Jerusalem
Verschwundene Hochhäuser: Hier entstehen die Türme, die das Basler Stimmvolk ablehnte

Türme, Bibliotheken und sogar eine Calatrava-Brücke: In Basel konnten sie nicht gebaut werden. Jetzt entstehen genau diese Basler Bauten in Jerusalem.

Simon Erlanger
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Basler Bauten in Jerusalem
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Jacques Herzog und Pierre de Meuron entwarfen die neue israelische Nationalbibliothek in Jerusalem.
Das moderne Jerusalem verfügt auch über eine Calatrava-Brücke, die an die Harfe Davids erinnern soll.

Basler Bauten in Jerusalem

StudioPEZ und Zarhy Architects

Wie Pilze nach dem Regen spriessen sie gegenwärtig aus dem Boden, die neuen Hochhäuser in Basel-Stadt. Und beinahe hätte die Basler Skyline noch ähnlicher wie die Stadtkulissen von Singapur, Schanghai oder New York ausgesehen. Elf Wohntürme hätten im Rahmen der Stadtrandentwicklung zwischen Rankhof und Landesgrenze entstehen sollen. Anstelle von Schrebergärten und Sportplätzen hätten künftig Hochhäuser mit Wohnungen für bis zu 2000 Menschen das Areal geprägt.

In nächster Nähe zu den tausenden von Arbeitsplätzen des neugestalteten Roche-Komplex mit den Bürotürmen von Herzog & de Meuron hätte so neuer Wohnraum für Zuzüger und Expats geschaffen werden sollen, komplett mit eigenem Landschaftspark. Als visionäres Beispiel des verdichteten Bauens mit geringem ökologischem Fussabdruck priesen Befürworter den Bau der Türme zu Basel. Als Etikettenschwindel bezeichneten Gegner das in ihren Augen vermeintliche Öko-Projekt. Letztlich überwogen die Argumente der Skeptiker: Mit 27'793 gegen 26'793 Stimmen erteilten die Basler Stimmbürgerinnen und Stimmbürger am 28. September 2014 der Zonenplanänderung für die geplante Stadtrandentwicklung Ost eine Abfuhr.

Den Ausschlag für das knappe Nein gaben die Stimmenden in Riehen. Elf Türme, gleichzeitig und in einem Zug erstellt – das war offenbar zuviel des Guten. Das Projekt war gestorben. Zumindest in Basel. Denn anderswo interessierte man sich sehr für das Konzept dieser Basler Hochhäuser.

Modernisierungsschub

Knapp 4100 Kilometer weiter südöstlich hatten im Jahr 2012 die Stadtväter von Jerusalem ihr Projekt für einen neuen Stadteingang vorgelegt. Die dem Judentum, Islam und Christentum heilige Stadt litt seit Jahrzehnten unter Armut und Verslumung. Während sich die Gegend um Tel Aviv als eigentlicher Motor der aufstrebenden Startup-Nation Israel erwies, blieb Jerusalem wirtschaftlich zurück. Infrastruktur sollte nun Abhilfe schaffen: Ein neuer Autobahnanschluss und eine Schnellbahn samt Tunnels und waghalsigen Viadukten werden schon ab diesem Jahr Jerusalem mit den Hightech-Zentren der Küstenebene verbinden – in knapp 28 Minuten.

Statt des alten, chronisch verstopften und herabgewirtschafteten westlichen Stadteingangs soll ein neues, blitzendes und ökologisches Quartier aus Stahl, Glas und Beton die uralte Metropole ins 21. Jahrhundert katapultieren. So etwa plant Apple am Jerusalem Gateway die weltweit erste Digital Library. Im Zentrum des Projekts standen aber ursprünglich rund ein Dutzend Wohn-und Bürotürme, deren Form und Anlage den Basler Stimmbürgern bekannt vorkommen dürften, auch wenn die Herkunft der Jerusalemer Türme heute nicht mehr klar ersichtlich ist.

Wurden in den ersten Projektentwürfen noch die Namen von mit Basel verbundenen Büros genannt, fungiert auf den neusten Projektskizzen nur noch der Name des einheimischen Generalunternehmers. Mittlerweile wurde die Zahl der bis zu 33 Stockwerke hohen Türme auf 24 verdoppelt. Nebst Wohnungen sollen 2000 Hotelzimmer und 800 000 Quadratmeter Büro-und Ladenfläche entstehen.

Jerusalem kommt zum Zug

Die Jerusalemer Türme drapieren sich rund um die elegante Brücke des Zürcher Architekten Santiago Calatrava, dessen Wettsteinbrücke 1990 vom Basler Stimmvolk bekanntlich ebenso verworfen wurde wie 2014 die Türme in der Breite. Statt in Basel kommt nun eben Jerusalem zum Zug. Über die hell erleuchte weisse Drahtseilkonstruktion der Calatrava-Brücke, welche an die Harfe von König David erinnern soll, fährt seit 2011 die neue Jerusalemer Strassenbahn.

Gestaltet wird die Gesamtanlage rund um Tram, Brücke und Türme von den Berliner Landschaftsgärtnern von «Topotek1», die in Basel bei Wettbewerben und Planungen für die Stadtrandentwicklung, das Ozeanium und den neuen Bernoulli-Walkeweg auf dem Dreispitz beteiligt waren. Allein die Infrastrukturmassnahmen des Projekts Jerusalem Gateway sollen bis zu 435 Millionen Dollar kosten.

Einen markanten städtebaulichen Akzent beim neuen Stadteingang setzt das Basler Studio PEZ mit dem neuen Jerusalemer Bezirksgericht, dem «District Court House». Gegründet von den beiden jungen Architekten Daniel Zarhy aus Israel und Pedro Peña aus Spanien, die beide für Herzog & de Meuron am Roche-Turm gearbeitet haben, ist das Studio PEZ in Basel und in Tel Aviv beheimatet. Das neue Justizzentrum wird 40'000 Quadratmeter gross und soll das wichtigste derartige Gebäude werden neben dem Obersten Gericht, das in nur wenigen hundert Meter Entfernung vom «District Court House» steht, nahe der Knesseth, dem israelischen Parlament.

Der neue Gerichtskomplex soll durch seine niedrige Bauweise in einem Meer von Hochhäusern das menschliche Mass bewahren und an die älteren Gebäude des nahen Regierungsviertels, des Israel Museum und der Knesset anschliessen. Genau dort, zwischen Parlament und Museum bauen schliesslich Jacques Herzog und Pierre De Meuron das neue Heim der israelischen Nationalbibliothek. Diese wurde 1892 im damaligen osmanischen Palästina gegründet. Heute umfasst sie über fünfeinhalb Millionen Bücher und Archivalien darunter die weltgrösste Sammlung von Publikationen in Hebräisch, Ladino und Jiddisch. In der Nationalbibliothek finden sich auch bedeutende Nachlässe, so von Isaac Newton und Albert Einstein.

Gehen die Türme am Stadteingang markant in Höhe, bauen Herzog & de Meuron nur wenige hundert Meter davon in die Tiefe und passen sich so der geschichtsträchtigen Topographie der Jerusalemer Hügel an. Insgesamt soll die neue Bibliothek auf zehn ober- und unterirdischen Stockwerken rund 45'000 Quadratmeter umfassen. Die geschätzten Baukosten von 200 Millionen Dollar werden von Spendern getragen. Die Bibliothek soll bis 2020 fertig sein. Statt in Basel setzen die Basler nun also in Israel ihre Visionen um. Und bauen so an einem modernen und friedlichereren Jerusalem der Zukunft.