Herr Wessels, lassen Sie uns ein wenig plaudern.

Hans-Peter Wessels: Und erst noch über ein angenehmes Thema! Auf dem Lösli steht: Freundschaften.

Was macht eine gute Freundschaft aus?

Blindes Vertrauen. Dass man sich in seiner Andersartigkeit akzeptiert. Man weiss, wie der oder die andere tickt, und dass man in der Gesellschaft dieser Person sich nicht verstellen muss. Auch mal den anderen kritisieren, ehrlich sein darf, ohne etwas Schlimmes befürchten zu müssen.

Haben Sie viele enge Freunde? Die zu einem stehen, egal, was passiert?

Es sind eher wenige, dafür aber echte und langjährige Freundschaften. Gewiss, ich kenne viele Leute – gerade wegen meines Jobs –, komme mit den meisten gut aus. Aber man darf das Private nicht mit dem Beruflichen verwechseln. Diesbezüglich war ich von Anfang an vorsichtig. Und deshalb wurde ich auch nie enttäuscht.

Dann mussten Sie nie mit einem Freund brechen?

Da bin ich zum Glück verschont geblieben! Aber es gibt natürlich Beziehungen, die sich auseinanderleben. Wegen geografischer Distanz, oder weil man andere Interessen hat.

Eine gute Freundschaft muss gepflegt werden. Wie gelingt Ihnen das bei der knapp bemessenen Freizeit?

Als ich vor zehn Jahren in die Regierung gewählt wurde, hat mich alt Nationalrat Helmut Hubacher zur Seite genommen und gesagt, ich solle mir bewusst Zeit nehmen fürs Private. Er kenne genug Regierungsräte, die vereinsamt seien im Laufe ihrer Karriere. Das war sehr wertvoll. In diesem Amt, in dem man derart exponiert ist, darf man sich nicht isolieren lassen, darf sich nicht in eine Rolle drängen lassen, sondern sollte sich selbst treu bleiben. Ich denke, das ist mir meist gelungen.

Aus welcher Zeit stammen Ihre Freundschaften?

Teilweise aus meiner Schulzeit in St. Gallen, dem Studium in Zürich und aus der Anfangszeit in Basel.

Haben Sie auch gute Freunde innerhalb Ihrer Partei, der SP?

Durchaus. Als ich 1986 für meine Dissertation nach Basel kam, war dies mein erster Hafen. Über die SP lernte ich Leute mit ähnlichen Interessen kennen. Aus dieser Zeit habe ich ein paar gute Freunde.

Als Baudirektor agieren Sie nicht immer auf Parteilinie. Gibt es solche, die sich deswegen von Ihnen abgewandt haben?

Nein. Es ist eben wichtig, dass man Berufliches und Privates trennt.

Schwierig. Die Grenzen sind oft fliessend.

Klar, manchmal diskutiert man auch im Privaten über Politisches. Aber wenn man sich richtig gut mag, verträgt’s eine gesunde Streitkultur. Man muss politisch nicht immer einer Meinung sein! Es gab schon Situationen, in denen Freunde etwas total daneben fanden von mir. Ein Problem für die Freundschaft bedeutet das nicht.

Halb Basel findet vieles daneben, was aus Ihrem Departement kommt. Sie müssen oft als Sündenbock herhalten, wenn etwas schiefläuft in dieser Stadt. Wenn ein Laden schliesst zum Beispiel, wissen die Kommentatoren in den sozialen Medien sofort, wem sie die Schuld dafür geben. Hand aufs Herz: Trifft Sie das nicht?

Natürlich ist es schöner, wenn positive Dinge über einen gesagt werden. Aber wer in diesem Job keine Kritik aushält, ist fehl am Platz. Zu Social Media muss ich sagen: Das sind ein paar wenige «Internet-Trolle», da kann ich mich gut abgrenzen. Auf allzu primitive Kommentare reagiere ich auf Facebook mit Entfreundung. Das machen andere Politiker auch so.

Aber Sie sind jener Regierungsrat, der am meisten polarisiert. Sagen Sie ja selbst.

Das Bau- und Verkehrsdepartement versammelt viele Bereiche, die gerne kontrovers diskutiert werden, die nahe bei den Leuten sind, sie unmittelbar betreffen. Und es mag sein, dass ich durch meine Art hie und da provoziere. Man wirft mir vor, dass ich Probleme weglache, die Leute nicht ernst nehme. Eine völlig doofe Aussage. Weil das nicht wahr ist. Es liegt nun mal in meinem Naturell, diese positive Art.

Ihr Lachen ist berühmt. Ihr nichtmagistraler Umgang auch. Das irritiert so Manchen; traurig eigentlich.

Also, ich bekomme auch viel positives Feedback dafür.

Wann haben Sie das letzte Mal geweint?

Das ist ein paar Wochen her, bei einer Abdankung. Ich weine auch relativ oft im Kino, Schicksalsschläge oder Herzschmerz-Szenen berühren mich. Wenn das Ganze noch mit entsprechender Musik untermalt wird, gibt mir das den Rest (lacht). Da bin ich nah am Wasser gebaut. Aber ich weine niemals in dem Kontext, dass ich manchmal als Sündenbock herhalten muss.

Sie haben sich ein Schutzschild aufgebaut.

Ja.

In der Diskussion um die BVB-Million im 2017 kamen Sie mächtig unter die Räder. Danach haben Sie gesagt, dass es für Sie wichtig gewesen sei, vom privaten Umfeld unterstützt zu werden.

Meine Freunde haben mir Mut gemacht. Dass dieser Sturm vorbeiziehen wird, und dass ich meiner Linie treu bleiben soll. Sie signalisierten mir: Wir halten zu dir.

Es gab auch Rücktrittsforderungen, sogar von Ihrem alten Weggefährten Helmut Hubacher.

Ich glaube, er hat sich aus einer relativ uninformierten Situation heraus durch gewisse Berichte in die Irre führen lassen. Ich habe ihm das nicht übel genommen.

Er war nicht der Einzige mit der Forderung. Für Sie selbst war ein Rücktritt offiziell nie ein Thema. Haben Sie sich im Stillen Gedanken darüber gemacht?

Ein aktives Thema war es nicht für mich. Aber ich habe diese Frage angesichts des medialen Sturms selbstverständlich diskutiert. Mit dem privaten Umfeld, mit den anderen sechs Regierungsräten und im Departement. Die haben mich alle zu 100 Prozent gestützt. Das tat gut, gerade, was die Regierung anbelangt. Man lernt aus solchen Krisen, und der Zusammenhalt in der Regierung, die Gruppendynamik, ist noch stärker geworden. Wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können.

Das Debakel um die BVB-Million liegt nun mehr als ein Jahr zurück. Es hallt aber noch nach. Kürzlich schrieb die «Tageswoche» zur Renaturierung der Wiese zynisch: «Hans-Peter Wessels’ Laune war bäumig. Für einmal floss viel Geld aus Frankreich». Macht Ihnen Ihr Job überhaupt noch Spass?

Ja, klar (lacht laut).

Mir würde glaubs langsam die Lust vergehen. Immer dieses Gepiesacke.

Wenn mir mein Job keinen Spass mehr machen würde, ginge ich relativ zügig.

Was macht Ihnen denn Spass?

Der Chef eines grossen Basler Konzerns hat mir kürzlich gesagt, dass er unter keinen Umständen mit mir tauschen wolle. Worauf ich erwiderte, dass es mir bei ihm genau gleich gehe. Was für mich den Reiz in diesem Job ausmacht: Ich habe enorm viel Gestaltungsmöglichkeiten, kann darauf einwirken, wie sich unsere Stadt entwickelt ...

... und da haben Sie ganze Arbeit geleistet, würden Ihre Gegner sagen. Unter Ihnen blieb ja fast kein Stein mehr auf dem anderen, wenn man etwa an das neue Verkehrskonzept denkt ...

Nicht übertreiben. Ich entscheide ja nicht alleine. Es ist die Regierung, der Grosse Rat, das Volk. Ich kann Impulse in bestimmte Richtungen geben. Wenn ich etwa aufs Kleinbasler Rheinufer blicke oder auch in die Rheingasse, wie diese Orte heute leben im Vergleich zu vor zehn Jahren, gibt mir das ein befriedigendes Gefühl. Die Lebensqualität ist sichtbar gestiegen.

Die Mediterranisierung ist ein allgemeiner Trend. Und das Entscheidende sind die Leute, die Arbeit und Zeit investieren, um einen Ort zu beleben.

Klar, ohne initiative Bürger geht es nicht! Aber an der Belebung der Stadt ist das Baudepartement nicht ganz unschuldig. Beispiel Rheingasse: Wir legen Rahmenbedingungen, die es den Beizern ermöglicht, sich dort zu entwickeln. Oder dass Buvetten am Rhein betrieben werden können.

Das Nachsehen dabei haben die Autofahrer. Die Innenstadt ist für sie meistens gesperrt, Parkplätze werden immer rarer. Sie besitzen keinen Führerschein, weil Sie keinen brauchen, sagen Sie. Ist es möglich, dass Sie dereinst doch noch Fahrstunden nehmen?

Ja, das schliesse ich überhaupt nicht aus. Besonders in den Ferien wäre das hin und wieder praktisch.

Was haben Sie eigentlich für ein Velo?

Ein hundskommunes City-Bike.

Kein Elektrovelo?

Nein. Ich mache sonst kaum noch Sport, diese Bewegung ist mir wichtig. Aber ich erachte den Boom von E-Bikes als gute Entwicklung ...

... es geht. Die Meisten sind viel zu schnell unterwegs, das ist gefährlich.

Ja, die Unfallstatistiken zeigen steil nach oben, vor allem wegen der schnellen E-Bikes. Die Gesetzgebung wird nicht umhinkommen, gewisse Kategorisierungen vorzunehmen. Aber grundsätzlich gefällt mir die heutige Vielfalt an Mobilitätsformen.

In zwei Jahren sind Wahlen. Treten Sie wieder an?

Für eine Antwort ist es noch zu früh. In einem Jahr werde ich eine Standortbestimmung machen mit der Partei und überlegen, ob ich noch Lust habe dazu.

Werden Sie bei dieser Entscheidungsfindung auch auf Ihre Freunde hören?

Als Erstes eher mit der Familie und der Partei. Je nach dem, wie deren Meinung aussieht, werde ich das schon mit dem einen oder anderen Freund besprechen.