Gastkommentar
Verfemt, geschnitten, ausgegrenzt

Gastkommentar zu gesellschaftlichen Folgen einer politischen Gesinnung. Roger Blum ist gebürtiger Baselbieter und war Publizistikprofessor an der Uni Bern. Seit April 2016 ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz.

Roger Blum
Roger Blum
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1953 unternahm die 46-jährige Baselbieter Schriftstellerin und Hörspiel-Autorin Helene Bossert zusammen mit der Basler «Frauenvereinigung für Frieden und Fortschritt», einer kommunistisch kontrollierten Organisation, eine Reise nach Russland. Es war, unmittelbar nach Stalins Tod, die Zeit des sowjetischen «Tauwetters».

Helene Bossert selber war keine Kommunistin. In ihrer Heimat allerdings wurde die Reise anders gewertet: «Z Russland gsi, z Russland gsi», rief man ihr drohend nach. Die Presse und verschiedene Politiker traten eine Hetzkampagne gegen sie los, und Radio Basel entliess sie als Mitarbeiterin. Obwohl Pfarrer Paul Manz, der spätere Regierungsrat, damals Mitglied der freiwirtschaftlichen «Freien Politischen Vereinigung», sich im Landrat für sie einsetzte, blieb das Radio bei seinem Entscheid.

Helene Bossert war geächtet, verfemt, erledigt. Sie wurde quasi aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Erst 1970 wurde sie rehabilitiert. 1988 erhielt sie den Baselbieter Kulturpreis.

Nach dem ungarischen Volksaufstand von 1956, der von sowjetischen Truppen brutal niedergewalzt wurde, trieb die antikommunistische Erregung in der Schweiz einem neuen Höhepunkt entgegen. Die Schweizer Kommunisten wurden stellvertretend für die rohe Gewalt Moskaus verantwortlich gemacht.

Als die «Neue Zürcher Zeitung» die Adresse des damals 53-jährigen Kommunisten, Kunsthistorikers und Philosophen Konrad Farner bekannt gab, rottete sich am 16. November 1956 eine wütende Meute vor seinem Haus in Thalwil zusammen, die «Hängt ihn! Hängt ihn!» rief und die Tür eindrücken wollte. Als die Meute abgezogen war, flüchtete Farner mit seiner Familie vorübergehend ins Tessin. Auch er wurde gesellschaftlich geschnitten. 1969 trat er aus der Partei der Arbeit aus.

Jetzt droht einer Politikerin des gegensätzlichen Lagers Ähnliches. Die 38-jährige Ökonomin und Unternehmensberaterin Alice Weidel ist Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen «Alternative für Deutschland» (AfD) für die Bundestagswahl vom 24. September 2017. Sie hat ihren Wohnsitz nicht nur in Überlingen am Bodensee, sondern auch in Biel, wo sie mit ihrer Freundin zusammenlebt und zwei Söhne grosszieht.

Man kann das billigen oder nicht, aber was jetzt losgegangen ist, ist einer liberalen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft unwürdig: Medien, beginnend mit dem «Bund» und dem «Bieler Tagblatt», haben die Kandidatin und ihr Umfeld in Biel an die Öffentlichkeit gezerrt. In den sozialen Medien entwickelte sich ein Shitstorm. Sofort waren auch deutsche Medien zur Stelle.

Sie haben die Adresse des Paares und den Namen der Partnerin publiziert, den Kita-Platz eines der Kinder aufgespürt, die Nachbarn, Freunde und Bekannten ausgequetscht, viel fotografiert und gefilmt, sodass sich das Paar jetzt überlegen muss, aus Biel wegzuziehen. Alice Weidel gilt inzwischen in Biel als Persona non grata.

Das geht nicht! Man muss die Gesinnung eines Konrad Farner oder einer Alice Weidel nicht teilen. Man kann durchaus einen politischen Kampf gegen extreme Ideologien und rassistische Positionen führen. Aber Menschen, die so denken, deswegen gesellschaftlich auszugrenzen, verstösst gegen das Grundrecht der Gedanken- und der Meinungsäusserungsfreiheit.

Voltaire wird ein Satz zugeschrieben, den er wohl nicht gesagt, aber vertreten hat, ein Satz, der genau das trifft, was für uns wegleitend sein sollte: «Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.» Das ist die Grundlage einer liberalen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft.