Strafgericht

Vergewaltigungsvorwürfe im Milieu – ein Angeklagter hätte gar nicht identifiziert werden dürfen

Was am Silvesterabend 2012 geschah, ist gerichtlich weiterhin ungeklärt. (Symbolbild)

Was am Silvesterabend 2012 geschah, ist gerichtlich weiterhin ungeklärt. (Symbolbild)

Ein Freier soll eine Prostituierte zu Sex ohne Kondom gezwungen haben. Das Gericht hat das Verfahren vorläufig sistiert.

Es war der Silvesterabend 2012: Etwa eine Stunde vor Mitternacht erschien in einem kleinen Sexclub an der Basler Markgräflerstrasse ein Freier und begann, mit einer der Frauen die Preise und Details der Dienstleistung auszuhandeln. Dabei ging es auch um die Kondomfrage, und die Prostituierte betonte, dass Sex ohne Gummi nicht drinliege. Die Frau war offenbar neu im Milieu tätig, und die Salonchefin bestärkte sie darin, dass niemand von ihr ungeschützten Sex verlangen könne. Die Chefin sprach darüber auch noch kurz mit dem Mann selbst. Dieser betonte dann, es handle sich um ein Missverständnis, er habe doch bloss von ungeschütztem Oralverkehr gesprochen.

Schliesslich einigte man sich auf insgesamt 100 Franken für ungeschützten Oralverkehr plus geschütztem Geschlechtsverkehr. Im Zimmer soll der Mann dann aber die unerfahrene Prostituierte mit körperlicher Gewalt zu ungeschütztem Sex gezwungen haben. Als sie dies hinterher der Chefin berichtete, rief diese die Polizei. Der Mann war bereits weg.

Rätsel um Fingerabdrücke

Auf einem Bierglas konnte man Fingerabdrücke sichern, doch vorerst gab es keine Übereinstimmung in der Datenbank. Erst Jahre später gab es bei einem erneuten Suchlauf im zentralen Afis-System der Bundespolizei erstaunlicherweise einen Treffer, woraufhin man auf einen heute 41-jährigen, verheirateten Mann aus Basel stiess. Wie die Fingerabdrücke ins System gelangt sind, blieb am Dienstag vor dem Basler Strafgericht unklar.

Verteidiger Steven Hürlimann betonte, sein Mandant sei in den späten 1990er-Jahren nach einer Schlägerei befragt und erkennungsdienstlich behandelt worden, danach habe er nie mehr etwas von den Behörden gehört. Das Problem: Bei eingestellten Verfahren müssen die Fingerabdrücke nach spätestens einem Jahr gelöscht werden.

Somit hätte der Mann gar nicht mehr identifiziert werden dürfen, und auch sämtliche Aussagen von ihm wären deshalb für das Gericht nicht verwertbar. Dazu kommt, dass die Prostituierte offenbar nicht vor Gericht aussagen möchte: Sie erschien nicht und liess mitteilen, sie sei aus psychischen Gründen dazu nicht in der Lage.

Da die Salonchefin als Zeugin vorgeladen war, wurde zumindest von den drei Richtern zu den damaligen Vorfällen befragt. Auch der 41-jährige Angeklagte wollte ihr konkrete Fragen stellen, wurde aber von seinem Verteidiger kurzerhand gestoppt: Zu gross war offenbar die Angst, der Mann könnte durch die Art seiner Fragen neue Beweise zu den Ereignissen im Jahr 2012 liefern, die das Gericht dann allerdings berücksichtigen dürfte.

Ein Urteil gab es am Dienstag somit noch nicht: Das Dreiergericht sistiert das Verfahren vorläufig und klärt ab, aus welchem Grund die Fingerabdrücke des Mannes ursprünglich gespeichert wurden und nach welcher Zeit sie hätten gelöscht werden müssen. Geklärt werden muss auch die Frage, ob das Opfer verhandlungsfähig ist und zumindest – wie bei Prozessen über Sexualdelikte üblich – in Abwesenheit des Angeklagten von Gericht und Verteidiger befragt werden kann. Dann wird eine neue Hauptverhandlung angesetzt, möglicherweise wird das gesamte Verfahren vom Gericht aber auch kurzerhand eingestellt.

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