Beide Basel

Viele renommierte Kulturinstitutionen bangen um ihre Zukunft

Gute Nacht! Sollte die Baselbieter Regierung ihre Drohung, die Kultursubvention zu halbieren, durchziehen, so kämen einige Institutionen zum Erliegen.

Gute Nacht! Sollte die Baselbieter Regierung ihre Drohung, die Kultursubvention zu halbieren, durchziehen, so kämen einige Institutionen zum Erliegen.

Baselland will seine Kultursubventionen an den Stadtkanton halbieren. Viele etablierte Institutionen wären dadurch in ihrer Existenz bedroht. Gare du Nord, Sinfonietta, Junges Theater Basel: Alle verlangen weitere Verhandlungen, bevor es zu spät ist.

Mit der Kündigung des Kulturvertrags des Kantons Baselland mit Basel-Stadt wären einige etablierte, über die Region ausstrahlende Kulturinstitutionen in ihrer Existenz bedroht. Allen voran die Gare du Nord, das schweizweit einzigartige Zuhause der Neuen Musik. Gare du Nord wird ausschliesslich von Baselland unterstützt: mit einer Subvention von 465 000 Franken (2015). Wäre es nur noch die Hälfte, könnten die Löhne, die sich heute schon auf einem Minimum bewegen, und die Infrastruktur nicht mehr finanziert werden. Das Haus für Neue Musik, das in der Szene international verortet ist und eine rege Kooperation mit der Hochschule für Musik Basel lebt, müsste schliessen.

Die Planungsarbeit ist bis ins Jahr 2017 fortgeschritten, denn gerade Musikinstitutionen müssen über weit mehr als eine Saison hinaus planen. An den Verträgen mit Ensembles, mit Künstlern usw. «hängen so viele Existenzen, so viele Jobs», erklärt Désirée Meiser, die künstlerische Leiterin. Dazu kommt, dass die Gare du Nord durch eine hohe Eigenwirtschaftlichkeit brilliert. 40 Prozent des Budgets erwirtschaftet die Gare selbst, wie Geschäftsführerin Ursula Freiburghaus erklärt. Das hänge mit der langsamen, steten Steigerung der Subvention zusammen. Es sei bekannt, dass gerade Betriebe, die sich den zeitgenössischen Künsten verschreiben, leichter Drittmittel generieren können, wenn sie staatlich gut subventioniert sind.

Genau so hart könnte es die Basler Madrigalisten treffen, die auch allein aus der Kulturvertragspauschale mit jährlich 205 000 Franken unterstützt werden. Eine Halbierung würde das Ende der Madrigalisten bedeuten. Raphael Immoos, der künstlerische Leiter, erklärt, dass der bald 40-jährige professionelle Chor schon jetzt am Existenzminimum lebe. Die Chorsänger müssen unter dem Tarif arbeiten: Der Verbandstarif beträgt laut Immoos für drei Stunden 175 Franken. Die Madrigalisten bezahlen pro Stunde eine Gage von 40 bis 50 Franken, dazu kommt die AHV.

Gemeinsame Politik gefordert

Existenzbedrohend wäre die Halbierung der Kulturpauschale auch für die Basel Sinfonietta. Mit 400 000 Franken jährlich erhält sie mehr als die Hälfte ihrer Subvention von Baselland. Beim Kammerorchester Basel macht sie heute mit 265 000 Franken etwas mehr als ein Drittel aus. Für das Sinfonieorchester stehen 1,7 Millionen Franken auf dem Spiel. Das Theater bekommt bisher mit 4,5 Millionen Franken fast die Hälfte der Kulturpauschale. Wie weiter? Auch hier ist die Saison 2017 schon längst aufgegleist.

Desirée Meiser und Immoos, Marcel Falk, Geschäftsführer des Kammerorchesters Basel, und Thomas Wehry von der Basel Sinfonietta unterstreichen, dass die beiden Basel miteinander verhandeln müssen, bevor Geschirr zerschlagen wird. «Irgendjemand muss eine Brücke bauen», sagt Désirée Meiser. «Es muss über Kooperationen, neue Rettungsschirme verhandelt werden. Die erfolgreiche gemeinsame Kulturpolitik müsse weitergeführt werden, betont Immoos.

Keine der 15 direkt betroffenen Institutionen sowie einige weitere, die sich solidarisch zeigen, will sich auf irgendwelche Grabenkämpfe zwischen Stadt und Land einlassen. Im Gegenteil: Diese Region werde als einheitliche Kulturregion wahrgenommen, sagt Carena Schlewitt, künstlerische Leiterin der Kaserne Basel (Subvention von Baselland: rund 750 000 Franken). Vertreterinnen und Vertreter sämtlicher 15 Institutionen plus Zugewandte haben sich am Montag zusammengesetzt, um weitere Massnahmen zu beschliessen (vgl. Artikel unten). «Man steht hier zusammen für die gesamte regionale Kulturlandschaft ein», betont Schlewitt.

«Theater ist da, um Grenzen aus den Köpfen zu kriegen», sagt Uwe Heinrich, Leiter des Jungen Theaters Basel (Subvention von Baselland: 350 000 Franken). Er fände es deshalb absurd, etwa an der Kasse eine Grenze zu ziehen und ein höheres Eintrittsgeld von Baselbietern zu verlangen. Das würde sich zwar lohnen: Das Junge Theater kann genau nachweisen, dass etwa 50 Prozent seiner Besucher aus dem Nachbarskanton kommen. «Wir notieren die Adressen der Schulklassen.»

Klarheit frühestens Ende Jahr

Alle für das regionale Kulturleben wichtigen Institutionen hängen derzeit buchstäblich in der Luft. Im Vorfeld des Entscheids der Regierung, die Kulturgelder ab Januar 2017 zu halbieren, gab es seitens der neuen Kulturdirektorin Monica Gschwind keine Gespräche, keine Informationen. Erst gestern sind die Institutionen mit dem Wortlaut der vor knapp einer Woche veröffentlichten Regierungsmeldung informiert worden. Wie die Halbierung umgesetzt werden soll, weiss heute niemand. Monica Gschwind bietet erst auf den Dezember erste Gespräche an.

Die Theater, Orchester und Ensembles müssen aber planen. Eine ganze Kulturlandschaft steht auf dem Spiel. Immoos, Leiter der Madrigalisten, sagt: «Wir wissen nicht einmal, ob wir 2018 unser 40-Jahr-Jubiläum feiern können.»

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