Der Schweizer Regisseur Milo Rau hat ein todsicheres Gespür für Aktualität. Am Anfang seiner heute noch einmal in der Kaserne Basel laufenden Produktion «The Civil Wars» steht die Frage: Was treibt junge Europäer dazu, sich radikalen Islamisten im Nahen Osten anzuschliessen und in einem Bürgerkrieg, der nicht der ihre ist, für einen Gottesstaat zu kämpfen?

Auf der Suche nach Antworten recherchierten Milo Rau und sein Team monatelang. Sie sprachen mit Gotteskriegern, Angehörigen, Journalisten, Imamen, Geheimdienstlern, Rechtsradikalen. Dann probierte Rau, deren Erzählungen dramatisch umzusetzen. Das Ergebnis überzeugte ihn nicht.

Fehlende Väter als Leitmotiv

Rau kippte das ursprüngliche Konzept und versuchte etwas Neues: Er liess vier ausgesuchte Schauspieler ihre eigene Biografie erzählen. Durch deren private Geschichten wolle er «beispielhaft Veränderungen in der Gesellschaft Europas der letzten 30 Jahre aufzeigen». Die vier Schauspieler – Karim Bel Kacem, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault und Johan Leysen – haben gemäss Rau etwas mit den salafistischen Jugendlichen gemein: einen Vater, der schwach oder abwesend war.

Ein Wust an Theorie und Recherchen geht also diesem Stück voraus. Umso mehr erstaunt das Ergebnis: «Civil Wars» ist ein zurückhaltendes Kammerspiel. Vier Menschen sprechen von sich, über zwei Stunden hört man ihnen gern dabei zu. Sie sind alle hervorragende Erzähler. Ihre Geschichten sind perfekt verdichtet, berührend, traurig, lustig, intim, aber nie peinlich.

Die flämische Schauspielerin Sara De Bosschere zeigt ein Foto von sich und ihrer Schwester als Kinder, schlafend auf Stühlen. Sie sind, wo Kinder spätabends nicht hingehören: an einem Kongress kommunistischer Aktivisten. Die Mutter fragt sich, wo die versprochene Krippe geblieben ist, und was deren Fehlen wohl über das Rollenverständnis der Genossen aussagt. Dem Vater wird das linke Herz wenige Jahre später so schwer, dass er ob des Schicksals eines Strassenkinds unter Tränen zusammenbricht. Als die Tochter ihn wiedersieht, liegt er gefesselt in einem Psychiatriebett.

Sébastien Foucaults Vater, er heisst Michel Foucault wie der Philosoph, nennt Aids die Rache Gottes an den Schwulen und verstört nächtens die Kinder, wenn er nach einem Ehekrach lärmend durch das Haus tigert. Johan Leysen verliert seinen Vater früh durch einen Autounfall. Bei Karim Bel Kacem fehlte nicht viel, und er hätte den eigenen gewalttätigen Vater erschossen. «Ich konnte mich nicht erinnern, dass er je zärtlich gewesen wäre.»

Die vier Schauspieler sitzen in einem gutbürgerlich eingerichteten Wohnzimmer (Bühne und Kostüme: Anton Lukas) und wechseln sich ab beim Erzählen und sich dabei Filmen. Wer gerade spricht, dessen Gesicht wird übergross und in schwarz-weiss auf einer Leinwand übertragen. Sie reden sehr ruhig, man spürt ihren Schmerz. Unterbrochen werden sie von wenigen, kurzen Barockmusik-Einschüben.

Erfolgreich allem zum Trotz

Wenn Bel Kacem von seiner Kindheit in einer armen, französischen Vorstadt erzählt, kann man sich vorstellen, wie leicht er von Extremisten hätte verführt werden können. Trotz allem ist aus ihm ein sympathischer Mann und angesehener Schauspieler geworden. Auch die anderen drei sind an ihrer Kindheit nicht zerbrochen, haben ihr Leben gepackt, sind erfolgreich. Die Biografie seiner Protagonisten widerspricht Raus These, dass fehlende Väter ideologisch verirrte Extremisten generieren. Der einzige am Rand erwähnte Salafist hat dagegen einen Vater, der das eigene Leben aufs Spiel setzt, um den Sohn aus Syrien rauszuholen.

In jeder Biografie spiegelt sich das Politische. Natürlich lässt sich auch aus den interessanten Geschichten von Raus Protagonisten vieles herauslesen. Aber in erster Linie ist dieses Stück beispielhaft dafür, wie stark Theater wirken kann, wenn es sich ganz auf den Menschen konzentriert. «Väter» wäre ein passenderer Titel gewesen.