stadt ein neuer Standort gebaut wurde. Kaum war der neue Campus aber fertig, wollten alle dort arbeiten, weil er so schön war. Plötzlich war der längere Anfahrtsweg kein Thema mehr. Daraus habe ich gelernt, dass neue Standorte dann akzeptiert werden, wenn sie einen Mehrwert bringen. Liestal ist übrigens nicht der einzige Standort im Kanton Baselland, den wir prüfen, und es ist noch nichts entschieden worden.

Was aber antworten Sie einem Professor, der partout nicht nach Liestal will?

Dass er einen so schönen Beruf hat, der den Arbeitsort mehr als aufwiegt. Und dass es kein Recht auf einen bestimmten Arbeitsort gibt. Vermutlich wird ein grosser Teil der jetzigen Professorenschaft ohnehin kaum von diesem Entscheid betroffen sein und die Studenten erst recht nicht, denn Liestal würde, falls der Universitätsrat entsprechend entscheidet, erst 2025 Realität.

Aus dem Kanton Baselland hört man, dass sich die Regierung an der öffentlichen Diskussion um den Standort Liestal stört und nun sämtliche übrigen möglichen Standorte auf den gleichen Planungsstand bringen möchte. Wie weit sind Sie dabei involviert?

Wie bereits angetönt, evaluieren wir verschiedene Standorte, und zwar alle nach dem gleichen Raster und ergebnisoffen. Dann werden wir die verschiedenen Standorte gegeneinander abwägen und zu einem Entscheid kommen.

Bitte werden Sie konkreter. Was ist für Sie das entscheidende Kriterium bei
der Standortwahl?

Es muss ein Mehrwert erzielt werden. Die Professorinnen und Professoren sowie die Studierenden sollen Freude haben an einem modernen und gut eingerichteten Campus und gerne an diesen Ort arbeiten und studieren. Selbstverständlich spielt auch die gute Erreichbarkeit mittels öV eine Rolle.

Und bis wann soll der Entscheid letztlich fallen?

Das wird sicherlich noch ein Jahr dauern. Wir müssen diese Arbeit seriös erledigen, zumal viele Leute betroffen sind. Wir wollen das Beste für die Uni und das Baselbiet erreichen.

Also spätestens im Juni 2017?

Das ist möglich, ja. Ich möchte mich aber nicht darauf festlegen. Saubere Abklärungen und damit ein guter Entscheid sind mir wichtiger als Schnelligkeit.

Wer liegt derzeit in Front, Liestal oder Münchenstein?

Wie gesagt, die Abklärungen für mehrere Standorte laufen. Liestal ist sehr interessiert.