Art Basel

«Unser Lächeln ist ein Kunstwerk»: Eva und Adele über Geschlechterrollen, die Art Basel und gute Kunst

Das Paar EVA & ADELE begleiten die Kunstszene seit Jahrzehnten. Im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» sprechen sie über den Frauenstreik und Geschlechterrollen, über Schminke und rasierte Köpfe, über Kapitalismus und Kunst.

Wo sie sind, ist Kunst. Das Lebenskunstwerk EVA & ADELE umschwirrt die internationale Kunstszene seit drei Jahrzehnten; an der Art Basel sind die beiden Stammgäste. Die Performance der beiden Märchenfiguren in exaltierten Frauenkostümen ist radikal und dehnt sich auf jeden Bereich ihres Lebens aus. Unter dicker Schminke und in ständig neuen, selbst entworfenen Kleidern, verschmelzen sie ihre Personen mit der Kunst. Damit polarisieren sie.

Von den einen verschrien als inhaltsleerer Kitsch, von der Wissenschaft untersucht in über zwanzig Dissertationen und von der Öffentlichkeit auf jedem Schritt begleitet und beobachtet. So ganz fassen lassen sich EVA & ADELE nicht, was wohl einen Teil ihrer Anziehungskraft für die Feuilletons dieser Welt ausmacht: Die «New York Times», der «Guardian», die «FAZ» und das «Süddeutsche Magazin» sind nur einige Blätter, die in den vergangenen Monaten dem lebenden Kunstwerk den Teppich ausrollten.

Die «Schweiz am Wochenende» traf das auffällige Paar in der VIP-Lounge der Art. Dort, wo die Menschen über Kunst staunen und über Geld reden. EVA & ADELE sehen sich selber als Botschafter aus der Zukunft, die unter anderem für eine geschlechtergerechtere Welt kämpfen.

Sie setzen sich ja künstlerisch und in Ihrem Leben seit Jahrzehnten mit der Geschlechterfrage auseinander. Welche Reaktion löst bei Ihnen eine Aktion wie der gestrige Frauenstreiktag in der Schweiz aus?

Adele: Wir finden es generell grossartig, wenn Menschen Energien freisetzen, um einer Forderung Gehör zu verschaffen. Und zu den Frauenrechten im Besonderen haben wir auch eine klare Haltung: Mehr Rechte für Frauen sind auch mehr Rechte für die ganze Gesellschaft, sogar auch für die Männer. Das wissen nur viele noch nicht…

Was bringt es denn den Männern, wenn Frauen mehr Rechte haben?

Adele: Mehr Gleichberechtigung bedeutet mehr Glück für alle.

Wo konkret treffen wir denn Ungleichheit an?

Adele: Wir, Eva und Adele, sprechen immer nur von uns selbst. Wir beide sind sehr starke, extreme Menschen. Und wenn wir etwas wollen, können wir sogar ganz schlimm sein (lacht). Wichtig ist, dass die Reibung zwischen uns sozusagen immer auf der gleichen Höhe stattfindet. Aber das braucht unheimlich viel Mut. Ja, man kann sogar sagen: Vielleicht ist es eine Frage des Mutes der Männer, Gleichberechtigung zuzulassen.

Streik ist nicht das Mittel Ihrer Wahl, Sie beide kämpfen ja mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Wie ist es für Sie, wenn Menschen auf der Strasse für ihre Rechte einstehen und kämpfen?

Adele: Unser Lächeln ist ein Kunstwerk. Aber als Mittel, um etwas durchzusetzen, zeugt es von enorm grossem Selbstbewusstsein. Eine Forderung mit einem Lächeln vorzutragen, ist ausserdem sexyer. Uncharmant und verbissen etwas zu fordern, bringt nichts.

Sie beide machen sich sichtbar, sind da – und somit Ihre Präsenz als Kunstwerk. Bei einem Streik geht es ja auch um Sichtbarkeit.

Adele: Ja, das ist so. Die Macht des Bildes ist enorm. Wer etwas durchsetzen möchte, sollte sich mit dieser Frage beschäftigen.

Spricht man über den Frauenstreik, so kommt natürlich sehr schnell die Gender-Frage ins Spiel. Sie beide hingegen sind eine Ebene weiter, Sie haben Ihr eigenes Geschlecht erfunden. Was bedeutet der Begriff «Gender» für Sie also?

Adele: Zuerst einmal Freiheit. Die Freiheit, sich keinem gesellschaftlich gegebenen Rollendruck zu beugen.

Sie haben in den vergangenen dreissig Jahren Erfahrungen zu genau dieser Frage gesammelt. Was hat sich in dieser Zeit punkto Freiheit der Geschlechter verändert?

Adele: Es hat sich sehr viel geändert. Damals, als wir mit unserer Arbeit begannen, war der Diskurs härter, auch brutaler. Sogar hier in Basel!

Gibt es ein konkretes Beispiel?

Eva: Eine der eigenartigsten Szenen spielte sich vor vielen Jahren in einem Basler Tram ab. Ein Mann, der uns sah, fasste sich ins Jackett, als ob er einen Revolver zücken wollte. Dabei holte er nur seinen Schweizer Pass heraus und wollte ein Autogramm von uns. Unsere Befürchtungen zeigten, wie aufgeladen die Stimmung damals war.

Haben Sie auch wirklich bedrohliche Situationen erlebt?

Adele: Ja, schon. Wir wollten diesen Situationen immer mit grosser Wachheit begegnen. Wir haben gelernt, durch Wachsamkeit sehr aufmerksam zu sein. Dieses Phänomen wurde erst durch unsere öffentliche Performance ermöglicht.

Werden Sie auf einer Kunstmesse wie der Art anders angeschaut als draussen, in der «realen» Welt?

Adele: Es gibt auch auf der Messe sehr viele Menschen, die nicht fortgeschritten sind in der Kunstbetrachtung oder überhaupt in ihrer Wahrnehmung. Aber es gibt natürlich ebenso viele schöne Momente der Wertschätzung. Wie gestern, als wir hier einen Espresso tranken und uns eine Schweizer Dame die Hand schüttelte. Sie sagte nur: «Danke.»

Kommen wir nochmals auf den Gender-Begriff zurück: Ist dieser Begriff in Ihren Augen fluid?

Adele: Ja. Wir glauben, dass in jedem Menschen – sofern das überhaupt kategorisierbar ist – Männliches und Weibliches angelegt ist und dass es Folge der gesellschaftlichen Prägung ist, was davon überwiegt. Besonders schön ist es, wenn die Menschen diese Rollenverteilungen auch als Spiel zu sehen beginnen. Wenn sich Männer zum Beispiel schminken würden, wäre das wunderschön und ein Ausdruck davon, dass sie zärtlich zu sich selbst sein wollen. Diese Erfahrung wollen sich aber die Geschlechter, in ihren tradierten Rollenmodellen verharrend, gar nicht erst zugestehen.

Eva: Jeder Mensch sollte das Recht haben, sein Geschlecht zu bestimmen und zu gestalten.

Wenn Eva und Adele der Beginn sind für die allmähliche Auflösung der Geschlechtergrenzen im 21. Jahrhundert, wohin führt dann die Reise?

Adele: Dass sich eben Frauen wie Männer aus dem Rollenverhalten weiter- und hinausentwickeln. Und beide Geschlechter werden Erfahrungen machen, die sie reicher werden lassen.

Sie leben und arbeiten in Berlin, einer Stadt mit enorm grosser Lebensvielfalt und auch Toleranz. Ist Ihre Lebensweise an einem solchen Ort nicht auch einfacher, widerstandsloser praktizierbar als zum Beispiel in einer ländlichen, weniger anonymen Gegend?

Adele: In einer Grossstadt machen Menschen mehr und intensivere Erfahrungen mit «Verschiedenheit». Man kann Menschen eher trauen, die die Welt gesehen haben. Wir möchten die Menschen dazu animieren, mehr zu beobachten, zu analysieren, sich echt auf Dinge einzulassen und zu vertiefen. Das ist ja auch eine Forderung zeitgenössischer Kunst generell.

Ist es dann nicht manchmal frustrierend für Sie, wenn an einer Veranstaltung wie der Art die Oberflächlichkeiten zu dominieren scheinen?

Eva: Man sagt das so leicht mit der Oberflächlichkeit in der Kunstwelt. Aber wenn man diese dünne Schicht zerbricht, kommen schnell tiefere Schichten zum Vorschein: Wie verhalten wir uns, zu uns selbst oder zu anderen Menschen? Und wir konnten ja in der langen Dauer unserer Arbeit feststellen, dass sich viele Dinge – gerade auch in der Gender-Frage – zum Positiven verändert haben.

Und trotzdem: Die politische Landschaft verändert sich momentan durchaus auch in eine Richtung, die der Toleranz zuwiderläuft und mehr auf Abgrenzung setzt.

Adele: Ja, das stimmt. Aus einer gesellschaftlichen Frustration heraus nehmen Trotzreaktionen und Abgrenzung zu.

Auch aus Frust über die Unterdrückung der eigenen (Geschlechter-) Freiheit?

Adele: Ja, und weil diese Menschen nicht gelernt haben, selbstbewusst und mutig selbst Dinge zu entwickeln, zu spielen, zu fantasieren. Sie folgen einem Trott und wissen gar nicht, was sie wirklich können und wer sie sind.

Also besteht die Welt auch aus ungenutztem Potenzial.

Adele: Absolut!

Sind wir alle vielleicht einfach zu wenig mutig?

Adele: Es ist eine Form der Angst, vielleicht gar der Lebensangst. Aber wir sind natürlich keine Psychotherapeuten, sondern Künstlerinnen. Jüngst sass uns eine junge Frau in der S-Bahn gegenüber und fragte: «Sind Sie immer so?» Wir bejahten und Sie sagte: «Das braucht aber Mut!» Da dachte ich: Was für ein grossartiges Kunstwerk – das laut ausgesprochene Wort Mut in der S-Bahn!

Gibt es Ihrer Meinung nach Grenzen für den Menschen?

Adele: Es muss das Ziel des Menschen sein, Grenzen zu überwinden. Aber in einer grenzenlosen Gesellschaft würde alles drunter und drüber gehen.

Fühlen Sie sich beide besonders wohl in der Kunstszene, weil die Kunst eben eine Vorreiterrolle für gesellschaftliche Veränderungen hat?

Adele: Wir sind mit ganzem Herzen Künstler, wir haben gar keine andere Möglichkeit.
Eva: Wir haben 1991 im Zuge unserer Hochzeitsperformance eines unserer ersten grösseren Interviews gegeben. Damals sagte ich mit zittriger Stimme, dass wir für die gleichgeschlechtliche Ehe arbeiten. Das war da noch ziemlich weit in der Ferne. Vor einer Woche haben wir zum zweiten Mal geheiratet, denn das 2011 war ja eine «Verpartnerung», keine Ehe. Jetzt ist die Ehe möglich, zumindest in Deutschland. Diese Erfahrung hat uns wiederum als Künstler geprägt.
Adele: Für Rechte einzustehen, ist ja immer auch Arbeit. Es braucht Disziplin und Verantwortungsbewusstsein.

Gerade hier an der Art wird aber auch vor Augen geführt: Die Kunstwelt ist auch ein Markt, ein Segment des globalen Kapitalismus. Ist das für Sie ein Widerspruch?

Adele: Nein, wir sind immer Kunst. Ob in der S-Bahn, im Wald oder eben hier an der Messe. Aber Geld ist auch ein Instrument, besonders für Künstler. Wir investieren das Geld in unser Projekt und geben es so zurück an die Gesellschaft. Auch über unser Ende hier hinaus: Alles, was wir je erwirtschaftet haben, geht in die Forschung.

Forschung wozu?

Eva: In die Geschlechterforschung, den Bereich des Transgender im Besonderen. Das ist in vielerlei Hinsicht eine unentdeckte Welt, gewissermassen sogar ein Tabu. Wir selber haben vor einigen Jahren noch sehr wenig darüber gewusst. Manches wurde bis vor nicht allzu langer Zeit ja auch kriminalisiert.

Wie reagieren Sie auf den Vorwurf, dass Sie Ihre Überzeugungen kapitalisieren?

Eva: Wir übersetzen unsere Erfahrungen in Kunst. Normalerweise ist Kunst im Museum beheimatet. Wir sagen: «wherever we are is museum» – Kunst findet statt, wo wir sind. Auch jetzt, mit diesem Interview, findet Museum statt. Nun sagen viele, Kunst sei zu teuer geworden. Aber Kunst muss teuer sein! In diesem System wird nicht geschätzt, was nicht teuer ist. Viele Menschen begreifen gute Dinge nur, wenn sie etwas kosten. Geschenke kapieren sie nicht. Es mangelt an Respekt.

Kunst können sich dann nicht alle leisten.

Eva: Einen Eintritt ins Museum können sich alle leisten. Aber es gibt auch andere Formen. Unsere Kunst funktioniert ja auch genau im Zusammenspiel: Seit es unsere Erscheinung gibt, haben uns Menschen fotografiert. Seit es Handys gibt, noch viel mehr. Früher war das oft stümperhaft, heute oft richtig gut. Wir bitten darum, uns diese Fotos zuzusenden, so hat sich über die Jahre eine riesige Sammlung zusammengetragen, die wir wiederum künstlerisch verarbeiten. Durch diesen Prozess stehen wir in direktem Kontakt mit dem Publikum und dieses mit uns. Auch wenn wir uns manchmal fühlen wie Jagdwild.

Adele: Unsere erste Ausstellung drehte sich um Zeichnungen, die wir von diesen Fotografien gefertigt haben. Das Medium Zeichnung hat das Foto seziert. Die Menschen drücken im Moment der höchsten Identifikation auf den Auslöser: Wir sind mal gross, mal dick, mal dünn – alles ist da!

Die technische Entwicklung dient Ihrer Kunstform, oder nicht?

Adele: Ja, aber wir glauben ja vor allem an die Kommunikation und an das Kunstwerk als Sender. Wir haben in Berlin eine Frau getroffen, die extra aus New York angereist war, um uns zu begegnen. Sie hatte mal eine Postkarte in ihrem Zimmer, auf der wir drauf waren. Sie schrieb uns: «Thank you for your kindness and years of major inspiration. You have been the guiding stars of my own gender journey.» Das ist doch Klasse! Dass wir als Künstler von unserer Wirkung erfahren, das ist so wunderbar.

Ihr Alltag ist radikal. Können Sie uns den beschreiben?

(beide lachen) Eva: Ja, das ist sehr aufwendig.
Adele: Die Erscheinung EVA & ADELE dauert in der Ausführung drei Stunden, natürlich inklusive Feinrasur. Darauf verzichten wir nie, die Haut muss sich daran gewöhnen.

Das tun Sie jeden Tag?

Adele: Nein, nicht ganz jeden Tag. Es gibt die sogenannte Notschminke.
Eva: Und wir gehen ja nicht jeden Tag raus. Aber sonst schon. Wir mussten auch spezielle Techniken finden, denn wir reisen viel. Im Flieger ist es sehr schwer, ein gutes Make-up zu bewahren: Die Haut transpiriert und wird glänzig. Doch oft werden wir gerade nach solchen Reisen von Medien empfangen, und da wollen wir so gut als möglich aussehen.

Spielt das eine Rolle?

Adele: Ja schon, wenn wir da total müde aussehen…
Eva: … unsere Kunst ist ja auch ein bisschen ein Märchen, das es zu bewahren gilt. Wir wollen Menschen glücklich machen, das Spiel aufrechterhalten.

Aber ist das nicht auch unfrei? Sie haben vorhin von Ihrer gelebten Freiheit gesprochen. Diese Perfektion in der Öffentlichkeit ist doch auch Zwang.

Eva: Im Gegenteil.
Adele: Wir haben grosse Blöcke, in denen wir unsere Erscheinung aufrechterhalten. Die wir lieben, das ist ja unsere Erfindung! Andere stehen morgens und abends stundenlang im Stau, wir vor dem Spiegel.

Gönnen Sie sich auch Pausen?

Adele: Wir haben jeweils lange Phasen, in denen wir uns in unser Atelier zurückziehen. Dort ist es still, wir verarbeiten das Erlebte und leben zurückgezogen. Wir könnten unser Leben ohne das nicht durchstehen.
Eva: Uns ist dieser Ausgleich, die traditionellere Arbeit als Künstler, sehr wichtig. Das befruchtet sich gegenseitig. Manchmal streiten wir uns dabei, denn schon ein Künstler hat innere Kämpfe, und wir sind ja zu zweit ein Kunstwerk.

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