«Gundeli-Mord»

Vendetta für die Schwester beschäftigt Basler Richter zum zweiten Mal

Das Basler Strafgericht muss zum zweiten Mal die Frage klären, wollten sie töten oder nicht?

Das Basler Strafgericht muss zum zweiten Mal die Frage klären, wollten sie töten oder nicht?

Zum zweiten Mal muss sich das Basler Strafgericht mit dem «Gundeli-Mord» befassen, der im Mai 2009 schweizweit für Aufsehen sorgte. Die knifflige Frage, die es zu klären gilt: War es tatsächlich ein Mord im eigentlichen Sinne, oder ist die Tötung fahrlässig oder im Affekt zustande gekommen?

2010 verurteilte das Basler Strafgericht den Schützen L. L. mit thailändischen Wurzeln sowie das Brüderpaar D. S. und P. S. aus Sri Lanka zu langjährigen Haftstrafen. Dies, nachdem es zum Schluss gekommen war, dass die Tötung des Opfers K. A. - der Freund der Schwester der beiden sri-lankischen Brüder - kaltblütig geplant und ausgeführt worden ist.

Die Verteidigung war allerdings mit dem Urteil nicht einverstanden und gelangte mit dem Fall ans Appellationsgericht. Dieses liess sich von der Mord-These nicht überzeugen und schickte den Fall im Mai 2012 zurück ans Strafgericht.

Rache für die Schwester

Die Hintergründe sind tragisch: Die Schwester des Brüderpaars, das aus dem Raum Bern stammt, wird von ihrem Freund K. A. in Basel übel misshandelt. Daraufhin beschliessen die Brüder, diesem eine Abreibung zu verpassen. Sie bieten zwei Kollegen auf und fahren nach Basel, wo sie in der Reinacherstrasse im Gundeldinger Quartier schliesslich auf den betrunkenen K. A. treffen.

Die beiden Brüder greifen ihn an, während L. L. sich mit der Pistole im Hintergrund hält. Als K. A. sich losreissen kann, entsichert der spätere Schütze seine Pistole der Marke Beretta, verfolgt, stellt und erschiesst K. A. schliesslich. Ob nun mit Absicht oder nicht, müssen die Richter entscheiden.

Der Sachverhalt ist äusserst heikel, sowohl die Verteidigung wie auch die Anklage müssen mit Spitzfindigkeiten argumentieren. Letztere ist nach wie vor überzeugt, dass L. L. dem Opfer willentlich die Pistole an den Hinterkopf hielt und abdrückte, nachdem er es zuerst mit der Pistole geschlagen hatte. Dabei fiel das Magazin aus dem Pistolenschaft, woraufhin nur noch eine Kugel im Lauf der geladenen Pistole übrig blieb. Diese war für das Opfer tödlich. L. L. soll für 13 Jahre ins Gefängnis, seine Mittäter für 9 Jahre.

Täter haben psychische Probleme

Der Verteidiger von L. L. geht allerdings davon aus, dass sich die Hand beim Schlagen verkrampfte und dieser deshalb den Abzug der Pistole ungewollt betätigte. Dass diese These zumindest plausibel ist, bestätigten der Rechtsmediziner Volker Dittmann, der an der Universität Basel lehrt, sowie der Ballistik-Experte Martin Lory vom Forensischen Institut Zürich. Wobei auch sie einräumen mussten, dass solche Fälle selten sind. «Wir haben beide eine Erfahrung von über 20 Jahren und noch nie einen solchen Fall untersucht», sagte Dittmann.

Ob L. L. geplant gehandelt hat oder nicht, hat letztlich auch Konsequenzen für die beiden sri-lankischen Brüder. Sie wurden in erster Instanz für den Mord mitverantwortlich gemacht, beteuern aber, dies nie so vorgesehen zu haben. Die drei jungen Männer auf der Anklagebank waren heute entsprechend kleinlaut und überliessen das Reden hauptsächlich ihren Verteidigern. Zwei von ihnen haben psychische Probleme. Mit dünner Stimme sagte L. L., der im Berner Gefängnis Thorberg im vorgezogenen Strafvollzug sitzt: «Ich habe immer noch diese Bilder im Kopf, die ich verarbeiten möchte, aber nicht kann.»

Immer wieder benutzten die Verteidiger in ihren Plädoyers den Rechtsgrundsatz «In dubio pro reo» - im Zweifel für den Angeklagten. Sie argumentierten: Vorsätzlicher Mord sei nicht zu beweisen. Ob die Richter das auch so sehen, entscheidet sich am Donnerstag Nachmittag.
Sicher ist: Das Urteil dürfte - insbesondere in Juristenkreisen - zu reden geben. Es ist gut möglich, dass am Ende das Bundesgericht über den Gundeli-Mord befinden muss.

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