Konzerttickets

Viagogo täuscht Kunden: Stimmen-Festival warnt vor überteuerten Tickets

Wer Konzerttickets auf Onlineplattformen kauft, muss aufpassen, dass er nicht überrissene Preise bezahlt.

Die Botschaft ist in alarmierendem Rot hervorgehoben: «Nur noch zwei Tickets verfügbar», warnt die Onlineplattform Viagogo den Musikfan, der auf der Suche nach einem Ticket für das Konzert von Jan Delay ist. Der Hamburger Sänger tritt im Juli 2019 am «Stimmen»-Festival in Lörrach auf. Geschenkidee für Weihnachten, keine Frage. Wer Jan Delay und Ticket googelt, landet bald einmal bei Viagogo, einer Webseite, die sich auf den Weiterverkauf spezialisiert hat. Die beiden Karten, die noch verfügbar sind, kosten 109 Franken. Ein stolzer Preis, aber wer das Konzert nicht verpassen möchte, greift womöglich zu. Ein Fehler.

Denn der offizielle Preis auf der seriösen Plattform Ticketcorner beträgt 63.55 Franken. Auf Viagogo wird also fast das Doppelte verlangt. Besonders dreist: Das Konzert ist noch gar nicht ausverkauft, niemand müsste auf den Schwarzmarkt ausweichen. Doch Viagogo, ein Ticketmarktplatz mit Sitz in Genf, schreibt, dass es sich hier um aussergewöhnliche Tickets handle, um die letzten für diese Veranstaltung und diese Kategorie.

Aussergewöhnlich ist nur der Preis

So setzt Viagogo den Besucher unter Druck. Wer möchte schon zu kurz kommen? Zumal es die letzten Tickets sind, wie suggeriert wird. Dabei läuft man Gefahr zu übersehen, dass es einfach die letzten Tickets auf dieser Plattform sind. Denn andernorts sind weiterhin Tickets erhältlich. Aussergewöhnlich ist daher nicht das Ticket an sich, das einen Stehplatz bietet. Aussergewöhnlich ist nur der Preis: Im Lauf des Kaufs verteuert sich dieser noch, kommen zu den 109 Franken 7 Franken Liefergebühren und 18.50 Buchungsgebühren hinzu. Am Ende kostet das Ticket bei Viagogo übertriebene 134.50 Franken.

Aus diesem Grund hat das «Stimmen»-Festival eine Warnung herausgegeben. Es informiert über das «ruchlose Geschäftsgebaren derartiger Anbieter». Das Festival möchte seine Besucher schützen. Und auch sich selber. Denn schon beim diesjährigen Festival seien manche Besucher von den hohen Preisen abgeschreckt worden, ja, manche Leute blieben gar Veranstaltungen fern, weil sie glaubten, es sei ausverkauft. «Ein Ärgernis», sagt «Stimmen»-Sprecher Tobias Pfleger, «denn die Besucher werden so auf eine falsche Fährte gelockt.» Nicht nur grosse Anlässe wie jene von «Stimmen» tauchen bei Drittanbietern vermehrt auf, wie unsere Recherche zeigt. Die umstrittenen Geschäftspraktiken von Firmen wie Viagogo haben auch Klassik- und Clubkonzerte erreicht.

Selbst Klassikkonzerte betroffen

Im Februar lädt die Allgemeine Musikgesellschaft zu einem Konzert des Stuttgarter Kammerorchesters in die Basler Martinskirche. Der Abend ist derzeit noch nicht ausverkauft. Trotzdem finden sich auf Viagogo für jede der fünf Kategorien Tickets, die im teuersten Fall 121 statt 90 Franken kosten. Vorsicht ist also auch hier geboten.

Am kommenden Samstag etwa tritt Mavi Phoenix im Rossstall der Kaserne Basel auf. Das Konzert der österreichischen Sängerin ist nicht ausverkauft. Dennoch warnt eine Mitteilung auf Viagogo: «Für dieses Event sind weniger als 2 % der Tickets verfügbar.» Auch hier wird der Eindruck erweckt, man müsse sich beeilen. Im Fall dieser Pop-Newcomerin schlägt ein Ticket auf Viagogo mit 99 Franken zu Buche. Beim offiziellen Partner der Kaserne, Starticket, kostet das Ticket hingegen lediglich 20.80, mit der StuCard sogar nur 15.70 Franken. Wer sein Ticket auf Viagogo kauft, zahlt hier ein Vielfaches und dürfte sich übers Ohr gehauen fühlen.

Bislang waren Veranstaltern die Hände gebunden, da Viagogo grundsätzlich nicht gegen ein Gesetz verstösst. Doch Unmut und Widerstand wachsen, Konsumentenschutzorganisationen haben Klagen eingereicht, selbst die Fifa hat Viagogo angezeigt für den Zwischenhandel mit Fussballtickets, wie im Juni bekannt geworden ist. Fragen zur Geschäftspraxis, die wir Viagogo schriftlich zukommen liessen, blieben gestern unbeantwortet.

Bei Google Anzeigen gekauft

Besonders perfid ist, dass man als Endkonsument nicht wissen kann, dass man auf der Suche nach einem Ticket bei einem Drittanbieter gelandet ist. Viagogo kauft sich bei Google für teures Geld ein, um bei Suchabfragen möglichst an erster Stelle aufzutauchen, noch vor den offiziellen Erstanbietern.

Dies ist zum Beispiel auch bei Beatrice Egli der Fall. Die Schlagersängerin tritt am kommenden Freitag im Musical Theater Basel auf. Wer «Beatrice Egli Ticket» googelt, sieht als erstes Ergebnis die Anzeige von Viagogo. Und findet dort Tickets in verschiedenen Preisklassen, bis 148 Franken. Das ist ein gutes Geschäft für Viagogo. Ein schlechtes für den Schlagerfan. Denn der beste Platz für ihr Basler Konzert kostet beim vertrauenswürdigen Ticketcorner keine 100 Franken. Und: Der Abend ist noch lange nicht ausverkauft, wie ein Blick auf den Saalplan verrät.

Dass TV-Star Egli das Musical Theater nicht zu füllen scheint, liegt womöglich auch am schlechten Timing. Denn ebenfalls am Freitagabend lockt ein noch grösserer Schlagerstar in die St. Jakobshalle: Andreas Gabalier. Der Volksmusiker dürfte denn auch einige Egli-Fans abgeworben haben. In seinem Fall stimmt die Mitteilung von Viagogo für einmal auch, dass die Veranstaltung sehr gefragt und nur noch wenige Tickets verfügbar seien. Denn Gabaliers Konzert ist nahezu ausverkauft. Was den Schwarzmarkt ankurbeln könnte.

Bemerkenswert: Für das ausverkaufte Konzert der Singer-Songwriterin Sophie Hunger nächste Woche in der Kaserne Basel sind hingegen selbst auf Viagogo keine Tickets erhältlich. Vielleicht muss man aber auch einfach sagen: Noch nicht.

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