Als Sabine (Name geändert) die Koffer packte, ahnte ihr Ehemann nicht, dass sie nicht zurückkehren wird. Nicht zu ihm, nicht in die gemeinsame Wohnung, nicht nach Marokko. Die angebliche Ferienreise war vorgeschoben. Eine Tarnung, um in die Schweiz reisen zu können. Hätte ihr Mann gewusst, dass sie mit dem Kind in ihrer früheren Heimat ein neues Leben beginnt, er hätte ihren Plänen niemals zugestimmt. Das wusste auch Sabine.

Eine Kindesentführung durch ein Elternteil ist kein Einzelfall: Im vergangenen Jahr gingen beim Bundesamt für Justiz 29 Anträge für eine Rückführung von Kindern ein. Damit brachten knapp 30 Mütter oder Väter ihre Kinder aus einem anderen Land in die Schweiz – gegen den Willen ihres Partners oder ihrer Partnerin. Umgekehrt verschickte die Schweiz 2016 insgesamt 62 Rückführungsanträge, weil ein Elternteil Kinder ins Ausland entführt hatte. Das ist der Höchstwert der vergangenen zehn Jahren.

Auch die Basler Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) beschäftigt sich regelmässig mit dem Thema. Bei ihr gehen die Gefährdungsmeldungen ein, wenn ein Elternteil fürchtet, der andere könnte sich mit den Kleinen ins Ausland absetzen. Pro Jahr erreichen die Basler Kesb bis zu fünf solche Hilferufe. Sind die Sorgen plausibel, kann sie eine Ausreisesperre oder das Besuchs- oder Ferienrecht aufheben. Wurden die Kinder bereits ins Ausland – oder wie bei Sabine in die Schweiz – gebracht, kontaktiert die Zentralbehörde beim Bund den jeweiligen Staat. Scheitern die Vermittlungsversuche, müssen Richter vor Ort entscheiden. In Basel-Stadt steht deswegen im Schnitt ein Mal pro Jahr eine Mutter oder ein Vater vor Gericht.

Auch Sabines marokkanischer Ehemann reichte an der Bäumleingasse seine Klage ein. Er forderte, ihm das Kind «unverzüglich» zu übergeben, da eine Kindesentführung vorliege. Seine Chancen standen nicht schlecht: In den meisten Fällen seit 2009 entschieden die Schweizer Gerichte, dass die Kinder an ihren früheren Wohnsitz zurück gebracht werden müssen. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Justiz. Auch im Fall von Sabine hatte das Basler Gericht eine Verletzung des väterlichen Sorgerechts anerkannt. Trotzdem schmetterte es die Klage ab.

Nasenbluten und blaue Flecken

Wie aus dem Urteil hervorgeht, erklärte Sabine die Entführung mit der Gewalt ihres Mannes. Bereits als sie schwanger war, soll er sie geschlagen haben. Mindestens einmal pro Monat. Sabine berichtete dem Richter von Nasenbluten, einer Hirnerschütterung, blauen Flecken. Um ihrem Martyrium zu entkommen, wollte sie sich von ihrem Mann trennen und in eine eigene Wohnung ziehen. In Marokko.

Als er von ihren Plänen erfuhr, eskalierte die Situation. Mehrere Tage lang sperrte er sie in der gemeinsamen Wohnung ein. Ihr sei «nichts anderes übrig geblieben, als ihm eine funktionierende Ehe vorzugaukeln». Nur auf diesem Weg habe er zu einem späteren Zeitpunkt einer «Ferienreise» zugestimmt, argumentierte Sabine vor Gericht.

Die Basler Richter beurteilten die erlebte häusliche Gewalt als glaubhaft. Trotz eines Fernhalteverbots hatte Sabines Mann ihr unzählige SMS-Nachrichten geschickt. Darin entschuldigte er sich nicht nur für Prügel, sondern belästigte sie derart, dass das Gericht von Stalking spricht. Bis zu 137 Nachrichten pro Tag leuchteten bei Sabine auf dem Display auf. Nur: Ebenso wenig wie mit häuslicher Gewalt als auch mit Stalking lassen sich Kindesentführungen rechtfertigen.

«Schutzlos» ausgeliefert

Sabines Mann versuchte nicht nur in Basel, auf dem Rechtsweg sein Kind zurückzubekommen. In Marokko reichte er eine Klage wegen Ehebruch ein. Das kann zu einer Gefängnisstrafe von bis zu zwei Jahren führen. Obwohl der Mann vor dem Basler Gericht angab, diese zurückgezogen zu haben, entschied es, dass Sabine ihm in Marokko «schutzlos ausgeliefert» wäre. Unter den geschilderten Umständen sei das «unzumutbar».

Seine Entscheidung begründet das Gericht auch damit, dass die marokkanischen Behörden sämtliche Anfragen unbeantwortet liessen. Mehrfach und über verschiedene Stellen versuchte die Schweiz, eine Garantie für Sabine zu erhalten, dass sie unter anderem eine Einreiseberechtigung erhalten und das Verfahren wegen Ehebruch nicht wieder aufgenommen würde. Ein Kontakt zu Marokko kam nie zustande; obwohl das Land ebenso wie die Schweiz das internationale Haager Kindesentführungsübereinkommen unterzeichnet hat.

Das Gericht anerkannte Sabine als Hauptbezugsperson des Kindes. Nach seiner Geburt war sie dreieinhalb Jahre lang Hausfrau; auch seit der Einreise in die Schweiz lebte es bei ihr. Eine lange oder gar endgültige Trennung würde das Kind daher in eine «unzumutbare Lage» bringen. Damit ging der Basler Richter weiter als das Bundesgericht. Das hatte bislang eine Trennung von Säuglingen und Kleinkinder bis zum Alter von «mindestens zwei Jahren» als unzumutbar eingestuft.

Über Sabines Fall beugen sich die höchsten Schweizer Richter indes nicht. Ihr Mann hat das Urteil akzeptiert. Mutter und Kind bleiben in der Schweiz.