Oh, das arme, arme Monster! Wessen Herz diese in die Welt geworfene, namen- und elternlose Kreatur nicht bewegt, der muss aus Steinen gebaut worden sein. Unschuldig und unbeholfen stolpert es am Anfang durch den Wald, muss sprechen und verstehen lernen, verbrennt sich die Hand im Feuer, freut sich über jeden Vogel – bis es auf Menschen trifft. Es bekommt keine Gelegenheit, seine guten Seiten zu zeigen, es stösst immer sofort auf heftigste Abneigung; die Frauen fallen kreischend in Ohnmacht, die Männer zücken ihre Pistolen und Heugabeln. Irgendwann mag das Monster nicht mehr die andere Wange hinhalten, sein schrecklicher Rachefeldzug beginnt. «Mein Herz war geschaffen für Liebe und Mitleid und es litt schwer darunter, dass ich von einem grausamen Schicksal dazu verdammt ward, meinen Weg durch Blut und Tränen zu gehen», sagt es am Ende.

Sein wichtigstes Anliegen ist Regisseur Philipp Stölzl gelungen: Die Monsterpuppe, das Herzstück seiner Frankenstein-Inszenierung, erregt bei aller Hässlichkeit Mitgefühl. Drei schwarz gekleidete Spieler bewegen die zweieinhalb Meter grosse Puppe – wie im japanischen Bunraku-Theater, das nächsten Samstag auf der grossen Bühne erstmals in der Schweiz zu sehen sein wird. Gemäss Stölzl haben ihn und die drei Erbauer (Boris Gil, Marius Kob und Cathérine Pichler) die Werke des Bildhauers Hans Bellmer sowie Gunther von Hagens Körperwelten inspiriert.

Beseelt wird das Monster durch Cathrin Störmer, die ihm seine Stimme verleiht. Am Anfang hält die Schauspielerin sich im Hintergrund auf einem Podest zurück, später stellt sie sich so sanft wie bestimmt mitten in die tableauhaften Szenen. Ihr und dem Wesen, das sie so vermenschlicht, wird am Ende der Premiere in Basel am meisten Applaus gespendet. Verdient.

Bebilderung des Romans

Den weiteren, starken Applaus hat sich das Stück allerdings mit etwas gar trivialer Unterhaltung eingeheimst. Der Regisseur beschränkt sich während des dreistündigen Abends in erster Linie darauf, Mary Shelleys grandiosen Roman Szene für Szene zu bebildern. Das ist zwar alles zauberhaft gemacht, mit Wind, Nebel und Möwengekreisch, Echos und Geflüster, Cellomusik und Zeitlupeneffekten. Mittendrin aber agieren die Schauspieler selbst wie ferngesteuerte Puppen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. In ihren steifen Gewändern und mit ihren abgegriffenen Gesten wirken sie wie Parodien auf Figuren in einem Kostümfilm. David Berger ist der zerzauste Erfinder Viktor Frankenstein, Zoe Hutmacher seine anämische Verlobte, Dirk Glodde der strenge Vater. Weitere Figuren tauchen auf und verschwinden wieder. In der schnellen Abfolge der Szenen kommen sie bis auf wenige Momente kaum zusammen ins Spiel. Frankensteins Dilemma verblasst neben den Nöten seines Übersohns.

Was fehlt, ist eine eigene Interpretation des Stoffes, der doch gerade heute so viele Möglichkeiten dafür böte. Stölzl sagte zwar im Vorgespräch selber, dass er in erster Linie eine gute Geschichte für die ganze Familie erzählen wolle. Das mag im Spielfilm oder im Musikvideo, wo er herkommt, vielleicht genügen; bei seiner ersten Schauspielinszenierung vermisst man eine Haltung, wünschte man sich Tiefgang, Reibung, Schmerz, Irritation.

Stark wirkt die eine Szene, in der Stölzl doch einen eigenen Ansatz wagt: Die seit Jahren – und nun sogar in der Hochzeitsnacht – von ihrem rein kopfgesteuerten Verlobten versetzte Braut wird durch das Monster, das sich an ihr Bett schleicht, nicht aufgeschreckt – sie gibt sich ihm erregt hin. Es würgt, sie stöhnt. Das Monster, der dunkle, sexuelle Anteil des Mannes, den sie liebt – vielleicht etwas offensichtlich, aber durchaus reizvoll.

Frankenstein wird en bloc bis 17. Oktober im Schauspielhaus Basel gespielt. Das liegt vor allem am aufwendigen Bühnenbild (Heike Vollmer und Philipp Stölzl), einem enormen Käfig in der Mitte des Raums. «Regeln für den Menschenpark» heisst eine Rede des Philosophen Peter Sloterdijk, die er 1997 in Basel gehalten hat. Sie regte zu Debatten über die Folgen der Biotechnologie an. Das wird dieser «Frankenstein» nicht tun. Doch wer Shelleys Roman noch nicht kennt, kann einen unterhaltsamen Abend verbringen. Und sich in ein Monster verlieben.