Verkehr
VCS-Geschäftsführerin Stefanie Fuchs: «Beim Strassenbau wird geklotzt, beim ÖV geknausert»

Die VCS-Geschäftsführerin setzt sich beharrlich für den öV ein – jetzt hat sie Hochsaison.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Das «Läufelfingerli» ist eines der Sorgenkinder von Stephanie Fuchs: Sie will dessen Anschlüsse verbessern, statt die Bahn auf Busbetrieb umzustellen.

Das «Läufelfingerli» ist eines der Sorgenkinder von Stephanie Fuchs: Sie will dessen Anschlüsse verbessern, statt die Bahn auf Busbetrieb umzustellen.

Roland Schmid

Sie ist für etliche bürgerliche Politiker ein rotes Tuch, denn sie steht nicht nur für eine Verkehrspolitik ein, bei der der öffentliche Verkehr (öV) uneingeschränkte Priorität vor dem Auto hat, sondern sie macht das auch ausgesprochen hartnäckig, mit Verve und schlagfertig. Die Rede ist von Stephanie Fuchs (49), seit bald zehn Jahren Geschäftsführerin des VCS beider Basel. Sie war in den letzten Tagen besonders gefordert, weil im Baselbiet der 8. Generelle öV-Leistungsauftrag (GLA) der Regierung für die Zeit von 2018 bis 2021 zur Vernehmlassung auflag. Und der Kanton will bekanntlich beim U-Abo sparen, die Kurse der Buslinien 91 (Waldenburg-Bretzwil), 92 (Hölstein-Bennwil) und 93 (Lampenberg-Lausen) ausdünnen und übers Wochenende streichen sowie das «Läufelfingerli» auf Busbetrieb umstellen.

Das ist genau das Gegenteil dessen, was Fuchs und dem VCS-Vorstand vorschwebt, entsprechend ablehnend ist ihre Stellungnahme ausgefallen. Fuchs sagt: «Die Buslinien brauchen eine Verdichtung statt eine Ausdünnung und das ‹Läufelfingerli› endlich schlanke Anschlüsse in Sissach und Olten. Alles andere setzt eine Abwärtsspirale in Gang.» Denn würde das Angebot an der Peripherie beschnitten, habe das auch negative Auswirkungen auf die nachgelagerten öV-Linien, weil die Leute gerade für den ganzen Weg aufs Auto umsteigen würden. Für Fuchs muss der öV «die Leute möglichst attraktiv an ihrem Wohnort abholen». Das heisst mit dichtem Takt in stadtnahen Gemeinden und wichtigen Korridoren wie dem Leimen- oder Ergolztal und mindestens im Stundentakt im ländlichen Baselbiet. «Löcher im Taktfahrplan hingegen geben einer Linie den Rest», so Fuchs.

Das logische Denken fehlt

Die Regierung mache einen «Paradefehler», indem sie jede Linie einzeln beurteile anstatt deren Beitrag ans ganze System. Falsch sei es auch, sich einzig auf die Kriterien Auslastung und Kostendeckungsgrad zu fixieren. Diese zeigten nicht zwingend die Nachfrageentwicklung, denn der Kostendeckungsgrad einer Linie könne auch bei gleichem Passagieraufkommen sinken, wenn zum Beispiel kostspielige neue Busse oder Trams angeschafft würden. Und unnötig grosse Busse auf Nebenlinien liessen die Auslastung schlecht aussehen. Wo die Nachfrage trotz Stundentakt gering bleibe, könne man ein Konzept mit Rufbussen prüfen und das auch übers Wochenende. Fuchs: «Das sind wir den Jugendlichen, den Senioren und den autofreien Haushalten schuldig.» Und das in Sparzeiten? Solange beim Autoverkehr nicht gespart und dieser immer günstiger werde, seien Einsparungen beim öV fehl am Platz, kontert Fuchs.

Sie sieht das Baselbiet generell auf dem verkehrspolitischen Holzweg: «Es läuft alles rückwärts Richtung 1960er-Jahre: Man klotzt beim Strassenbau und will beim öV knausern.» Der Strassenbau habe eben eine starke Lobby, weil damit enorm viel zu verdienen sei. Der Baselbieter Politik fehle aber auch das logische Denken. Als Beispiel dafür verweist Fuchs auf den Entwicklungsschwerpunkt Salina Raurica. Für dieses Gebiet sei ein Modalsplit von 35 Prozent öV-Anteil vorgeschrieben. Die Regierung prognostiziere nun während der Laufzeit des 8. GLA eine massive Arbeitsplatzentwicklung, wolle aber gleichzeitig eine bessere öV-Erschliessung auf den 9. GLA vertagen. Und das, so empört sich Fuchs, «mit dem expliziten Hinweis, so könne das Modalsplit-Ziel kaum erreicht werden».

Aber auch die Basler Politiker bekommen ihr Fett ab: «Baselland schaufelt laufend mehr Autoverkehr nach Basel, die Basler Regierung aber wehrt sich kaum. Dabei hätte die Stadt mit der Parkraumbewirtschaftung ein Mittel in der Hand, um ihre eigene Bevölkerung zu schützen.»

«Bei Verbitterung höre ich auf»

Fuchs ist überzeugt, dass es längerfristig keine Alternative zur Verlagerung des Verkehrs auf Bahn, Tram und Bus gibt. Die nächsten zehn Jahre würden es zeigen. Also doch noch ein bahnbrechender Erfolg bis zur Pensionierung als VCS-Geschäftsführerin? Fuchs lacht, was sie übrigens gerne macht, wenn sie sich nicht gerade ins Feuer redet, und meint: «Ich stelle mir nicht vor, dass ich beim VCS pensioniert werde, obwohl die Arbeit Spass macht und ich voll dahinter stehe.» Auf Nachfrage ergänzt die studierte Geografin, Ethnologin und Botanikerin, dass sie sich auch ein Engagement in der Anti-Atompolitik oder in der Flüchtlingsbetreuung vorstellen könne.

Hat sie denn ihr jahrzehntelanges Engagement – früher wirkte sie beim VCS Solothurn – für mehr öV und weniger Autos, das einem Anrennen gegen Windmühlen gleicht, nie verbittert? «Wenn ich Verbitterung spüre, höre ich sofort auf. Ich lasse mir von der bürgerlichen Politik nicht die Lebenslust nehmen.» Auftanken, wenn man so einen Begriff für eine begeisterte Velofahrerin überhaupt verwenden darf, tut die dreifache Mutter bei Familie und Freunden. Und beim Imkern und Bergwandern abseits aller Autostrassen.