Frisch, frech, poetisch - jeder Satz ein Genuss. Für «Hoppe» und ihre früheren Werke hat Felicitas Hoppe dieses Jahr den bedeutendsten deutschen Literaturpreis erhalten, den Büchner-Preis. Heute Abend liest die sympathische Autorin im Literaturhaus Basel, wir haben sie schon gestern im Buchcafé Nasobem getroffen. Und weil ihre Heldin den Rucksack nicht einmal zum Dirigieren ablegen will, «da sie sonst von der Musik ‹davongetragen› werde», fragen wir:

Haben Sie Ihren Rucksack dabei?

Felicitas Hoppe: Ja, ich trug immer schon Rucksäcke. Das ist nicht besonders originell, aber da er in dem Buch so prominent ist, schauen jetzt alle auf diesen Rucksack.

In der Regel gilt: Je leichter die Schreibe, desto härtere Arbeit steckt dahinter. Bei «Hoppe» hat man aber den Eindruck, dass es ihnen wirklich grossen Spass gemacht haben muss, sich diese Traumbiografie zu erschreiben.

Es war zunächst ein grosses Vergnügen. Ich wollte, ganz banal gesagt, ein lustiges Buch schreiben, merkte dann aber zur Mitte hin: Es wird schwieriger, so lustig ist es dann doch nicht. Das hat viel mit der Konfrontation mit mir selbst zu tun. Es gab Stellen, etwa die Kritikerpassagen, die haben sich wie von selbst runtergeschrieben. Doch alle meine Bücher sind mir im Endeffekt schwer gefallen, und bei diesem dachte ich am häufigsten daran, es wirklich zu verwerfen.

An einer Stelle im Buch heisst es in etwa, ein Autor müsse kein Schicksal haben, sondern es nur schön erfinden. Kann ein Mensch, der nie etwas erlebt, wirklich Spannendes schreiben? Kommt es nur auf die Innenwelt an?

Wovon wollen Sie eigentlich erzählen? Diese Frage wird mir oft gestellt, meiner Generation: 60er Jahre in Westdeutschland aufgewachsen, sozusagen krisenfrei, aber reflexionsstark. Natürlich ist es gut, wenn man einen Stoff hat. Anderseits gibt es so viele Menschen mit dramatischen Schicksalen, die nicht schreiben. Deshalb überwiegt doch die Frage: Ist jemand in der Lage, schöpferisch zu arbeiten? Das heisst aber nicht, dass man nur aus dem Innen schöpft, sondern dass man sich einfach mit grosser Aufmerksamkeit in dieser Welt aufhält, Dinge aufnimmt, und aus diesen Dingen etwas Neues macht. Ich glaube, das ist das Geheimnis.

Sie haben mal gesagt: «Ich stand schlecht da: Kein Krieg, keine Wende, nicht mal geschiedene Eltern.»

Ich fand es immer heikel zu sagen: Ich hab jetzt das und das aufzuweisen als Schicksal und darum schreib ich jetzt darüber. Ich finde, man kann Schicksal nicht beliebig schriftstellerisch ausbeuten. Weder das eigene, noch das von anderen. Da hätte ich moralische Skrupel.

Dabei ist es bekanntlich so, dass den Oskar viel eher erhält, wer sich sehr schweren, tragischen Stoffen annimmt. Sie haben das Gegenteil gewagt: Lebensfreude und spielerische Leichtigkeit durchdringenden Text.

Rein handwerklich braucht es für die Gestaltung eines Texts ein gewisses Drama, Spannungsbögen und Krisen, um eine erzählerische Spannung herzustellen. Das Paradiees bei Dante ist das am wenigsten beliebte Kapitel. Hoppe ist eine Reisegeschichte, ein Stationenroman, und die Protagonistin rennt von einem Ort zum nächsten, probiert dies und das. Es ist auch eine Geschichte voller Abschiede, Brüche und Unvollkommenheiten. Und es ist eine Geschichte der Einsamkeit, von jemandem, der auf der Suche ist. Das ist vielleicht leicht geschrieben, aber nicht lustig empfunden.

Bei der unendlichen Auswahl an Möglichkeiten, warum haben Sie gerade diese Biografie erfunden?

Man entscheidet die Dinge ja nur scheinbar selbst. Es gab drei Stufen. Die erste war: Ich will eine Autobiografie schreiben. Das wurde dann belächelt, weil ich nicht alt genug und nicht berühmt genug dafür bin. Dem setze ich entgegen: Jeder kann jederzeit autobiografisch schreiben. Die zweite Stufe war: Das mit dem Ich-Sagen funktioniert nicht. Also musste ich auf Distanz gehen, in der dritten Person erzählen. Und die dritte Stufe war dann beim Schreiben zu merken: Die Wünsche und Träume, die wir haben, bestimmen unser Leben genauso wie Fakten.

Warum Kanada, Australien und Amerika und nicht etwas Exotischeres, zum Beispiel Indien?

Ich stiess in einem Buch über Eishockey zufällig auf ein Portrait des jungen Wayne Gretzky. Das Bild war von einer solch magischen Schönheit, dass mir klar war: Mit dem möchte ich etwas zu tun haben. Damit war die Reiseroute meines Buches bestimmt. Also durch pure Zuneigung. Wie im wirklichen Leben auch. Australien wählte ich als geographischen Gegenpol.

Sie sagen immer wieder, es sei «ehrlich erfunden». Kann man überhaupt unehrlich erfinden?

Ja, im Sinne eines richtigen Täuschungsmanövers. Die ehrliche Erfindung ist für mich ein Ausdruck für das, was Literatur ist: Ein anderes Mittel der Wahrheitsfindung. Man kommt der Wahrheit durch die Hintertür auf die Spur. Wenn Sie sich anders imaginieren, kommen Sie ihrer Person von der Substanz her manchmal näher. Ich vergleiche die ehrliche Erfindung gern mit der Wahl von Kostümen, zum Beispiel an der Fasnacht: Da ist man eben für zwei Tage ein Vogel, und das sagt etwas sehr Essentielles über einen aus. Journalismus ist anders. Ich würde nie befürworten, dass ein Journalist kommt und sagt: Das hab ich ehrlich erfunden. Als Journalist hab ich eine Informationspflicht und als Autor nicht. Da hab ich vielleicht eine Wahrheitsfindungspflicht, aber mit ganz anderen Mitteln. Da spielen die Fakten keine Rolle, oder ob ich je in Kanada war.

Was haben Sie beim Schreiben von Hoppe über Hoppe herausgefunden?
Ich konnte mich im Buch in Extremsituationen bringen, in denen ich im wirklichen Leben nie gestanden habe. Ich bin zum Beispiel keine Sportlerin, finde Sport aber toll. Man kann dabei einen Menschen unheimlich gut erleben. Als ich Felicitas aufs Eis gesetzt hab, da merkte ich plötzlich, wieviel Wettbewerbsehrgeiz in der Person drin ist, und warum es trotzdem in vielen Fällen nicht gelingt. Die hat zum Beispiel diesen merkwürdigen Gerechtigkeitssinn. Dinge, die ich über mich weiss, aber über dieses Bild genauer exerzieren konnte. Es ist ja völlig bescheuert zu sagen: Wir haben schon fünf Tore, jetzt sind die anderen mal dran. So funktioniert Sport nicht. Auch das Leben nicht. Viele Eigenschaften werden zu einem Hindernis in Hoppes Karriere. So hab ich doch eine ganze Menge über mich gelernt, obwohl das pure Fiktion ist. Auch negative Dinge wie der Wunsch, bewundert zu werden. Was ich am Dirigentenberuf so toll finde ist, dass die beklatscht werden, sobald sie den Raum betreten, bevor sie was getan haben. Diese Modelle durchzuspielen, und sich dabei selber auf die Schliche zu kommen, das hat Spass gemacht, aber nicht nur.

Sie haben geschrieben, dass man durch Verwandlungen der Dinge das Innerste aus diesen herauskehren kann. Hat das bei Ihnen selbst auch funktioniert?

Ich habe mich ein Stück auf mich zubewegt. Auch indem ich meine Protagonistin in andere Familien hineinbegebe, die dann über sie sprechen dürfen. Der Vater des blinden Cricketspielers Joey gibt die klügsten Kommentare zu Felicitas ab, weil er sie mag, zugleich aber einen unheimlich klaren Blick hat. Der kann Sachen sagen, die so über mich in der Ich-Form zu sagen nicht möglich gewesen wären: Dass Felicitas auch ein bestimmtes Desinteresse hat, manchmal nicht anwesend ist, dass sie vielleicht doch am liebsten allein ist. Alles Eigenschaften, mit denen man eher hinter dem Berg hält, weil wir doch alle nette, soziale Menschen sein wollen. Das geht nur durch dieses Versteckspiel, das eigentlich keines ist. Ich glaube, das Hemd über der Brust aufreissen reicht nicht. Deshalb würde ich immer sagen: Verkleide Dich und ich sage Dir, wer Du bist.

Sie sagen auch, egal, wohin es ihre Figur verschlug, so blieb sie doch dieselbe. Das ist paradox. Sie hätten der Protagonistin ja auch einen neuen Charakter geben können.

Ja, es hat mich selbst überrascht, dass mein Anspruch, autobiographisch zu schreiben, geblieben ist. Alles war möglich, nur nicht einen neuen Charakter zu schaffen. Insofern finde ich das Buch wirklich extrem autobiographisch. Weil ich wirklich über Felicitas Hoppe, so wie ich sie bis jetzt kenne, zu schreiben. Ich habe nicht versucht, sie netter oder doofer oder attraktiver zu machen. An diesem Charakter lässt sich nicht basteln. Das hätte ich tatsächlich als einen Moment von Fälschung emfpunden. Während alles andere: Ob sie fünf oder fünfzehn Sprachen, ja keine Charaktereigenschaften sind, sondern Techniken.

Wegen dieser fiktiven Talente wurde Ihnen Eitelkeit vorgeworfen.

Natürlich habe ich mit den Mitteln der Übertreibung gearbeitet, vielleicht auch der Selbstkarrikatur. Alles, was die Felicitas so supertoll kann, ist aber nur die Kehrseite der Medaille: Dass sie eine Person ist, die auch mit unheimlich vielen Dingen zu kämpfen hat. Ich habe keine Probleme mit diesen Vorwürfen der Eitelkeit, weil ich ja weiss, dass ich beim Schreiben da nicht herumgewurstelt hab, aufrichtig war. Wenn ich jetzt wirklich versucht hätte, hier eine ganz tolle Type zu beschreiben, würde ich mich in meiner Haut nicht gut fühlen.

Darf ich gestehen, dass ich manchmal an Pippi Langstrumpf dachte?

Ja. Pippi geistert durch das Buch wie nichts anderes. Pippi war eines meiner grossen Lieblingsbücher. Ich seh mich zwar weiss Gott nicht als Pippi Langstrumpf. Sie hat auch unheimliche Züge, man weiss nicht genau, woher sie kommt. Das finde ich interssant. Es ist ja keine richtige menschliche Figur.

Was hat es mit den Literaturkritiken auf sich? Haben Sie eine solche Angst vor Kritiken, dass Sie diese gleich selbst vorwegnehmen?

Es ist mehr als nur eine Schutzreaktion. Ich wollte in dieser Biographie so viele Stimmen wie möglich haben, Und ich wollte mir den Luxus erlauben, über mein eigenes Werk kritisch nachzudenken. Ich bin ja nicht dessen grösster Fan. Die Kritiker sind für mich eher meine Begleiter, nicht meine Gegner. Aber erklären Sie das mal einem Kritiker, die denken sich nicht in diesen Konstellationen. Es ist eine scholastische Verhaltensweise. Thomas von Aquin hatte seinen Schülern gelehrt: Ihr müsst das Argument des Gegenübers (das muss ja kein Gegner sein) durch die eigene Mühle drehen, bis ihr es komplett durchdrungen hatb, um dann darauf antworten. Das ist eine Kunst, die heute wenig beherrscht wird, nämlich sich in die Position des anderen hineinzuversezten - nicht um ihn Matt zu setzen, sondern weil es interessant ist zu begreifen, von wo jemand anderer spricht. Das ist allerdings echt anstrengend.

Ein von Ihnen erfundenere Kritiker geht besonders hart mit Ihnen ins Gericht. Er schreibt, Sie hätten «keinen Begriff von Ort, Zeit und Handlung» etc. Er schliesst mit der Frage: «Was haben wir, ihre Leser, davon?» Ja, was, was denken Sie?

Was die Leser davon haben, wenn man als Autor überhaupt so etwas Vermessenes behaupten darf. Im günstigsten Fall dasselbe wie ich: Nämlich einen Freiraum. Zu sehen, dass jemand anderer sich frei bewegt, ist für andere nie wertlos. Max Frisch schreibt in einem alten Text über Trapezkünstler, dass wir von ihm fasziniert sind, weil er einem Glauben macht, wir könnten tatsächlich fliegen. Und weil er uns die Aufgabe abnimmt, unseren eigenen klobigen Leib durch die Luf zu bewegen. Es tun andere Menschen stellvertretend Dinge für uns. Dafür haben wir Kunst. Weil man Freude daran hat, dass jemand etwas kann,

Sie haben den Büchner-Preis bekommen, den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Können sie mit dieser Bestätigung mit weniger Selbstzweifel weiterschreiben? Oder istes auch belastend, weil Sie nun das Niveau halten sollten?

Die positive Seite überwiegt ganz stark. Zweifel sind der ständige Begleiter des Künstlers. Aber wenn der Zweifel überhand nimmt, wird das Schreiben natürlich gelähmt. Der Preis ist eine riesige Ehre und hat mich unheimlich konsolidiert. Da ist das Gefühl: Jetzt kannst du ganz ruhig weitermarschieren, denn es ist bestätigt, dass du auf dem richtigen Weg bist. Das erhöht die schöpferische Kraft und auch die Lust weiterzumachen.

Das Buch weckt die Neugier auf die ganz reale, private Felicitas Hoppe. Haben Sie schon Einladungen für einschlägige Boulevard-Talkshows oder so bekommen?

Ich finde ja Boulevard in Massen auch toll. Interessanterweise halten sich aber alle Interviewer und Moderatoren zurück. Es scheint sich durch das Buch eine Hemmschwelle aufgebaut zu haben; niemand traut sich zu fragen: Ja, aber wie sind Sie denn jetzt wirklich? Dabei ist es für mich kein Problem über mein Leben Auskunft zu geben, weil es nicht so besonders interessant ist. Im Moment bin ich auf Lesereise. Ansonsten bin ich eine Frau, die in Berlin lebt, allein, und ihre Bücher schreibt.

Ihr letzter Satz in «Hoppe» ist: «Fortsetzung folgt». Was kommt?

Es ist keine Anregung dafür, dass Hoppe jetzt eine Hoppe 2 schreibt. Ich möchte sehr gern wieder etwas für Kinder machen. In der Warteschleife ist auch noch ein richtig grosses Romanprojekt von dem ich schon lange Träume, etwas Russisch-Amerikanisches. Mitte nächsten Jahres geh ich wieder zum Schreiben, in die Schweiz übrigens.

Wieder ins Wallis?

Ja, ich habe 2004 den Spycher-Preis gewonnen; in Leuk habe ich immer noch ein gewisses Gastrecht. Schon 1998 hatte ich mein erstes Stipendium von der Laurenz--Stiftung in Basel, eine meiner Lieblingsstädte. Ein Grossteil meines Werks ist in der Schweiz entstanden. Wahrscheinlich hab ich der Schweiz den Büchner-Preis zu verdanken.