Basler Staatsanwaltschaft

Verhaftet wegen unterlassener Hilfeleistung – doch was heisst das genau?

Gegen die Verdächtigen wurden Verfahren wegen Unterlassung der Nothilfe eingeleitet. (Symbolbild)

Gegen die Verdächtigen wurden Verfahren wegen Unterlassung der Nothilfe eingeleitet. (Symbolbild)

Die Basler Staatsanwaltschaft ermittelt gegen drei erwachsene und zwei jugendliche Bekannte des verstorbenen 15-Jährigen. Sie sollen den Jungen in einer Notsituation alleine gelassen haben.

Am Montag wurde in einer Basler Wohnung an der Theodor Herzl-Strasse ein 15-Jähriger tot aufgefunden. Der Verdacht: Er soll verschiedene Drogen eingenommen haben. Die Todesursache ist jedoch weiterhin Gegenstand der Ermittlungen der Basler Staatsanwaltschaft. Die illegalen Substanzen soll der Jugendliche an einer Geburtstagsparty zu sich genommen haben. Danach schlief er in der Wohnung bei Freunden ein. Als sie ihn abends wecken wollten, fühlten sie keinen Puls mehr. Die Rettungskräfte konnten nur noch den Tod des Jungen feststellen.

Mittlerweile wurden drei Erwachsene sowie zwei Jugendliche festgenommen, wie die Staatsanwaltschaft auf Anfrage bestätigt. Gegen sie wurden Verfahren wegen Unterlassung der Nothilfe eingeleitet. Doch was bedeutet das überhaupt?

Jeder muss Nothilfe leisten

Laut der Basler Staatsanwaltschaft kommt dieser Tatbestand eher selten vor. «In den letzten Jahren wurde er durchschnittlich drei Mal pro Jahr vorgebracht», sagt Sprecher Peter Gill. Schweizweit wurden im vergangenen Jahr 32 Personen für unterlassene Nothilfe verurteilt – darunter waren neun Minderjährige im Alter von 16 und 17 Jahren. Dies zeigen Daten des Bundesamts für Statistik.

Grundsätzlich ist jeder und jede verpflichtet, im Notfall Hilfe zu leisten. Die Rechtsprechung ist diesbezüglich unmissverständlich. Volker Dittmann leitete bis zu seiner Pensionierung das Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel. In einem wissenschaftlichen Artikel erklärt er, welche Pflichten Laien in Notfallsituationen haben. Der Helfende muss die ihm bestmögliche Hilfe leisten – ausser er würde sich damit selbst in grosse Gefahr begeben. Ansonsten muss er auch zumutbare Nachteile, wie das Verpassen eines Termins, in Kauf nehmen.

Ist unklar, ob die Person in der Notsituation bereits tot ist, muss der Helfer im Zweifelsfall eingreifen. Dasselbe gilt für den Fall, wenn ein Opfer, das durch den Notfall nicht mehr urteilsfähig ist, die Hilfe ablehnt.

Zuerst Obduktion des Verstorbenen

Kommt es in einem Todesfall zu einem Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung, wird die Rechtsmedizin involviert. Volker Dittmann hat mehrere solche Fälle untersucht. Seine Arbeit bestand dabei einerseits aus der Obduktion des Verstorbenen. «Dadurch kann die genaue Todesursache festgestellt und geklärt werden, welche Gifte involviert waren und ob die Person daran verstarb», so Dittmann.

Anschliessend gehe es im Gutachten darum, wie der Krankheitsverlauf war. «Dabei schaut sich die Rechtsmedizin an, ob es erkennbare Anzeichen für die Verschlechterung des Gesundheitszustands gegeben hat», erklärt Dittmann. Dies geschehe im Falle der unterlassenen Nothilfe aus der Perspektive eines Laien. Denn diese hätten ja anhand der Anzeichen erkennen können, dass Hilfe nötig war.

Zuletzt entscheidet das Gericht

Einige von Dittmanns Fälle spielten sich im Drogenmilieu ab. «Die Frage lautet dann, ob die Personen im Umfeld selbst noch bei klarem Bewusstsein oder ob sie ebenfalls unter erheblichem Drogeneinfluss standen.» Dass Helfende in einer solchen Notsituation befürchten, durch die Alarmierung von Rettungskräften Probleme zu bekommen, sei kein Rechtfertigungsgrund. Dittmann sagt: «Die Rechtsprechung geht davon aus, dass die Angst, sich einer Strafverfolgung auszusetzen, das Unterlassen der Nothilfe nicht rechtfertigt.»

Die Staatsanwaltschaft beurteilt anschliessend die Angeklagten individuell: Welches Wissen – auch über Drogen – darf vorausgesetzt werden? Inwiefern hätten sie helfen können? Dittmann: «Festzustellen, ob sie hätten handeln müssen oder nicht, ist schliesslich die Aufgabe des Gerichts.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1