Basler Fasnacht
Vergesst das Ryssblei! Aber ehret das Baseldytsch!

Schnitzelbänke sind ein wichtiges Exportgut der Fasnacht. Höchste Zeit, an der Qualität zu schrauben. An einem Seminar haben potentielle Dichter erfahren, worauf sie achten müssen. Sie kamen auf die Welt.

Martina Rutschmann
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Der Singvogel gilt immer noch als einer der Top-Bänke. (Fasnacht im «Atlantis», 2015)

Der Singvogel gilt immer noch als einer der Top-Bänke. (Fasnacht im «Atlantis», 2015)

Bettina Matthiessen

Beim Bier ein paar Verse aufs Tischtuch kritzeln und an der Fasnacht dann mit einer Larve aus dem Brockenhaus von Beiz zu Beiz ziehen, nee! So geht das nicht! Der Aufwand ist viel grösser, selbst dann, wenn man nur mittelmässig gut sein will und sich mit einem halbwegs zufriedenen Publikum begnügt.

Das haben aktive und zukünftige Schnitzelbänkler erfahren, als sie am Mittwochabend am Bangg-Seminar des Comité 1914 bei der UBS teilnahmen. Diese Vereinigung hiess übrigens mal Comité 2000, aber das ist Geschichte. In dreissig Jahren weiss das niemand mehr und dann meinen alle, es handle sich um eines der ältesten Schnitzelbank-Comités der Stadt.

Goschdym, Helge, Larve

Es ist ein bisschen wie mit dem Ryssblei: Wer weiss heute noch, was das ist? Ein Bleistift ist es. Einer der ganz grossen Bänkler, wir nennen hier in guter Fasnachtstradition keine Namen, hat den Seminarbesuchern zwar ans Herz gelegt, das richtige Baseldytsch zu pflegen, von einem Ryssblei aber will auch er nichts mehr wissen. Man muss ja mit der Zeit gehen, ein bisschen jedenfalls. Was wichtig bleibt sind d Goschdym, d Helge und d Larve. Bitte ohne Apostroph.

Das Comité 2000 hat bewusst einen Abend für alle organisiert, auch für Leute, die anderen Vereinigungen angeschlossen sind oder gar nichts mit Schnitzelbänken zu tun haben. «Die Qualität ist nie so hoch, wie man sie gern hätte", sagt Ricky Hubler, der das Comité 1914 präsidiert. Er müsse sich manchmal gar fremd schämen, wenn er andere Bänke hört. Wichtig sei aber nicht nur ein Vers, der sitzt, sondern das Gesamtpaket. Stichwort: identitätsstiftend.

Die ewigen Superstars

Und die Pointe, die muss überraschen. In jedem Fall. Idealerweise kombiniert der Dichter zwei Themen. Doch es geht auch anders, wie dieses Beispiel vom legendären Zytigs-Anni aus dem Jahr 1976 zeigt:

Dr Paabscht verbietet d Luscht bim Liebe,
dörfsch au nümm an dir sälber iebe.

Au s Schwuul-Syy findet äär nit guet,
mei die Bischöff hänn e Wuet.

Herr Paabscht: e Ruggdritt wär seer schlau,
und saage sy e Gruess dr Frau.

Eine Zwischenpointe jagt die nächste, top! S Zytigs-Anni gehört ebenso zu den Klassikern wie s Stachelbeeri oder dr Singvogel. Nur Letzteren gibt es noch.

Hubler wünscht sich, dass er bald Konkurrenz von neuen Top-Bänken bekommt. Auf dem Weg dahin müssen die Bänkler nebst dem Gesamtbild unter anderem auch Wert legen auf das liebevolle Drechseln der Verse.

Zum Beispiel muss die Pointe dort gesetzt werden, wo die Melodie es logisch verlangt. Dieses Beispiel zeigt: Es braucht ein Gefühl für diese Kunst, denn: Was ist schon logisch? Und die Bereitschaft, lange vor der Fasnacht an den Versen zu arbeiten, muss da sein. Italien und die WM etwa, ein Thema, das laut Hubler garantiert ausgespielt wird. Jeder Bänkler notiert sich die potentiellen Sujets lange, bevor gedichtet wird. Gedichtet wird dann bis kurz vor der Fasnacht.

Bier ja, aber mit Grips

Was die Instrumente angeht, so raten die Profis, auf Bewährtes wie Handorgel oder Gitarre zu setzen. Denn Experimente, die allenfalls in die Hosen gehen, passen nicht zur Fasnacht. Auch mit den derzeit beliebten Langversen sollten die Formationen sparsam umgehen und «das Publikum nicht unnötig belasten». Faustregel: Ein Langvers pro Auftritt reicht vollkommen. Oder anders gesagt: «Fünf gute Verse sind besser als zehn, von denen nur fünf gut sind.»

Trotz hohen Ansprüchen ans Schnitzelbank-Dasein lernte Hubler an seinem Seminar drei «vielversprechende Personen» kennen, mit denen das Comité 1914 nun in Kontakt steht. Ob dann wirklich was draus wird, zeigt sich allerdings erst im Februar. Bis dahin sind die bestehenden Gruppen gefordert, das Beste aus sich herauszuholen. Beim Bier ja, aber mit Grips.