Nicolas Heller, das Haus Gilgamesch war 1994 eine der ersten stationären Therapieeinrichtungen, die substituierte Drogenabhängige aufgenommen hat. Wie wirkte sich diese Pionierrolle auf Ihre Arbeit aus?

Nicolas Heller: Noch im Jahr 2000, als ich hier anfing, hatten nur wenige Einrichtungen Erfahrung im Bereich der substitutionsgestützten Behandlung. Ich wurde öfter zu Tagungen und Versammlungen eingeladen, um über unsere Arbeit zu sprechen. Ein wichtiger Punkt war die Frage, ob man mit Substituierten überhaupt Therapiegespräche führen könne. Es brauchte viel Zeit, um die Leute davon zu überzeugen, dass die Substitutionsprogramme in gewissen Fällen ein Gespräch überhaupt erst möglich machen. Ein Süchtiger auf Entzug hat andere Sorgen als die Therapie. Da beherrscht allein der Suchtdruck die Gedanken.

Können Sie über die konsumierten Substanzen Aussagen machen?

Die meisten unserer Klienten leiden an einer Mehrfachabhängigkeit. Von Alkohol über Heroin, Kokain, THC bis hin zu Medikamenten wie Ritalin, Dormicum, Rohhypnol und andere. Beim Eintritt ins Gilgamesch konsumieren die meisten von ihnen täglich. Wir versuchen, ihnen zu zeigen, wie sie mit ihrer Suchterkrankung leben können. Von welchen Substanzen sie abhängig sind, ist sekundär. Das macht nur insofern einen Unterschied, als dass es beispielsweise für Heroin ein Substitut gibt und für Kokain nicht. Bei Kokain setzen wir auf kontrollierten Konsum.

Das führt zu einem grundlegenden Problem: Woran messen Sie den Erfolg der Therapie, wenn Abstinenz nicht das Ziel ist?

Einerseits daran, ob man die Abstinenzintervalle der Süchtigen ausweiten kann, andererseits an der Verbesserung der Lebensqualität. Wir beobachten die Entwicklungen in zwölf Themenbereichen – unter anderen im Bereich Wohnen, Tagesstruktur, Freizeitgestaltung, Delinquenz, Finanzen, Familie und Beziehungen, physische und psychische Gesundheit, Identität und Sucht. Wenn die Zufriedenheit des Süchtigen in diesen Bereichen steigt, ist viel erreicht.

Sie arbeiten schon seit vielen Jahren mit Drogenabhängigen. Wie wichtig ist es, dass Sucht heute als Langzeiterkrankung anerkannt ist?

Das ist sehr wichtig. Solange Abstinenz das oberste Ziel war, liefen viele der Suchterkrankten mit einem ständigen Gefühl des Versagens durch die Welt. Man betrachtete Sucht als Willensschwäche. Drogenabhängige gingen von einer Institution zur anderen, nahmen immer wieder neue Anläufe, wurden rückfällig – und scheiterten. Vielleicht kann man es mit dem Vergleich mit einer Mobilitätsbehinderung illustrieren. Jemandem, der im Rollstuhl sitzt, sagt man ja auch nicht: «Du musst es nur wollen!»