Asyldebatte

Verhaftete Asylsuchende: Münster-Pfarrerin besänftigt Aktivisten mit Kaffee

Stand den Protestierenden offen: die Hauptpforte des Münsters.

Stand den Protestierenden offen: die Hauptpforte des Münsters.

Aktivisten, die sich für den Verbleib der in der Matthäuskirche verhafteten Asylsuchenden einsetzen, demonstrierten am Sonntag im Münster. Doch die Pfarrerin des Münsters entgegnete der Konfrontation mit Gesprächsbereitschaft und Kaffee.

Sonntagmorgen im Münster, ein grosser Moment für den neuen Vikar, David Jäger: Er will gerade zu seiner ersten Predigt ansetzen, da wird er laut unterbrochen. Durch Rufe wie «Freiheit für XY!», die den sonntäglichen Frieden im Gotteshaus stören, von Mitgliedern der Gruppe «Wir bleiben», also jener Asylaktivisten, die bis letzten Donnerstag die Matthäuskirche besetzt hielten. Sie wollen mit der Aktion darauf aufmerksam machen, dass sie sich von der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt (ERK) im Stich gelassen fühlen. Sie hatten in der Matthäuskirche mit abgewiesenen Asylbewerbern zusammengewohnt, bis am Donnerstag die Polizei kam und die Illegalen festnahm.

Schutz der Kirche vermisst

Die Besetzer sahen das Kirchenasyl verletzt und beklagten sich über die offiziellen Instanzen der ERK, besonders über den Kirchenrat, der sie zu wenig unterstützt hätte. Der Kirchenrat selbst sah sich einerseits in der Rolle des Opfers einer Besetzung, und andererseits findet er nach wie vor, durch die Duldung der Besetzer in der Kirche habe er sie genügend unterstützt. Für den Polizeieinsatz sei die ERK schliesslich nicht verantwortlich. Die Besetzer hätten ihn selbst verursacht, in dem sie lauthals herumposaunten, dass sich in der Matthäuskirche widerrechtlich anwesende Ausländer aufhielten.

Doch zurück zum Münster, wo die Aktivisten nach Aussagen von Gottesdienstbesuchern «im Protestmodus» waren und offensichtlich eine Konfrontation suchten. Nur, die fanden sie nicht. Im Gegenteil. Pfarrerin Caroline Schröder Field ging auf die ungebetenen Gäste zu und lud sie nach dem Gottesdienst zum sonntäglichen Kirchen-Kaffee ein. Dort könne man gerne über ihre Anliegen diskutieren. Die Aktivisten verliessen darauf den Gottesdienst, nahmen aber die Einladung zum anschliessenden Gespräch an.

Kaffee statt Konfrontation

Dort mussten sie erfahren, dass sie mit ihrem Protest bei den Kirchgemeindemitgliedern am völlig falschen Ort waren. Hier trafen sie nicht etwa auf Widerstand, sondern stiessen auf Verständnis, Offenheit und Dialogbereitschaft. Und waren damit gemäss Augenzeugen «eher überfordert». Offenbar enervierte sich lediglich Kirchenratspräsident und Münsterpfarrer Lukas Kundert, der sich durch die Vorwürfe und Darstellungen der Eindringlinge persönlich angegriffen fühlte.

Ansonsten drehte sich offenbar ein guter Teil der Gespräche darum, den offenbar nicht sehr kirchen-affinen Aktivistinnen und Aktivisten zu erklären, wie die ERK aufgebaut ist. Vor allem, dass die Meinung des Kirchenrats nicht zwingend auch die jedes einzelnen Gemeindemitglieds jeder einzelnen Gemeinde ist. Die Aktivisten hatten vergangene Woche mit dem Kirchenrat ein Gespräch geführt, mit dessen Verlauf sie nicht zufrieden waren.

Von der ERK gab es am Montag lediglich die offizielle Bestätigung, «es trifft zu, dass der Gottesdienst im Münster zeitweise von einer Gruppe Demonstrierender gestört wurde». Die Pfarrerin habe ihnen darauf ein Gesprächsangebot gemacht, «davon machten die AktivistInnen Gebrauch, es kam zu einem Meinungsaustausch zwischen ihnen und den anwesenden Gemeindemitgliedern». Danach seien die Aktivisten von dannen gezogen und hätten sich seither nicht mehr geäussert. Dabei nahmen die Demonstranten offenbar auch ihre Matratzen wieder mit. Diese tragen sie seit Donnerstag bei öffentlichen Auftritten mit sich herum, um zu zeigen, wo ihre Freunde – so bezeichnen sie die festgenommenen Sans-Papiers – geschlafen hatten, bevor sie von der Polizei mitgenommen wurden.

Autor

Nicolas Drechsler

Nicolas Drechsler

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