Wie so oft bedient das richtige Leben die banalsten Klischees. Etwa das vom grossspurigen Zürich und vom bescheidenen Basel. Oder weniger drastisch von der selbstsicheren und der von Komplexen durchwirkten Stadt. Für den jüngsten Rückfall in diese Basel-Zürich-Untiefen sorgt der Name Tizian. Tizian? Das ist doch der grosse Hauptmeister der italienischen Renaissance, dem man nur mit Superlativen begegnet. Und den man mit der Schweiz bislang ganz und gar nicht in Verbindung brachte. Niemand, der hierzulande ins Kunstmuseum ging, erwartete die Begegnung mit einem Tizian.

Bis sich im März dieses Jahres das Kunsthaus Zürich «als das einzige Kunstmuseum in der Schweiz» aufplusterte, «welches einen Tizian sein Eigen nennen kann». Diese Ankündigung war gar voreilig. Viele Experten bezweifeln die kolportierte Urheberschaft des Landschaftsbildes. Der Zufall will es, dass Tizian hierzulande nach kürzester Zeit erneut für Schlagzeilen sorgt. Diesmal aber in umgekehrter Konstellation. In der Kunstzeitschrift «Apollo» schreibt Xavier S. Salomon, Chefkurator der mit Tizian-Gemälden gut bestückten Frick Collection in New York, ein Gemälde in der Sammlung des Kunstmuseums Basel eben diesem grossen Meister zu.

Das um 1527 gemalte Porträt des Dichters Pietro Aretino kam als Teil der grossen Kunstsammlung von Louise Bachofen-Burckhardt ebenfalls als Schenkung ins Haus. Es wurde bislang bescheiden als Werk eines venezianischen Meisters taxiert. In den Medienunterlagen für eine geplante Sonderpräsentation der Sammlung ist das noch immer der Fall, in der Online-Präsentation heisst es nun «Tizian zugeschrieben».

«Tizian zugeschrieben» heisst es neuerdings auch im Kunsthaus Zürich. Aber wie das so ist im Leben: Die einen schreiben sich selber etwas zu, den anderen wird etwas zugeschrieben. Es könnte sein, dass sich das Basler Haus unverhofft als einziges Schweizer Kunstmuseum nennen darf, das einen Tizian sein Eigen nennen kann.

Das Kunstmuseum kann darauf verzichten. Die Schwerpunkte der Basler Sammlung liegen bekanntermassen anderswo. Und ein Tizian allein macht eh noch keinen italienischen Renaissance-Sommer. Der findet nach wie vor in Venedig, Florenz, Madrid, Paris, London und New York statt.