Spektrumsstörung
Verdreifachung seit 2015: Autistische Kinder fordern die Basler Lehrpersonen

Heute gibt es in Basel dreimal mehr Kinder mit einer Autistischen Spektrumsstörung als 2015. Nun sollen die Lehrer entlastet werden.

Leif Simonsen
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Kinder mit ASS fühlen sich oft einsam – weil sie die Zeichen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler nicht deuten können.

Kinder mit ASS fühlen sich oft einsam – weil sie die Zeichen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler nicht deuten können.

Gaetan Bally

Seit der Bildungsreform und der Abschaffung der Kleinklassen vor zehn Jahren sind die Basler Schulen angehalten, möglichst viele Kinder in die Regelklassen zu integrieren. Viele Lehrer ächzen über die Zusatzbelastung. Vor allem die verhaltensauffälligen Kinder machen ihnen zu schaffen.

In jüngster Zeit bereitet ihnen aber eine andere Entwicklung Sorgen: Die Zahl derjenigen Schülerinnen und Schüler mit einer Autismus- Diagnose ist markant gestiegen. Waren es im Schuljahr 2014/15 noch 21 Kinder, registrierte der Kanton im vergangenen Jahr bereits 63 Fälle.

Leichte Fälle fallen nicht sofort auf

Die sogenannte Autistische Spektrumsstörung (ASS) umfasst sämtliche Autismus-Ausprägungen. Da gibt es die Kinder, die schon sehr früh auffällig sind, indem sie Probleme bekunden, soziale Kontakte einzugehen oder beispielsweise hysterisch auf Veränderungen reagieren. Sie sind beispielsweise nicht in der Lage, ihre Eltern anzulächeln, sind oft schon sehr früh auf Dinge fixiert – spielen etwa tagein, tagaus mit ihrem Lieblingsauto.

Dass es in den vergangenen Jahren zu einer Verdreifachung der autistischen Kinder gekommen ist, hat aber nicht mit einem Anstieg dieser schwer eingeschränkten Kinder, sondern mit den eher unscheinbaren, leichteren Fällen zu tun. Solche, die sehr reserviert sind, Mühe im sozialen Austausch haben und eine sogenannte Inselintelligenz vorweisen: also nur in einem Fach brillieren. Sie fallen nicht sofort auf, beanspruchen die Lehrerinnen und Lehrer aber trotzdem stark. Wenn sie nicht an die Hand genommen werden, fallen sie durch die Maschen.

Das junge Phänomen überfordert die Schulen

Gleich 34 neue Stellen sieht das Basler Erziehungsdepartement im kommenden Jahr im Bereich «verstärkte Massnahmen» vor: Ein Teil davon soll die Betreuung autistischer Kinder übernehmen. Da es sich noch um ein relativ neues Forschungsgebiet handelt, sind die Schulen oft überfordert. Erst vor wenigen Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation ASS als klassifizierte Krankheit anerkannt. Der Basler Volksschulleiter Urs Bucher räumt ein: «Das Phänomen ist jung. Wir sind immer noch dran, ausgeklügelte Modelle für einen professionellen Umgang mit diesen Kindern zu finden.»

Wenngleich der Anstieg der Autismus-Fälle kaum in einem anderen Kanton so drastisch ist wie in Basel-Stadt: Es handelt sich um ein schweizweites Phänomen. Auch Fabienne Romanens, Sprecherin der Baselbieter Bildungsdirektion, sagt, die Zahl der Kinder mit ASS sei in den vergangenen Jahren «deutlich angestiegen».

Bessere Diagnosemöglichkeiten führten zum Anstieg

In der Fachliteratur werden verschiedene Ursachen genannt. Die umstrittenste ist, dass die Zunahme mit dem gestiegenen Medienkonsum zusammenhänge. Christian Liesen, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Soziale Arbeit lehrt und auf dem Gebiet forscht, sagt: «Das wird geraunt, aber es gibt aus wissenschaftlicher Sicht keinen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Autismus.»

Für ihn ist klar, dass die besseren Diagnosemöglichkeiten dazu geführt hätten, dass die Zahl gestiegen sei. «Ich denke, viele Eltern haben das schon gemerkt, aber sie haben gehofft, dass die Probleme im schulischen Umfeld nicht so gravierend sind.»

Eine Therapie kann helfen

Eine Modekrankheit sei ASS jedoch nicht. Vor Jahren seien besonders die Kinder, welche unter leichteren Autismusformen litten, in der Schule unter dem Radar geblieben. Gelitten hätten dann neben den Kindern selbst auch die Lehrerinnen und Lehrer.

Diese waren und sind bis heute mit unvorhersehbaren Verhaltensweisen der Kinder konfrontiert – die Kinder selbst haben mit Ängsten zu kämpfen, die sie um den Schlaf bringen können. Für Liesen ist klar, dass eine Therapie wirksam sein kann.

Es gibt kein Rezeptbuch für die Therapie.

(Quelle: Christian Liesen, Professor für Soziale Arbeit)

Auf diese Weise könne man Schülern, die sozial überfordert seien, die Signale der anderen Kinder auf einer rationalen Ebene beibringen. «Es gibt Kinder mit einer autistischen Spektrumsstörung, die haben das Gefühl, dass ihnen alle anderen Kinder feindlich gesinnt sind, wenn sie ihnen in die Augen schauen.» In einem Förderprogramm könne ihnen beigebracht werden, was es heisst, wenn das Gegenüber lächelt.

Dank Übungen mit Szenen aus dem Alltag können die Kinder mit ASS auf das Leben vorbereitet werden, welches so viel Überraschendes mit sich bringt. Christian Liesen sagt: «Das können Gerüche sein, die ungewohnt sind, Geräusche oder unbekannte Lehrer, die aushilfsweise unterrichten.»