Mission Impossible

Verflixtes siebtes Jahr: «Tageswoche» gibt Überlebenskampf auf

Der Goodwill bei der Gründung der «Tageswoche» hat sich verloren.

Der Goodwill bei der Gründung der «Tageswoche» hat sich verloren.

Das mäzenatische Projekt «Tageswoche» erleidet Schiffbruch. Ein Lehrstück, was geschieht, wenn bei einem Start-up Geld und Verantwortung entkoppelt werden.

Die Hoffnung sterbe zuletzt, sagt ein Sprichwort. Nicht so bei der «Tageswoche». Die Hoffnung auf ein Überleben des ambitioniert gestarteten Mediums ist bei den redaktionellen Machern erloschen – bei der Leserschaft ebenso. Dennoch werden täglich neue Beiträge auf dem Online-Portal aufgeschaltet und wöchentlich ein Magazin gedruckt.

Dass das angebrochene siebte Jahr das verflixte sein könnte, legt die Geschäftsführerin Sibylle Schürch in ihrem Editorial nahe: Bis anhin sei die «Tageswoche» zu 80 Prozent durch die Stiftung für Medienvielfalt und zu 20 Prozent eigenwirtschaftlich finanziert. Um zu überleben, müsse das Verhältnis innerhalb eines Jahres umgedreht werden. Selbst für gewiefte Verlagsprofis wäre diese Aufgabe eine regelrechte Mission impossible, doch solche sind bei der «Tageswoche» nicht beschäftigt.

Die Verlagsmitteilung suggeriert, die Herausgeberin der «Tageswoche», die Neue Medien Basel AG, sei eine eigenständige Firma. Ihr Scheitern ginge damit auf das Konto jener links-anthroposophischen Kreise, die in wechselnder Besetzung Redaktion und Verlag dominierten. Dabei ist die Neue Medien Basel eine hundertprozentige Tochter jener Stiftung für Medienvielfalt, die ihre Zahlbereitschaft aufgekündigt hat. Und diese ist tief und fest im Basler Bürgertum verankert.

Stifterin Beatrice Oeri, deren Reichtum auf dem Erfolg der Roche basiert, hat das Geld gegeben, ansonsten erklärt sie sich für die «Tageswoche» als nicht zuständig. Sie hält sich damit an die vermeintlich guten Sitten des Basler Mäzenatentums. Es wird gegeben, jedoch in vornehmer Zurückhaltung. Die öffentlichkeitsscheue Oeri trat aber noch einen Schritt weiter zurück. Sie überwies ihr Geld der Stiftung Levedo, die es der eigens dafür gegründeten Stiftung für Medienvielfalt weitergab, die wiederum die Neue Medien Basel AG gründete. Die formell eigenständige Stiftung für Medienvielfalt wird nach Auskunft ihres Präsidenten Andreas Miescher zwar nicht mehr durch die Stifterin Oeri alimentiert. Da Miescher der Mäzenin jedoch alle ihre Rechtsgeschäfte (Stiftung Habitat, Jazz Campus) notariell beglaubigt, ist er ihr weiterhin eng verbunden.

Für die Stiftung ist die «Tageswoche» mit einem Investitionsvolumen von geschätzten 20 Millionen Franken das mit Abstand grösste Unterfangen, aber gleichwohl nur eines von verschiedenen Projekten: Das Berner «Journal B» erhielt eine halbe Million Franken, eine grössere Summe floss zu «La Cité» nach Genf, kleinere Beiträge zum Zürcher «Coup-Magazin» oder für die der «Nachhaltigkeit» verpflichtete Plattform «Das Lamm». Eine vollständige Auflistung gibt es nicht. Die Vertraulichkeit entspricht der Praxis der Basler Förderstiftungen, wie Miescher sagt, doch sie verunmöglicht jegliche Transparenz. Dabei finanziert die Stiftung nicht nur in Basel an den hehren Absichten vorbei, auch das «Journal B» hat die mit dem Basler Geld angestrebten hohen Ziele verfehlt.

Eine Geschichte voller Brüche

Das Stiftungskonstrukt verursachte bei der «Tageswoche» von Anbeginn ein Führungsvakuum. Die zahlreichen Führungs- und Strategiewechsel waren deshalb nicht Ursache für den Schiffbruch, sie sind vielmehr Folge fehlender Steuerung durch den Geldgeber.

Nach dem ersten Jahr sprach die «Tageswoche» noch grossartig von über 20'000 Abonnenten, ein halbes Jahr später brach bereits die erste Krise aus, gefolgt von einem ersten Wechsel in der Chefredaktion. Nach zwei Jahren kam aus, dass die Hälfte der angegebenen Auflage durch eine Gratisverteilung an den Flughäfen erschummelt worden war. Die personellen Konsequenzen wurden aber erst über ein Jahr später gezogen. Zu diesem Zeitpunkt war auch der Verwaltungsrat der Neuen Medien Basel ausgetauscht: Der prominente Vischer-Anwalt Thomas Gelzer hatte den Stab an Anwalt Oscar Olano und IT-Unternehmer Pascal Mangold weitergereicht. Die beiden neuen Verwaltungsräte wussten nicht, was sie sich antaten, als sie das Mandat übernahmen. Völlig überrascht waren sie, als sie wahrnahmen, dass der Geldfluss von der Mutterstiftung versiegt. In den panikartigen Sparaktionen ernannten sie einen neuen Chefredaktor, in der Meinung, sich einen Verlagschef sparen zu können. Als sich diese Berufung als Fehlbesetzung erwies, ernannten sie eine neue Geschäftsführerin, in der Meinung, sich einen Chefredaktor sparen zu können.

Schlechte Erfahrungen

Wie wenig die gewählte Stiftungskonstruktion für ein Medien-Start-up taugt, hätte Oeri wissen können. Noch vor der «Tageswoche» finanzierte sie über die Stiftung Levedo das Radioprojekt «Open Broadcast». Projektleiter Thomas Gilgen bekannte, in einem goldenen Käfig gearbeitet zu haben. Vieles werde mit dem Geld möglich, es fehle jedoch die Notwendigkeit, sich zu öffnen. Statt sich um Publikum zu kümmern, verlor sich «Open Broadcast» in technologischen Feinheiten, wie Gilgen selbstkritisch einräumte.

Einen anderen Vorbehalt gegen die Stiftungsfinanzierung hat der Zuger «Zentralplus»-Unternehmer Nick Mijnssen: Ein Start-up verbrennt zu viel Geld. Eine Stiftung müsse jedoch langfristig denken. Dies meint auch Miescher. Die Stiftung für Medienvielfalt wolle langfristig und nachhaltig für Vielfalt sorgen. Wer aber meine, damit sei die weitere Zukunft der «Tageswoche» finanziert, liege falsch, sagt Miescher. Die Stiftung werde nicht beliebig weiter Geld geben.

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