Ausstellung
Veränderte Sichtweisen: Joseph Beuys dachte die Kunst neu

Die Ausstellung «Joseph Beuys – Installationen, Aktionen & Vitrinen» im Museum für Gegenwartskunst Basel gibt neue und ursprüngliche Einblicke in das Werk des stilbildenden deutschen Künstlers

Christian Fluri
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Beuys-Ausstellung

Beuys-Ausstellung

Martin Töngi
Still aus «I like America an America likes Me», aus dem Film über Beuys’ Aktion in der Galerie René Block in New York.

Still aus «I like America an America likes Me», aus dem Film über Beuys’ Aktion in der Galerie René Block in New York.

Martin Töngi

Die ursprünglichen Beziehungen zwischen «The Hearth (Feuerstätte)» und «Feuerstätte II», den beiden Installationen von Joseph Beuys, sind wieder hergestellt. Sie stehen in ihrer alten «Vierecksbeziehung», wie es Søren Grammel, Kurator der Ausstellung und Leiter des Museums für Gegenwartskunst (MGK), formuliert. So, wie sie 1980 im Kunstmuseum von Beuys angeordnet waren. Die beiden Feuerstätten kommunizieren nun wieder miteinander, spinnen ihre imaginären Beziehungsfäden untereinander, wie dies gedacht war. Die Filzanzüge, die Beuys 1978 für die «Alti Richtig» entworfen hat (Seite 36), liegen nicht mehr als platter Haufen da, sondern sind in skulpturaler Form übereinandergelegt. Der grosse Beuys-Spezialist Dieter Koepplin, der frühere Leiter des Basler Kupferstichkabinetts, hat die Originalsituation wieder hergestellt. Die Kragen der Kostüme blicken Richtung «The Hearth (Feuerstätte) 1968–1974», die das Kunstmuseum 1977 erworben hatte. Ebenso schauen die im Kreisrund angeordneten Kupferstäbe der «Feuerstätte II 1978–1979», die Beuys an der Fasnacht gestaltete, in Richtung des ersten Werks, dessen Ankauf zu hitzigen Diskussionen in der Stadt geführt hatte.

Im kargen Raum im dritten Stockwerk des MGK, dort wo Beuys’ Werk sein passendes Zuhause und Grammel nun die Ausstellung eingerichtet hat, erkennt man auch, wie präzis die Installation «The Hearth» gestaltet ist. Die Kupferstäbe an der Wand stehen in einer Primzahlen-Ordnung, zwischen dem in Filz gerollten Spazierstück, dem hölzernen Leiterwagen mit dem darauf liegenden Stabgebilde, den an die Wand gestellten Kupferstäben und dem Betrachter entstehen Energie- und Bedeutungsfelder. Jedes Objekt steht im Dialog mit den anderen. Die Kupferstäbe, diese Energieträger, haben die Höhe einer gängigen Beinlänge. Die mit weisser Kreide beschriebenen Tafeln erzählen uns Provisorisches. Der Werkname «Feuerstätte» ist Metapher: Wärme-, Energie- und Lebensspender.

Happenings sind Kunstwerke

Am Eingang der Ausstellung läuft über einen Monitor in einer Endlosschlaufe der Film « . . . irgendein Strom. Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt». Er dokumentiert die Vernissage-Aktion von Beuys 1965 in der Galerie Schmela in Düsseldorf. Beuys hat seinen Kopf mit Honig bemalt und tritt mit einem toten Hasen in Kommunikation. Das frappiert, verstört. Und der Honig symbolisiert das, was der Mensch produziert: ein flüssiges, sich wandelndes, immer neue Felder ergründende Denken.

Die Vernissagegäste stehen draussen, können die Stunde, die die Aktion gedauert hat, nicht in die Galerie. Beuys schafft Theateratmosphäre. Im Film taucht immer wieder die Arbeit «Schneefall» auf, die seit 1970 im Besitz der Emanuel-Hoffmann-Stiftung ist. Würden wir vom Monitor aus durch die Wand gehen, gelangen wir zum angestammten Platz von «Schneefall» im Museum. In der gegenwärtigen Ausstellung aber liegt die Installation nicht da – sie wird ab dem 13. Juni im Schaulager zu sehen sein, wo die Emanuel-Hoffmann-Stiftung ihre Sammlung integral zeigt. Geblieben im Raum sind die «11 Vitrinen. Laboratorien der Imagination 1949/1984», die Dauerleihgabe aus Privatbesitz. Sie versammeln Spuren aus den Kunstaktionen und Multiples von Beuys. Ist das nun Kunst oder sind es Requisiten, das ist die Frage. Die Antwort heisst – wie oft bei Beuys – sowohl als auch. In der Assemblage und ihrer Erzählkraft haben sie installativen Charakter und sind Kunstwerke. Letztlich heben sie den traditionellen Kunstbegriff auf. Beuys dachte die Kunst neu. Das Immaterielle der Aktionen, das was zwischen der Aktion und dem Betrachter geschieht, ist Kunst. Die Vitrinen werden so für die Betrachter wirklich zum Laboratorium der Imagination.

Die These hebt sich auf

In einer Vitrine stehen neben anderen Objekten zwei Schilder. Auf dem einen steht «Falsch», auf dem anderen «Falsch 2». Sie stammen aus einem Vortrag. Hält Beuys in der Diskussion einem Zuhörer, der etwas entgegnete, das Schild «Falsch» entgegen, entspricht das einmal einer autoritären Haltung. Hält Beuys danach das Schild «Falsch 2», wandelt sich die Haltung in einen hintergründigen Witz – und Beuys stellt damit sein Tun selbst infrage. Er macht autoritäre Mechanismen durchschaubar und zelebriert sie nicht.

In einer anderen Vitrine liegt der Triangel aus der Aktion «I like America and America likes Me». Der Triangel in der Vitrine zeigt mit seiner Spitze direkt auf die Projektion des Films über die Aktion. Auch dies ist klug kuratiert von Søren Grammel.

Die Wirkung bleibt – auch heute

Der Film zur Aktion in der New Yorker Galerie René Block erzählt eine noch heute packende Geschichte. Beuys flog am 21. Mai 1974 nach New York und liess sich in der neuen Galerie mit einem Kojoten in einen Käfig sperren. Der Mensch sass mit im Käfig und lebte mit dem zahmen Kojoten dreieinhalb Tage zusammen. Der Kojote galt in früheren Jahrhunderten den weissen Siedlern als minderwertig, für die Indianer war er heilig – genau dieses Spannungsfeld interessierte Beuys als Teil der Geschichte Amerikas. Zwischen Beuys und dem Kojoten entspinnt sich eine faszinierende Beziehung. Beuys hüllt sich in die Filzdecke, bildet mit dem aus der Decke ragenden Spazierstock sich verändernde menschliche Skulpturen. Der Filz hat in seiner uralten Stofflichkeit bei Beuys die Bedeutung von Schutz, von Wärmespender. Der Kojote und Beuys streiten sich um den Filz.

In dieser Decke liess sich Beuys vom Flughafen im Krankenwagen in die Galerie fahren und danach wieder auf den Flughafen. Von New York, von Amerika, sah Beuys nichts. Der Titel der Aktion und des halbstündigen Films darüber ist ironisch gesetzt – und verweist wieder auf Beuys’ Humor .

Die Aktionen in Filmform funktionieren noch heute. Wir sehen heute die bewusst gesetzten Widersprüche besser, durschauen die Aktionen im wörtlichen Sinne. Uns interessiert nicht mehr der Mythos Beuys, sondern die neuen Wege und Felder, die er der Kunst wies. Und seine Auseinandersetzung mit der hoch industrialisierten Gesellschaft. Der Dialog zwischen Filmen der Aktionen und den installativen Werken lässt uns Beuys wirklich neu sehen.