Veganismus
Veganer am Basler Stammtisch wollen die Welt verbessern

Sektierer, Spinner, Lustfeinde – ist an den Klischees etwas dran? Ein Besuch bei einem veganen Stammtisch in Basel, wo über 30 Männer und Frauen gemeinsam diskutieren.

Lea Hartmann
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Thematisiert die Beziehung von Mensch und Natur: «Sommer» von Giuseppe Arcimboldo. KEYSTONE/IMAGNO

Thematisiert die Beziehung von Mensch und Natur: «Sommer» von Giuseppe Arcimboldo. KEYSTONE/IMAGNO

Ausgeweidete Schweine, geschredderte Küken, ausgebeutete Mutterkühe – alles andere als appetitanregend, was an diesem Abend im «Manger et Boire» besprochen wird. «Gleich nach der Geburt werden alle männlichen Küken aussortiert, vergast und im Schredder zerhackt», erzählt Lucius Caviola, während er die vegane Birnen-Süsskartoffelsuppe löffelt. Der 24-Jährige ist einer von über 30 Männern und Frauen, die sich im ersten Stock des Basler Restaurants beim Barfüsserplatz eingefunden haben. Bei Kerzenlicht diskutieren sie über das, was sie verbindet: den Veganismus. Im Gegensatz zu Vegetariern essen Veganer nicht «nur» kein Fleisch und Fisch, sondern verzichten auch auf Lebensmittel wie Eier, Milch, Honig oder Gelatine.

«Schwein erkennt sich im Spiegel»

Psychologie-Student Caviola ist heute zum ersten Mal am veganen Stammtisch. «Ich dachte immer, Veganer seien Spinner – doch ich lernte Leute mit rationalen Meinungen kennen», sagt er. Es sind Argumentationsketten bestehend aus Zahlen, Studien und Fachbegriffen, die an diesem Abend präsentiert werden. Überzeugt das nicht, wird emotional argumentiert: Tiere empfänden ähnliche Gefühle wie Menschen, betont Caviola. «Ein Schwein erkennt sich sogar im Spiegel.»

Waren es früher Punks, sind es heute Personen wie Caviola, die das Bild der veganen Bewegung prägen. «Man sieht den Menschen das Veganersein nicht mehr an», stellt Marielle Kappeler fest. Die 29-Jährige hat den Stammtisch – als schweizweit ersten dieser Art – vor drei Jahren gegründet. Damals sassen sie zu viert am Tisch. Kappeler spricht von einem exponentiellen Wachstum der veganen Bewegung in Basel. Genaue Zahlen gibt es nicht. Das Bundesamt für Gesundheit schätzt, dass sich 2006 eine Minderheit von 0,3 Prozent der Schweizer Bevölkerung vegan ernährte.

In grossen Massstäben denken

In Basel ist es die Debatte um eine fleischfreie Uni-Mensa, die der veganen Idee in den letzten Monaten starken Auftrieb gegeben hat. Die Antragsteller fordern nebst mehreren vegetarischen Tagen pro Woche auch ein veganes Menü täglich. In den nächsten Monaten wird es zur Urabstimmung unter den 12000 Basler Studierenden kommen.

Jens Hermes, Initiant der Vegi-Mensa, sitzt ebenfalls am Stammtisch. Den mit einem «Vegan»-Sticker beklebten Laptop aufgeklappt, plant er gerade seine nächste Aktion. «Die Idee besteht, einen Verein zu gründen, der informiert, wie man durch eine fleischfreie Küche einen Beitrag zum Umweltschutz leistet», erklärt der 29-Jährige. Denn, wie Caviola dazwischenruft: «Wir müssen im grossen Stil denken, nicht nur an die Mensen in Basel, sondern schweizweit.»

Der Kellner balanciert die Hauptspeise an den Tisch. Nadja Graber, seit den ersten Stammtischen dabei, zückt ihr Handy und schiesst ein Foto von den veganen Teigtaschen. «Ich will meiner Familie zeigen, dass auch veganes Essen abwechslungsreich und schön präsentiert sein kann», erklärt sie.

In Basel wächst die vegane Gastroszene bereits seit einigen Jahren stetig: Gab es vor sechs Jahren gerade mal ein Lokal mit veganem Angebot, sind es heute gut ein Dutzend. Eine abwechslungsreiche vegane Küche setzt sich auch Marco Le Rose, Koch im Café Belvedere in Ormalingen, zum Ziel. Seit zwei Monaten bietet das Café im Oberbaselbiet jedes Wochenende vegane Torten an. «Inzwischen verzeichnen wir an Wochenenden einen Mehrumsatz von 20 bis 30 Prozent», sagt Le Rose, der durch Kollegen auf die vegane Ernährungsweise aufmerksam wurde.

Gesundheitsexperten uneinig

Vegan gilt als trendy – doch ist die rein pflanzliche Ernährung auch gesund? Experten sind sich uneins. Das Bundesamt für Gesundheit rät der breiten Bevölkerung von einer komplett veganen Ernährungsweise ab. «Die Einschränkung der Lebensmittelauswahl ist durch den Verzicht auf alle tierischen Nahrungsmittel relativ gross», sagt Marion Wäfler, Expertin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE. Veganer sollten besonders auf eine vielseitige Ernährung achten und teilweise Zusatzstoffe einnehmen. So empfiehlt Wäfler insbesondere schwangeren Veganerinnen, Kindern und älteren Menschen für eine «bedarfsdeckende Zufuhr» die zusätzliche Einnahme von Nährstoffen wie Vitamin B12.

Abendessen enden im Streit

Doris Balsiger, seit 18 Jahren Veganerin und heute ebenfalls am Stammtisch, nimmt nur ab und zu solche Ergänzungsstoffe zu sich. Stattdessen lässt sie regelmässig ihre Blutwerte überprüfen, die «nicht nur im grünen, sondern im dunkelgrünen Bereich liegen», wie sie betont. Die 55-jährige Ernährungs- und Gesundheitsberaterin kenne die Vorurteile gegenüber Veganern. Die Konsequenz: «Ich gehe nicht mehr mit Fleischessern ins Restaurant, das artet sonst in Streitgesprächen aus.»