Braucht Basel längere Ladenöffnungszeiten?

Franziska Stier, Gewerkschaftssekretärin Unia Region Nordwestschweiz: Nein, die bestehenden Öffnungszeiten reichen aus, um alle Besorgungen zu erledigen. Und selbst wenn doch mal etwas fehlt, kann man dies an den Bahnhöfen oder den bestehenden Familienläden kaufen.

Roswitha Ledergerber, Geschäftsführerin Magazine zum Globus AG, Basel: Wir brauchen explizit die zwei Stunden am Samstagabend von 18 bis 20 Uhr. Der Samstag ist mit einem Wochenanteil von 35 Prozent der höchste Umsatztag. Die Stadt ist voll von Menschen, die shoppen wollen. Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, die Konsumenten um 18.00 Uhr aus der Stadt zu jagen, auf Dauer halten wir dem Konkurrenzdruck des Auslands nicht mehr stand.

Zwei Stunden mehr auf insgesamt über 60 Stunden Öffnungszeit pro Woche - macht das überhaupt etwas aus?

Stier: Ja, der Samstagabend ist mittlerweile für viele Verkäuferinnen und Verkäufer der einzige Abend, den sie mit ihren Freunden, Familien und Vereinen verbringen können. Da nur die wenigsten Verkäuferinnen mehr als einen freien Samstag pro Monat haben, leidet ihr Privatleben massiv darunter, aber auch das ihrer Angehörigen und Freunde.

Ledergerber: Zürich hat im 2009 die Öffnungszeit am Samstag bis 18 Uhr verlängert, schon im 2010 stieg der Umsatz um 3,6 Prozent, in der Weihnachtszeit sogar um 5 Prozent, in den Folgejahren hat sich dieser Anteil noch erhöht.

Zwei Stunden weniger Samstag für die Angestellten - ist das für Familien zumutbar?

Stier: Nein, das ist eben nicht zumutbar - und schon gar nicht an einem Samstag. 99 Prozent der Verkäuferinnen, die wir fragen, lehnen die zwei Stunden längere Öffnungszeiten vehement ab. Nicht nur wegen ihrer Familien, sondern auch wegen ihrer Freunde und Bekannten, ihres Vereins- und Privatlebens. Das Zusammensein mit anderen Menschen macht das Leben doch erst lebenswert; gerade am Samstagabend. Das wollen wir schützen.

Ledergerber: Grundsätzlich muss niemand mehr arbeiten, die Wochenarbeitszeit bleibt gleich. Es gibt genügend Mitarbeitende, vor allem junge Leute, die gerne am Abend arbeiten und die Arbeit erst am Mittag beginnen. Klar wäre es manchem Angestellten lieber, wenn es bleibt wie es ist, aber der Wunsch nach einem sicheren Arbeitsplatz ist Ihnen viel wichtiger. Zudem würde der Samstagabend nur jeden dritten Angestellten abwechslungsweise treffen.

Basel ist in Sachen Ladenöffnungszeiten eine Insel: Rund um Basel herum gibt es längere oder gar keine geregelten Ladenöffnungszeiten. Warum soll in Basel nicht gehen, was rundum funktioniert?

Stier: Weder die Geschäfte in Basel noch in Baselland nutzen die Möglichkeiten, die ihnen das heutige Gesetz bietet, voll aus. Es lohnt sich schlicht nicht, die Läden länger offen zu halten. Die Frage sollte also nicht lauten, warum es nicht funktioniert, sondern warum wir auf dem Buckel der Verkäuferinnen etwas durchsetzen, was niemand will. Die Arbeitsbedingungen im Verkauf sind jetzt schon schlecht. Es verträgt keine weiteren Verschlechterungen.

Ledergerber: Das frage ich mich auch, das Umfeld zeigt uns doch, wie es funktioniert. Es geht nicht darum, die Läden möglichst viel Stunden offen zu halten, sondern die attraktiven, umsatzstarken, frequentierten Zeiten den Konsumenten zugänglich zu machen.

Spielen die Öffnungszeiten für die Wahl des Ladens bei den Kunden überhaupt eine Rolle?

Stier: Ja - für einige wenige. Aus allen Untersuchungen wissen wir, dass die Grossverteiler profitieren und ihre Umsätze steigern. Aber nicht weil mehr konsumiert wird, sondern sie machen die Umsätze auf Kosten der kleineren Geschäfte und Familienläden. Ein Franken wird nur einmal ausgegeben.

Ledergerber: Sicher, vor allem ist das Shopping-Erlebnis für die Kunden am Samstag wichtig. Sie wollen sich verweilen, das heisst die Freizeit geniessen in einem Umfeld mit ganzheitlichen Angeboten, wie es sich in der Innenstadt Basel ideal anbietet. In Lörrach und Freiburg ist es genau so, nicht zuletzt wandern die Schweizerinnen und Schweizer aus diesem Grund in diese Städte ab. Sie wissen, dass sie ihre Shoppingtour nicht um 18 Uhr abbrechen müssen. Wir wollen einzig und allein vergleichbare Rahmenbedingungen bei den Ladenöffnungszeiten.

Basel hat schon mehrmals über längere Ladenöffnungszeiten abgestimmt und eine Verlängerung immer abgelehnt. Warum soll es diesmal anders sein?

Stier: Aus unserer Sicht hoffen wir, dass die Liberalisierung auch diesmal abgelehnt wird. Es wird aber ein harter Kampf. Das Pro-Komitee hat viermal mehr Mittel als wir zur Verfügung. Es wird also auf jede Stimme ankommen.

Ledergerber: Basler Detailhandel stärken: Die Argumente sind stichhaltig, der Basler Detailhandel leidet, Arbeitsstellen sind in Gefahr, den meisten Menschen liegt daran, einen Arbeitsplatz zu haben. Es geht um Arbeitsplätze in einer Branche, die vielen Frauen eine Stelle bietet, die, wenn sie ihren Job einmal verlieren, nur schwer wieder einen solchen finden. Ich denke, diese Situation werden die Basler Stimmbürgerinnen und Stimmbürger ernst nehmen und ein Ja in die Urne legen.

Wer profitiert von längeren Öffnungszeiten?

Stier: Praktisch nur die Grossverteiler.

Ledergerber: Es werden alle profitieren, bestehende Arbeitsplätze bleiben erhalten und zukünftig wieder steigen, die Kunden haben eine vergleichbare Wahl des Einkaufens in der gesamten Agglomeration, junge Konsumenten und Touristen haben auch am Samstagabend Gelegenheit, zu shoppen. Somit gewinnt die Stadt Basel an Attraktivität, die dem Zeitgeist entspricht.

Was ändert sich konkret, wenn das Volk Ja sagt?

Stier: Manor, Globus, grössere Migros und Coop sowie die Einkaufscenter Stücki und St. Jakob werden ihre Öffnungszeiten verlängern. Einige Geschäfte in der Nachbarschaft werden folgen und so den Druck auf alle anderen erhöhen, es ihnen gleichzutun. Für die Angestellten bedeutet es das Ende ihres Vereinslebens am Samstag und weitere Einschränkungen für das Zusammensein mit Familie und Freunden.

Ledergerber: Wir werden den Einkaufstourismus ins Ausland stoppen können, wir werden wieder mehr Umsatz realisieren, Arbeitsplätze und bestehende Geschäfte bleiben erhalten, und mit attraktiven Angeboten aufwarten, die nicht vergleichbar sind mit der Konkurrenz im Ausland. Wir werden am Samstagabend eine belebte Stadt und motivierte Angestellte haben, die positiv in die Zukunft blicken können.

Was passiert, wenn das Volk Nein sagt?

Stier: Den Verkäuferinnen und Verkäufern wird ein Stein vom Herzen fallen. An die Schreckensszenarien des Pro-Komitees glaube ich hingegen nicht. Selbst Migros-Chef Bolliger sagt, dass der Höhepunkt des Einkaufstourismus erreicht ist. Hinzu kommt, dass der Umsatz im Detailhandel in 2012 um 3 Prozent gestiegen ist. Der Detailhandel malt hier schwarz, obwohl er schwarze Zahlen schreibt. Es wird also weder der Einkaufstourismus ins Ausland weiter steigen, noch wandern die Kunden nach Baselland ab. Liestal ist nicht gleich attraktiv wie Basel - daran ändern auch längere Öffnungszeiten nichts.

Ledergerber: Das Gegenteil - die Abwärtsspirale wird sich fortsetzen.

Ihre Prognose für das Abstimmungsresultat?

Stier: Nun, ich bin optimistisch, aber nicht sicher. Es ist das erste Mal, dass ich erlebe, dass sich das Verkaufspersonal so sehr für etwas engagiert. Und auch aus der Bevölkerung und von anderen Berufsgruppen, etwa der Berufsfeuerwehr, erhalten wir viel Zuspruch. Aber gewonnen ist noch nichts.

Ledergerber: In diesem Punkt haben wir in Basel einen Nachteil: der Stadtkanton ist bevölkerungsmässig beschränkt, das heisst, dass 50% der Konsumentinnen und Konsumenten des Basler Detailhandels aus den Nachbarkantonen kommen und somit nicht abstimmen können. Das ist genau jene Zielgruppe, welche am Samstag sehr stark beim Shopping in Basel anzutreffen ist. Ich bin sicher, dass es den stimmberechtigten Baslerinnen und Baslern am Herzen liegt, dass es in Zukunft mit dem Basler Detailhandel wieder aufwärtsgeht. In diesem Sinne ist meine Abstimmungsprognose 55:45 zugunsten des Basler Detailhandels.