Basel ist ein Schmelztiegel. Im Laufe ihrer Geschichte hat die Stadt am Rheinknie schon so manche Einwanderergruppe in seine Kultur assimiliert und integriert. Die Migration aus der Türkei ist eine davon. Wie andere Migrationsgruppen wird sie jedoch in der städtischen und nationalen Erinnerungskultur meist übersehen. Das soll sich nun ändern.

In der Ausstellung «çok Basel!» im Ausstellungsraum in der Spalenvorstadt 2 gehen Kuratorin Gaby Fierz und Professorin Bilgin Ayata gemeinsam mit Studierenden der Universität Basel der Frage nach, wie sich der Blick auf unsere Stadt entwickelt, wenn Migration und Erinnerung im Mittelpunkt stehen.

Als Inspiration für die Ausstellung in Basel diente ein Projekt in der Türkei, das 2013 ins Leben gerufen wurde: das Programm «BAK: Revealing the City through Memory» («Schau! Die Stadt durch Erinnerungen offenbaren»). BAK ermöglicht jungen Erwachsenen mit Filmprojekten, verborgene Erinnerungen über Migration in urbanen Räumen sichtbar zu machen. «Die breite Öffentlichkeit in Europa kennt die Türkei nur als das Land, aus dem Leute wegmigrieren», sagt Ayata.

Tatsächlich habe die Türkei aber auch selber Immigration erfahren. So sei in den 90er-Jahren knapp eine Million ethnischer Türken aus Bulgarien in die Türkei gekommen. Gleichzeitig habe es Episoden von gewaltvoller Migrationserfahrung gegeben. «Die Kurden zum Beispiel wurden zu mehreren Zeitpunkten in der Geschichte aus der Türkei vertrieben», sagt Fierz.

Migration verbindet

«çok Basel!» zeigt eine Auswahl der BAK-Filme und verknüpft sie mit den Arbeiten der Basler Studierenden, die zusammen mit Kulturschaffenden ihrerseits Videofilme und audiovisuelle Arbeiten geschaffen haben. Indem sie Erinnerungen von Migranten in Basel sammeln, werfen sie einen neuen Blick auf die verborgenen Entwicklungen der Basler Gesellschaft. Und siehe da: Zwischen den BAK-Filmen und den Arbeiten der Studenten gibt es erstaunlich viele Parallelen.

Der Gesamtrahmen der Ausstellung geht über Basel hinaus. «Das Thema Migration wird von den Medien zunehmend als Problem aufgenommen», sagt Fierz. Die Ausstellung zeige aber, wie verbindend Migration sei. «In den Arbeiten wird deutlich, dass alle Gesellschaften Methoden für den Umgang mit Migration entwickeln», sagt Ayata.

Die alltägliche Auseinandersetzung mit der Thematik gehöre längst zum gesellschaftlichen Repertoire. Deshalb auch der Titel «çok» (zu Deutsch «sehr» oder «viel»). Er wurde von einer Schweizer Studentin ohne Migrationshintergrund vorgeschlagen. «Das zeigt, mit wie viel Selbstverständlichkeit Basels jüngere Generation mit dem Thema Migration umgeht», sagt Ayata.

«çok Basel!» lässt Raum für Interpretation. «Für einige mag es bedeuten, dass die Ausstellung ‹sehr Basel› ist, repräsentativ für die Stadt also. Für andere ist es ein Einblick in ‹viel Basel› — sie entdecken Neues und Überraschendes», so Ayata.

Während der Ausstellung werden jedoch nicht nur Geschichten gezeigt, sondern auch gesammelt. Im Büro für Migrationsgeschichten direkt in der Ausstellung oder am Kiosk-Stand beim Kollegienhaus der Universität nehmen Schreibende persönliche Erinnerungen entgegen, die dann auf der Webseite des Musée Imaginaire des Migrations veröffentlicht werden. So wollen die Mitwirkenden das Geschichtenerzählen über «çok Basel!» hinaus weiterführen.

   

Ausstellung «çok Basel!», Spalenvorstadt 2, Kiosk: Terrasse Kollegienhaus; mehr Infos unter www.cok-basel.ch