Velokurier-EM
Velokurierin Anna-Gréta «Mana» Németh ist für den Sattel geboren

Die Baslerin Anna-Gréta «Mana» Németh startet ab Donnerstag bei der Velokurier-EM in Kopenhagen.

Tobias Müller
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Anna-Gréta «Mana» Németh fährt für die Kurierzentrale Basel.

Anna-Gréta «Mana» Németh fährt für die Kurierzentrale Basel.

Für Mana sind es die grossen Highlights. Die Europameisterschaft in Kopenhagen. Und eine Woche später die Weltmeisterschaft in Paris. Darauf freut sie sich schon das ganze Jahr, darauf ist ihre Planung ausgerichtet. Doch für sie als Velokurier gehe es nicht um das Sportliche, das sei ihr eigentlich egal. Für sie gehe es um die Leute aus der ganzen Welt, die sie dort treffe. Darum, die Kurierzentrale Basel zu vertreten – ihren Arbeitgeber und ihre Familie, wie sie diese nennt. Und darum, nach den Wettkämpfen den ein oder anderen Drink zu geniessen und einfach Party zu machen. «Eigentlich geht es nur um fahren und saufen», fasst sie das zusammen, was sie in den nächsten Tagen erwartet.

Die gebürtige Ungarin Anna-Gréta Németh ist vor 29 Jahren in Budapest auf die Welt gekommen und dort aufgewachsen. Schon als Kind war sie eigentlich immer ein wenig anders, musste ständig in Bewegung bleiben. Ihre Eltern haben sie zum Sport «gepusht», so dass sie ihre überschüssige Energie loswerden konnte. Anna-Gréta fand zum Triathlon, später beschränkte sie sich auf das Velo. Sie fuhr jahrelang Wettkämpfe im Velodrome von Budapest, studierte nebenbei BWL und schloss dort den Master ab. Da sie danach keinen Job finden konnte, fing sie an, als Kurier zu arbeiten. Als sie einmal in den Ferien nach Basel kam, gefiel es ihr so sehr, dass sie blieb. Seit vier Jahren arbeitet sie nun schon für die Kurierzentrale. Dort hat sie den Namen Mana bekommen, unter dem sie alle kennen. Ihren richtigen Namen höre sie eigentlich nie. Fünf Tage die Woche, sechs Stunden pro Tag sitzt sich auf dem Sattel und liefert Pakete in der Region aus. «Das ist schon hart. Nach einer Schicht habe ich dann gar keine Lust mehr auf Radfahren oder um für Rennen zu trainieren.»

Mana will Basel gut vertreten

Auch nicht jetzt, da die zwei Höhepunkte des Jahres vor der Tür stehen. Bei der EM in Kopenhagen, die am Donnerstag anfängt, wird sie sich mit rund 200 Frauen in verschiedensten Disziplinen messen. Diese gehen vom klassischen Stadtrennen bis hin zum Rückwärtsfahren mit ausziehen, bis man nackt ist. Wer zuerst keine Kleider mehr anhat, gewinnt. Pokale oder Medaillen wird es bei der EM nicht geben. Die Sieger dürfen sich über ein Veloschloss, ein Trikot oder ähnliches freuen. Und: Dem Sieger sei «ewiger Ruhm» sicher, sagt Mana.

Velokuriere transportieren Pakete beim Hauptrennen der Europameisterschaft 2013 in Bern.

Velokuriere transportieren Pakete beim Hauptrennen der Europameisterschaft 2013 in Bern.

KEYSTONE

Die 29-Jährige ist Spezialistin im Gold-Sprint, die Kurzdistanz über 500 Meter. Dort tritt man auf einem stationären Bike im Direktduell gegen einen Gegner an, wobei die getretene Leistung auf eine Leinwand projiziert wird. Wer die 500 imaginären Meter schneller zurücklegen kann, kommt eine Runde weiter. Bierdusche und ohrenbetäubendes Gebrüll der Zuschauer rundherum inklusive. Mana findet das «absolut geil», weil es da besonders abgehe. Im Gold-Sprint holte sie sich in der Vergangenheit auch schon Medaillen und gilt daher als grosse Hoffnung der Kurierzentrale Basel an der EM. «Ich werde dort sicher das Trikot der Firma tragen und diese repräsentieren, so gut es geht», sagt Mana.

Immer mehr ehrgeizige Kuriere

Bei solchen Meisterschaften stehe aber sowieso das Soziale, das Zusammensein, im Vordergrund. Das Bier danach gehört da ebenso dazu wie die lange Partynacht, die dann meistens erst in den frühen Morgenstunden zu Ende geht. «Bei der WM in Lausanne vor ein paar Jahren feierten wir so lange, dass ich am nächsten Tag die Qualifikation für ein Rennen verschlief. Aber es wäre sowieso nicht gut gekommen, da ich die wilde Nacht am nächsten Morgen doch noch ziemlich gespürt habe», sagt Mana. Sie gilt bei den Kurieren schon als alter Hase und hat darum schon viele verrückte Sachen bei Meisterschaften erlebt. Besonders lustig werde es, erzählt sie, wenn Fahrer bei Partys einschlafen und dabei noch ihre Schuhe anhaben. «Dann werden diese rücksichtslos angemalt.» Sonst verliefen diese Partys aber immer friedlich, in der Kurierszene halte man zusammen, sei füreinander da.

Trotzdem ist auch die Kurierszene im Wandel und Landesmeisterschaften werden immer mehr kommerzialisiert. Der Energy-Drink-Hersteller Red Bull hat Kurier-Wettkämpfe als Investitions-Plattform entdeckt. Immer mehr rückt das sportliche Abschneiden bei Europa- und Weltmeisterschaften in den Vordergrund. «Früher haben alle Bier getrunken. Vor dem Rennen und natürlich danach noch mehr. Heute gibt es immer mehr Fahrer, die sich gezielt auf die Wettkämpfe vorbereiten, ausgeschlafen an die Rennen gehen und danach ihr isotonisches Zeugs trinken», erklärt Mana.

Ihr selber sei das egal, sie gehe ihren eigenen Weg und geniesse das Erlebnis in der Gruppe. Auch in den kommenden Tagen in Kopenhagen wird das nicht anders sein. Und dann in Paris. Danach geht für Mana der Alltag bei der Kurierzentrale Basel weiter. Auf dem Velo, jeden Tag, für sechs Stunden.