Die Besucher im vollbesetzten Unionssaal im Volkshaus klebten dem emeritierten Soziologieprofessor Ueli Mäder an den Lippen. Gewohnt wortgewandt blickte er auf eine Zeit zurück, die auch sein persönliches Leben prägte. Die 68er-Bewegung veränderte die Welt, die Schweiz und auch Basel. Der Ost-West-Konflikt tobte, jede und jeder links der Mitte war ein Kommunist, Rassenunruhen erschütterten den Süden der USA, die Schweizer Frauen wollten endlich demokratisch mitbestimmen und die Liebe wurde frei zelebriert. Ueli Mäder hat für sein neustes Werk 100 Zeitzeugen interviewt, die öffentlich oder im privaten Umfeld in der 68er-Bewegung aktiv waren.

«Ich wollte herausfinden, inwiefern diese gesellschaftlichen Bewegungen in den individuellen Biografien zum Tragen kamen», erklärte Mäder zu Beginn der Buchvernissage.

Herausgekommen sind Berichte, Erinnerungen, Erzählungen und Einschätzungen mit dem Bezug zum Heute. Neben den Interviews waren die Bundesfichen die wichtigsten Quellen. Während der Staat für die 68er und damit auch für Ueli Mäder als Anarchist im Oberbaselbiet vor 40 Jahren ein Feindbild darstellte, ist er heute für ihn als Gegenpol gegen die privaten Kreise der Wirtschaft ein Hoffnungsträger.

Doch was ist wirklich geblieben von der 68er-Bewegung, die in der heutigen politischen Debatte oft belächelt wird? Mit Regula Renschler, Journalistin und Mitbegründerin der Erklärung von Bern, und Magdalena Küng, Sekretärin der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) und Grünen-Politikern, holte Mäder eine Vertreterin von damals und eine Vorkämpferin von heute mit aufs Podium. «Auch wir wollen heute die Welt verändern», stellte Magdalena Küng gleich zu Beginn klar. Aber die Generation von heute sei offener und kompromissbereiter als die 68er. Die angesprochene Intoleranz der 68er beobachtete auch Ueli Mäder. «Wir haben das Freiheitliche gesucht und das Herrschaftliche bekämpft. Aber wir haben beides auch in uns getragen.»

Heutige Generation offener

Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion mit dem Publikum. Die damalige positive Wirtschaftslage, wo fast jede und jeder locker einen Job fand, machte die Bewegung erst möglich, erinnerte ein Mann. Ein anderer hinterfragte die Bedeutung des Faschismus in der Schweiz, der auf dem Podium zuvor nicht zur Sprache kam. Während Ueli Mäder und Regula Renschler die Bedeutung des Faschismus für die 68er-Bewegung in der Schweiz relativierten und den Ost-West-Konflikt hervorhoben, gab Historiker Georg Kreis aus dem Publikum dem Mann recht. «Die Aufarbeitung des Faschismus war auch in der Schweiz einer der Gründe für die 68er-Bewegung.» Die 68er haben viel erreicht, vieles aber auch verpasst.

Das Kapital dominiere seit Jahren die Wirtschaft und über sie die Politik und Gesellschaft, hiess es gleich mehrfach in teils emotionalen Voten. «Von der ökonomischen Seite her hat die ganze Chose versagt», enervierte sich ein Mann. «Die Wirtschaft herrscht und die Ökologie bricht zusammen. Das Kapital ist durchmarschiert und marschiert noch immer.» Dies bestätigte auch Ueli Mäder, der Ende der 1980er ein Kippen der Entwicklung festmacht. Eine weitere Stimme aus dem Publikum zeigte sich überzeugt, dass sogar die heutigen Rechtspopulisten von der 68er-Bewegung profitiert hätten und sich in deren Schatten entwickeln konnten.

Moderator Constantin Seibt stellte die Theorie in den Raum, dass die heutige Rechte von den 68ern und ihrer kompromisslosen Strategie mit Kampfbegriffen wie «Konsumterror» lernten und diese mit Wortkreationen wie «Scheininvalide» erfolgreich nachahmten. «Waren die 68er sogar der Nährboden für die heutige SVP?», fragte Seibt ins Publikum. Ueli Mäder bejaht. «Wir 68er haben dafür die Angriffsfläche geboten.» Nun sei es Zeit für eine neue 18er-Bewegung.