«Er war ununterbrochen unter Strom», erinnert sich der Basler Anwalt Peter Lenz an den englischen Multimilliardär Octav Botnar. «Er konnte problemlos mit drei Personen gleichzeitig telefonieren und daneben noch die Börsenberichte studieren.» Im Alter von über 50 Jahren brachte es Botnar innert weniger Jahre in den 1960er-Jahren vom Flüchtling zu einem der reichsten Geschäftsmänner in Grossbritannien. Zwei Jahrzehnte nach seinem Tod liegen seine Milliarden auf den Konten einer bis vor kurzem nahezu unbekannten Stiftung in Basel.

Octav Botnars Biografie erinnert an ein Hollywood-Epos. Geboren wurde er als Octav Bundorf 1913 in eine jüdische Familie in der westukrainischen Stadt Czernowitz, damals Teil des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Als sich dieses 1918 nach dem Ersten Weltkrieg auflöste, wechselte die Stadt zu Rumänien.

Als junger Mann wurde Botnar zum kommunistischen Aktivisten und landete für vier Jahre im Gefängnis. Nach seiner Freilassung flüchtete er mit anfangs zwanzig in Richtung Spanien, um im gerade ausgebrochenen Bürgerkrieg gegen den späteren Diktator Francisco Franco zu kämpfen. Als er an der Grenze abgewiesen wurde, trat er stattdessen der französischen Armee bei. Einer Verhaftung durch die Nationalsozialisten konnte er sich entziehen und bekämpfte in Paris die deutschen Besetzer in der französischen Résistance.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Botnar nach Rumänien zurück, wo er 1951 seine Frau Marcela heiratete. Im Jahr darauf kam die gemeinsame Tochter Camelia zur Welt. Doch der Sozialist Octav Botnar konnte sich nicht mit dem real existierenden Kommunismus in seinem Heimatland anfreunden. Erneut wurde er als politischer Gefangener inhaftiert, diesmal weil er als kapitalistischer Spion das System habe schädigen wollen. Als er 1964 im Rahmen einer Generalamnestie aus dem Arbeitslager entlassen wurde, wog der 50-Jährige noch gerade mal 40 Kilo.

Schwerer Schicksalsschlag

Das Ehepaar floh via Deutschland zu Octavs Bruder nach England. Dort begann das zweite Leben der Botnars. 1968 unterzeichnete der 53-Jährige mit dem japanischen Autohersteller Datsun – der heutigen Marke Nissan – einen Vertrag als Alleinimporteur. Damals machte auch der Basler Anwalt Peter Lenz Bekanntschaft mit Botnar: «Ein Draufgänger» sei dieser gewesen, bis zuletzt. Im Alter, in dem andere an den Ruhestand denken, stieg Botnar in fünf Jahren zum grössten Autoimporteur Grossbritanniens auf. Gleichzeitig baute er ein eigenes Kreditinstitut für Autoleasing auf, damals eine Weltneuheit. «Schliesslich musste ihm die englische Regierung eine Beschränkung auferlegen zum Schutz der britischen Automobilindustrie», sagt Lenz.

Die Tragik: Während die Botnars dank der Autoindustrie zu Multimilliardären werden, wird ihnen in einem Autounfall das Wertvollste in ihrem Leben genommen. Zwei Tage vor Weihnachten 1972 kommt ihre einzige Tochter Camelia im Alter von gerade mal 20 Jahren bei einer Kollision auf dem Rückweg von einem Ausflug zur Sehenswürdigkeit Stonehenge ums Leben. Der Tod ihres Kindes prägt die Eheleute für den Rest ihres Lebens. «Marcela war untröstlich, Octav hat sich in seine Arbeit gestürzt», sagt Lenz. Gleichzeitig beginnen die Botnars ihren Reichtum in grossem Umfang philanthropisch einzusetzen.

Ungeklärte Vorwürfe

In den 1990er-Jahren dann der geschäftliche Rückschlag. Nissan kündet Botnar den Vertrag und integriert das erfolgreich aufgebaute UK-Geschäft ins Mutterhaus. Es kommt zu langwierigen juristischen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig nimmt ihn die britische Steuerbehörde ins Visier. Botnar wird vorgeworfen, dem Fiskus über 200 Millionen Pfund vorenthalten zu haben. Das Ehepaar flieht in die Schweiz und lässt sich im Kurort Villars-sur-Ollon im Kanton Waadt nieder. Zwei Geschäftspartner von Botnar werden in England zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Das Verfahren gegen ihn wird nach einer Zahlung von fast 50 Millionen Pfund eingestellt, juristisch wehrt er sich aber weiter. Bis zu seinem Lebensende kämpft der Geschäftsmann für seine Unschuld und seinen Ruf. Er geht seinerseits juristisch gegen die Steuerbehörde vor. Zum Prozess kommt es nicht mehr. Octav Botnar stirbt 1998 im Alter von 84 Jahren an Magenkrebs in seiner Schweizer Wahlheimat.

Nach seinem Tod gründet die Witwe Marcela Botnar die Stiftung, die zu Beginn mit 25 Millionen Franken ausgestattet wird. Der langjährige Anwalt des Ehepaars Peter Lenz amtet seither als Stiftungsratspräsident. Als 2014 auch Marcela Botnar starb, erbte die Stiftung das gesamte Vermögen des Ehepaares.

Die wohl reichste Stiftung in Basel

3,5 Milliarden Franken – so vermögend ist die Fondation Botnar mit Sitz in der St. Alban-Vorstadt. Doch obwohl sie damit die wohl wohlhabendste Stiftung in Basel ist, war der Name Botnar bis vor wenigen Tagen bestenfalls in Philanthropen-Kreisen bekannt. Am Mittwoch vermeldeten die Universität Basel und die ETH dann die Gründung des Kindermedizinzentrums Botnar Research Centre for Child Health (BRCCH), finanziert durch eine 100-Millionen-Franken-Spende der Stiftung.

Mit dem Milliardenerbe begann die Fondation mit dem Aufbau von professionellen Strukturen. Ein Headhunter fand in Stefan Germann einen passenden Geschäftsleiter, der seine Arbeit Anfang 2017 aufnahm. Germann ist seit zwanzig Jahren im Bereich Kinder- und Entwicklungsarbeit tätig. «Ich habe mit einem Bleistift und einem Bürostuhl angefangen und alles von Grund auf aufgebaut», erinnert er sich. Mittlerweile arbeiten 15 Personen am Sitz in Basel. Und trotz des immensen Vermögens herrsche noch immer der Geist eines Start-ups, schwärmt Germann.

Fokus auf digitaler Medizin

Die Stiftung hat drei Schwerpunkte: den Einsatz von digitalen Lösungen, darunter künstlicher Intelligenz im Bereich Gesundheit, die Verbesserung der Lebensqualität für Kinder und Jugendliche und die Förderung von Jungunternehmen mit nachhaltigen Lösungen, dies alles mit starkem Fokus auf schnell wachsende Grossstädte weltweit. Insofern passe das neue Zentrum für Kindermedizin mit seinem Fokus auf digitale Gesundheit in das Engagement.

Im Zentrum steht der Aufbau von Learning Hubs, Lernzentren zum gegenseitigen Wissenstransfer. «Gerade in Afrika gibt es vibrierende Start-up-Firmen und ein dynamisches Jungunternehmertum», sagt Germann. Seine Vision wäre ein grosser Förderfonds für digitale Lösungen im Gesundheitsbereich. «In der Schweiz hört man oft Klagen wegen der Einwanderung. Mit einem solchen Ansatz könnte man mittelfristig auch den Migrationsdruck bis zu einem gewissen Grad verringern.»

Germann sieht die Fondation Botnar auch innerhalb der Stiftungslandschaft als Pionier: «Es gibt nicht viele Stiftungen, die ihr Vermögen auf ihrer Homepage offenlegen. Ich sehe viele Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich Transparenz im Schweizer Stiftungswesen.»