Am Freitag läuft in Basel «Where the Condors Fly» an. Der chilenische Filmregisseur Carlos Klein hat sein Filmidol, den russischen Filmemacher Viktor Kossakovsky, begleitet bei dessen Dreharbeiten von «¡Vivan las Antipodas!». Doch die beiden Charaktere prallen zunehmend aufeinander. Weil sie sich so ähnlich seien, meint der Produzent des Werks, Vadim Jendreyko, im Interview.

«Es gibt schon viel zu viele Filme», sagt Filmemacher Viktor Kossakovsky, der Protagonist im von Ihnen produzierten Film «Where the Condors Fly». Wozu braucht es nun diesen weiteren Film?

Vadim Jendreyko: Das ist eine ernsthafte und keine rhetorische Fragestellung. Wir werden heute permanent bedrängt von Eindrücken und Bildern. Wie die Nacht, die hier in jedem Winkel von Licht verschmutzt wird; es gibt keine Dunkelheit mehr. Auch der Regisseur des Films, Carlos Klein, ist übersättigt von diesem allgegenwärtigen optischen Müll. Deshalb hat er sich an Kossakovskys Fersen geheftet, der noch an den Film glaubt und noch immer total fasziniert ist von Bildern. Carlos hat Filme von ihm gesehen, die ihn sehr berührt haben. Jetzt begleitet er ihn auf seiner Reise, um herauszufinden, was Kossavoskys Geheimnis ist. Das ist die Ausgangslage des Filmes.

Und was hat Sie konkret an diesem Film interessiert?

Der Regisseur Carlos Klein hat einen ganz eigenen Zugang zu Film; er sucht nach dem magischen Moment, der in jedem Bild steckt. Wenn er ein Schiff filmt, dann will er nicht nur die simple Information – da fährt ein Schiff – zeigen, sondern sucht das Wesen dieses Schiffs zu erfassen. Dieser sinnliche, künstlerische Zugang zu Bildern hat mich an Carlos Klein fasziniert. Jetzt macht dieser Regisseur einen Film über einen anderen Filmemacher, den genau dieselbe Qualität auszeichnet: Auch Kossakovsky sucht das Spezifische, das sich hinter der Oberfläche verbirgt. Wenn es einem Regisseur gelingt, Bilder zu machen, die nach dem Wesen einer Sache greifen, dann öffnet sich ein ganz anderer Raum. Das ist für mich ein wesentlicher Bestandteil der Kinokunst.

Können Sie ein Beispiel eines solchen magischen Filmbildes geben?

Es gibt eine Szene, in der ein Heissluftballon gefüllt wird. So wie diese Sequenz gefilmt und geschnitten ist, wird da nicht einfach ein Ballon aufgeblasen. Auf der einen Seite ist diese grosse, menschengemachte Kugel; darüber schwebt eine andere Kugel am Himmel, der Mond. Das Bild, gefilmt während einer bezaubernden Morgenstimmung, lässt mir Zeit, um mir Gedanken zu machen über Mensch und Mond und die Sehnsucht nach dem Fliegen. Das ist für mich eine sinnliche Erfahrung. Ich habe dieses Bild sicher 100 Mal gesehen bei der Entstehung des Films, aber es hat mich nie gelangweilt, weil ich es immer neu erlebe. Wie ein gutes Musikstück.

«Jeder kann heute filmen», ein weiteres Zitat von Kossakovsky.

Jeder kann sich eine Kamera kaufen und drauflosfilmen. Aber das hat noch nichts mit Filmemachen zu tun. Es kann auch jeder mit einem Stift hantieren – deswegen ist man noch kein Dostojewski. Eine weitere These Kossakovskys lautet: «Wenn Du eine Botschaft hast, bevor Du den Film drehst, dann werde Lehrer.» Das finde ich treffend. Ein Grossteil der Filme ist sehr dozierend. Filmbilder sollten aber nicht einfach ein Vehikel für Informationen oder eine Botschaft sein, sondern nach mehr suchen, sonst werden sie keine künstlerische Qualität entfalten.

Wie finden Sie Ihre Filmstoffe?

Bei Filmprojekten ist die Voraussetzung, dass uns etwas nicht nur interessiert, sondern begeistert. Nur so übersteht man die Krisen, die zwangsläufig irgendwann eintreten. Oft stellt sich im Verlauf der Zeit heraus, dass sich das Potenzial, das wir in einem Film gesehen haben, nur zum Teil oder anders einlöst. Einen Film zu machen, ist immer auch ein mit Risiken verbundener Versuch.

Und wie ist es bei den Filmen, bei denen Sie selbst Regie führen?

Ganz ähnlich. Es muss etwas da sein, das mich elektrisiert. Mein Problem ist, dass mich zu vieles fasziniert. Meine persönliche Herausforderung ist herauszufinden: Was ist sehr interessant, und was ist noch mehr als das – was berührt mich auf einer tieferen, persönlichen Ebene.

Wie war das beim Film «Die Frau mit den 5 Elefanten», wie sind Sie darauf gekommen, einen Film über die Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier zu machen?

Das geschah absichtslos. Ich habe für ein anderes Projekt jemanden gesucht, der sich mit Dostojewski auskennt. Es war dann nicht einfach, die ursprüngliche Idee in die Schublade zu stecken. Aber ich musste mir sagen: Hier ist ein stärkerer Stoff. Oft sind es Begegnungen mit Menschen, die bei mir etwas ausgelöst haben. Auch bei «Bashkim», meinem Film über einen Kosovo-Albaner war das so. Beim Film über die Stuttgarter Staatsoper wollte ich wissen, wie so viele Leute überhaupt zusammenarbeiten können. Und bei «Where the Condors Fly» hat mich die Suche dieser beiden Regisseure nach dem magischen Bild interessiert. Ich kenne diesen Überdruss an Bildern. Wenn ich selbst am Filmen bin und merke: Es bleibt allgemein, es gelingt mir nicht, das Spezifische dieses Augenblicks zu greifen und ich zugleich merke, wie ich einfach weitere Bilder produziere, da überkommt mich eine fast physische Übelkeit. Ich behaupte, es ist möglich, wirklich in allem, auch im scheinbar Unspektakulärsten, etwas zu finden, das eine eigene Strahlkraft hat; etwas, das über die Sache selber hinauswächst.

Wie macht man das?

Es ist jedes Mal ein neuer Versuch. Wenn es einmal gelingt, hat man keinen Passepartout, der für alles passt. Für jede Sache, jede Landschaft, vor allem für jeden Menschen braucht es einen einzigartigen Schlüssel. Es kann passieren, dass einem ein spannender Charakter gegenübersteht, doch man findet den Zugang zu ihm nicht. Manchmal versuchst du es von allen Seiten, scheiterst aber an dir selber – nicht weil der andere uninteressant ist. Oft liegt die Lösung darin, die eigene Erwartung loszulassen und neu zu schauen, wer da eigentlich vor einem steht. Ich muss mich immer wieder mit der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Möglichkeiten auseinandersetzen.

Fällt es Ihnen schwer, bei Filmen, die Sie «nur» produzieren, Kontrolle an den Regisseur abzugeben?

Ich muss ehrlich sagen: Ich weiss nicht, ob Regisseure die besten Produzenten sind. Ein guter Produzent zeichnet sich dadurch aus, dass er dem Regisseur ein kompetenter, konstruktiv-kritischer Partner ist. Dazu ist auch eine gewisse Distanz nötig, die man als Regisseur schneller verliert. Carlos Klein und ich haben uns über praktische, konzeptuelle Fragen ausgetauscht. Ich habe versucht, ihn zu ermutigen, noch weiter zu gehen, gerade bei der Auseinandersetzung mit einem starken Charakter wie Kossakovsky. Aber das kann man als Produzent nicht erzwingen. Ich musste lernen, gewisse Möglichkeiten, die ich als Regisseur sah, als Produzent ungenutzt lassen.

Waren die Streitigkeiten im Film zwischen Carlos Klein und Kossakovsky echt?

Ja, diese Auseinandersetzungen gehören meiner Meinung nach zu den stärksten Momenten: In einem Film über die Entstehung eines Films wird gestritten über den Film, den der Filmemacher über den anderen Filmemacher macht.

Kossakovsky sagt: «Niemand braucht meine Filme, aber ich muss es tun.» Haben Sie auch diesen Drang, Filme zu machen?

Für mich ist es eine Auseinandersetzung mit dem Leben. Ich möchte filmisch lebendig machen, was mich berührt. Wenn ich ein Steinbildhauer wäre und es mir gelänge, einen Menschen in seinem Wesen abzubilden, würde auch das Glück in mir auslösen. Vielleicht hat es mit dem Begreifen des Lebens zu tun oder der Sehnsucht nach etwas Göttlichem, Übergeordnetem. Kunst ist für mich kein Zusatz, sondern die Grundlage des Menschseins. Die Begegnung mit etwas Grösserem. Das hat mit Schönheit, mit Begeisterung und einer unerschöpflichen Suche zu tun. Und Film ist eine ganz spezielle Kunstform: die Gestaltung von Bild, Ton und Zeit, immateriell und gleichzeitig mit so grosser Wirkung.

«Where the Condors Fly» läuft am 15. Februar um 20 Uhr im Stadtkino. Es folgen wenige weitere Vorstellungen. «¡Vivan las Antipodas!» läuft unter anderem am 22. Februar um 17.30 Uhr im Stadtkino.