Geburtshelferin

Velohebamme Andrea begleitet Schwangere vom Test bis zur Entbindung

Die Haushebamme Andrea Pollheimer hat so viel zu tun wie sonst nie, selbst ihr Arbeitsweg ist derzeit ein Stress.

Sie sind sechs, vier und zwei Jahre alt. Kind Nummer vier wartet in Mamas Bauch. «Es wird ein...», sagt Andrea Pollheimer. «Wenn ich das Falsche sage, blamiere ich mich.» Sie lacht. Selten lag die Hebamme falsch.

«Manchmal habe ich anhand der Herztöne eine Vermutung, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist. Ausserdem reagieren Buben häufiger mit Herztonveränderungen und ihnen fällt eher mal sprichwörtlich das Herz in die Hose.» Fällt dem Geschwisterchen von Kezia, Joline und Sephora das Herz in die Hose? Oder anders gefragt: Durchbricht es den Mädchen-Trend der Familie Bender?

Ein heisser Tag Ende Juni. Andrea Pollheimer kommt mit dem E-Bike angesaust. Zwei prall gefüllte Taschen hängen am Gepäckträger. Und schräg über ihren Schultern baumelt eine Handtasche. Rucksäcke benutzt die 44-Jährige nur bei strömendem Regen. «Ich möchte einen gewissen Stil erhalten», sagt sie.

Für die hochschwangere Tabitha Bender (32) wird es eine der letzten Kontrollen vor der Geburt sein oder sogar die letzte. Ihre Mutter aus Köln ist zu Besuch. «Ich habe bei allen Geburten geholfen, gern wäre ich auch bei meinem vierten Enkel dabei.» Doch dafür müsste das Baby pünktlich kommen.

Hebammen-Schreck Baustellen

Für Andrea Pollheimer und ihre beiden Kolleginnen ist jetzt Hochsaison. Seit Anfang Juli hat das auf Hausgeburten spezialisierte Hebammen-Trio neun Geburten begleitet. Im April halfen die Frauen nur einem Kind auf die Welt. «Viele Paare reisen im Herbst nach Sardinien oder sonst wohin – und wir haben im Sommer dann zu tun», scherzt Pollheimer.

Zu tun hat sie auch auf dem Velo, da muss sie derzeit vorsichtiger sein als sonst. Das schöne Wetter kann sie weniger geniessen als etwa im Herbst. Im Winter friert sie zwar bis auf die Knochen und Regen findet sie auch nicht toll, «die Baustellen im Sommer sind aber schlimmer als alle Wetterphänomene», sagt sie.

Die Äussere Baselstrasse in Riehen sei Veloschreck Nummer 1. «Es ist teilweise gefährlich, dort durchzufahren», sagt Pollheimer. Als Riehenerin bleibt ihr oft nichts anderes übrig.

Trotzdem: «Ich fahre gern Velo, ein Auto kommt für mich nicht infrage.» Sie habe keinen Führerschein, zudem sei Autofahren in Basel keine Freude und sie selber sei ein «Öko».

Nach einem Schwatz sind die Frauen parat für die Untersuchungen. «Ab ins Bad!», fordert die sechsjährige Kezia ihre Mutter auf. Es ist «Bisi»-Zeit. Andrea Pollheimer hält die Stäbchen in den Becher; Eiweiss, Zucker, alles gut. Tabitha Bender geht ins Wohnzimmer, legt sich aufs Sofa, macht den Bauch frei. «Wo hets Baby sis Fudi?» Die drei Mädchen helfen der Hebamme beim Tasten. Ah, ein Fuss! Und hier, der Kopf! «Hallo, Baby», sagt Joline, die zweitälteste.

Es ist die Arbeit mit den Händen, welche die Hebamme so liebt, das Handwerk. Sie hört die Herztöne mit einem Pinard, einem Holzrohr, ab. Die Mädchen dürfen auch. Noch besser gefällt es ihnen, dem Herzschlag des Babys mit dem Fetoskop zu lauschen. Das Instrument sieht wie ein Stethoskop aus, ist aber eigens für Hebammen gemacht.

Andrea Pollheimer ist ursprünglich Musiklehrerin. Nach der Geburt ihres ersten Kindes wusste sie: «Gebären ist super! Ich muss Hebamme werden!» Würde der Geburt keine Schwangerschaft vorausgehen, hätte sie vielleicht mehr als drei Kinder. Aber: «Mir war immer übel und so hatte ich weniger Freude an der Schwangerschaft als an der Geburt und dem Stillen.»

Vom Test bis zum Abstillen dabei

Für viele Frauen sei es ein Tabu, zuzugeben, dass Schwangersein für sie nicht das grösste Glück bedeutet. Entsprechend erleichtert seien sie, dies von einer Fachfrau zu hören. Sowieso wird Andrea Pollheimer immer wieder mit Tabus konfrontiert. Für manche Leute sei es beispielsweise undenkbar, ihre Kinder zu Hause zur Welt zu bringen. «Für sie sind Hausgeburten gleichbedeutend mit Geburten im afrikanischen Busch», sagt Pollheimer.

Selber möchte sie nicht mehr in einem Spital arbeiten. «Ich habe nichts gegen Spitäler und Ärzte und bin froh um die gute Zusammenarbeit mit ihnen, doch was mir an meinem Job so gut gefällt, ist der grosse Bogen vom Schwangerschaftstest bis zum Ende der Stillzeit.» Stets unter der Voraussetzung, dass die Frau gesund ist, die Schwangerschaft gut verläuft und eine normale Geburt zu erwarten ist.

Die Untersuchungen bei Tabitha Bender sind für heute beendet. Das Kind liegt startklar im Bauch der Mutter, scheint es aber nicht eilig zu haben. Andrea Pollheimer steigt aufs E-Bike und fährt los zur nächsten Frau. Nach wenigen Minuten ist sie gezwungen, anzuhalten. «Ausgenommen Baustellenverkehr – Fahrrad schieben gestattet», liest sie auf einem Zettel an einer Baustelle. «Das nervt, ich habe keine Lust, mein Velo zu schieben», sagt sie. Zumal es sich um «eine wichtige Velostrasse» handle. So geht das zurzeit täglich. Nächtens aber sieht die Welt ganz anders aus.

Die Familie Pollheimer schläft, als um 2.16 Uhr das Handy klingelt. «Spürst Du, wie sich das Kind bewegt? Kommt Fruchtwasser? Wie häufig hast Du Wehen?» Andrea Pollheimer stellt Tabitha Bender viele Fragen. Dann packt sie Notfallmedikamente, Wehenmittel, Handschuhe, Nabelklemme und das restliche «Hausgeburtszeug» ein und schwingt sich aufs Velo.

Es ist stockdunkel, kein Mensch ist auf der Strasse. Angst hat die Hebamme keine. «Es gibt kaum etwas Schöneres, als in der stillen Nacht aufs Velo zu sitzen und zu wissen: Du gehst an eine Geburt.» Das Kind kommt um 11.34 Uhr zur Welt. Eine Woche nach dem Termin. Ruben hat den Mädchen-Trend durchbrochen. Die Hebamme hat es schon vorher vermutet.

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