Parlamentsdienst

Viele würden sagen, sein Job sei trocken – er findet ihn schlicht «geil»

Stellt sich vor den Grossen Rat: Thomas Dähler leitet den Parlamentsdienst mit Leib und Seele.

Stellt sich vor den Grossen Rat: Thomas Dähler leitet den Parlamentsdienst mit Leib und Seele.

Eigentlich wollte Thomas Dähler in Madagaskar ein Spital bauen, aber dann wurde er Leiter des Basler Parlamentsdiensts.

«Thomas Dähler ist zu 150 Prozent mit dem Basler Parlamentsdienst verheiratet», sagt die ehemalige Grossratspräsidentin Dominique König. Dähler hingegen findet: «Das ist ein bisschen untertrieben.» Thomas Dähler hat den Schalk eines Mannes, dem die Lacher egal sind. Er grinst erst dann diebisch, wenn sein zuweilen kauziger Witz eingesunken ist.

Seinem Beruf hingegen geht der 64-Jährige mit der grösstmöglichen Seriosität nach. Thomas Dähler ist Leiter des Baslers Parlamentsdiensts. Der oberste Diener der Grossräte. «Ich ermögliche ihnen, sich auf die politische Arbeit zu konzentrieren.» Der Parlamentsdienst kümmert sich um all die lästigen Administrationsaufgaben, die im Politbetrieb so anfallen. Für Thomas Dähler bedeutet dies «den geilsten Job diesseits der Alpen.» Er sagt es mit so viel Verve, man muss ihm sofort glauben, dass Sitzungszimmer herrichten, Berichte vorbereiten, das Protokoll führen und die neuen Grossräte ausbilden den spannendsten Berufsalltag überhaupt darstellen.

Höchster Zürcher, erster Diener

Wobei: Zumindest im Job war Dähler nie ein Draufgänger. Jahrelang hat er für die Zürcher Verkehrsbetriebe Fahrpläne erstellt. Während seiner Lehre zum Tiefbauzeichner hat er Matura-Stoff gebüffelt und danach – zu seinem bassen Erstaunen – die Aufnahmeprüfung an die ETH Zürich bestanden. «Dann habe ich halt studiert. Zuerst Mathe und Physik, dann Verkehrsingenieur.» Politik und Geschichte hat ihn immer fasziniert, dem ging er in der Freizeit nach. So trat er dem Zürcher Freisinn bei. Seine Politkarriere endete 2003, als höchster Zürcher: Er bekleidete das Amt des Zürcher Kantonsratspräsidenten. Für den Nationalrat kandidierte er erfolglos trotz seines markigen Slogans: «Kluge Wähler wählen Dähler».

Danach suchte er den Bruch. «Auf Postkarten sah ich Madagaskar. Ich wollte etwas Neues ausprobieren, vielleicht dort ein Spital aufbauen.» Stattdessen stiess er auf den Stellenausschrieb als Leiter der Basler Parlamentsdienste. «Nachdem ich mit 19 Bern verlassen und danach Zürich erlitten hatte, habe ich Basel verdient.» Der Job ist ihm auf den Leib geschnitten. Im Grunde ist er immer Ingenieur geblieben, seine Faszination gilt politischen Vorgängen, nicht ihren Inhalten. Zu sehen, wie die Räder ineinandergreifen, dies zu jenem führt, daher rührt seine Begeisterung: «Ich war immer Parlamentarier, nie Politiker.»

Streitpunkt Grossratscafé

In Basel durfte er sein Wirkungsfeld selber mitgestalten, der Parlamentsdienst war zuvor der Regierung angegliedert. Es ist das absolute Lieblingsthema dieses Mannes, der die Demokratie in jeder Faser seines Wesens trägt: dass Regierung und Verwaltung dem Parlament auf Augenhöhe begegnen. Dazu passt eine Anekdote von Staatsschreiberin Barbara Schüpbach, seiner ehemaligen Angestellten und heute so etwas wie Dählers Antagonistin auf der Seite der Exekutive. «Die Verwaltung wollte das Café des Grossen Rats ausserhalb dessen Sitzungen als Pausenraum nutzen, deshalb haben wir umgebaut. Knapp drei Jahre stritten wir um Stehtische und Sitzgelegenheiten.» Dähler gerät immer noch sofort in Rage, kommt dieses Thema zur Sprache. Die Affiche zwischen Dähler und Schüpbach ist ohnehin speziell: Schüpbach war früher Dählers Stellvertreterin. Aus Dählers Sicht war es ein Angriff der Regierung auf das Parlament, ein «unfriendly Take-over», der einen grossen Streit mit dem damaligen Regierungspräsidenten Guy Morin auslöste. In solchen Schilderungen balanciert Dähler zwischen Witz und Ernst.

In der Sache zumindest ist mit ihm nicht zu spassen: Vehement verteidigt er das Parlament, wo immer er den Anflug einer Benachteiligung sieht. Ein Löwe mit silberner Mähne stellt sich vor seine grossrätlichen Schützlinge. «Ich ziehe ihn dann und wann mit der Bedeutung des Grossen Rats auf», sagt LDP-Regierungsrat Conradin Cramer lachend. Dann hebe Dähler mahnend den Zeigefinger. Man kann sich bildhaft vorstellen, wie er dazu vorwurfsvoll über den Rand seiner Hornbrille blickt. Cramer lernt Dähler nun von einer anderen Seite kennen. Den Grossratspräsidenten, und das war Cramer, ist Dähler nämlich jeweils treu ergeben. Davon berichten Conradin Cramer, Dominique König (SP) und Joël Thüring (SVP) unabhängig ihrer politischer Farben. Letzterer wird derzeit von Dähler in sein Amt eingefuchst. Ein Spiel, das sich jährlich wiederholt. Die Konstante, das ist Dähler. «Er ist unser Lexikon, niemand kennt den Betrieb besser als er», sagt Thüring.

Dähler gibt die Blumen gern zurück. Dass er keine zwei Jahre hintereinander den gleichen Chef hat, ist für ihn das Salz in der Suppe: «Jeder Grossratspräsident hat eigene Stärken – Schwächen hat keiner.» «Er hilft jedem. Dabei sind wir Politiker wohl auch nicht die einfachste Klientel», sagt Dominique König. Dähler will jeden seiner Vorgesetzten strahlen lassen. Manchen greift er bei den Reden unter die Arme. Für andere schreibt er ganze Drehbücher, in denen er die Eventualitäten des Politwahnsinns skizziert. Massnahmenplan für einen ausrastenden Grossrat inklusive.

In Basel angekommen

Überhaupt ist Dähler des Lobes voll für die hiesige Diskussionskultur. Es stammt aus berufenem Munde: Dähler beschäftigt sich leidenschaftlich mit den verschiedensten Parlamenten, kennt Gepflogenheiten und Geschäftsordnungen in Genf, Luzern, im Tessin aber auch im Ausland. «Basel ist zu klein, um nachtragend zu sein. Zudem sorgt das multikulturelle Dreiländereck für mehr Offenheit.» Einen Punkt streicht Dähler aber besonders hervor: die Sitzordnung im Rathaus. In Basel sitzen die Parlamentarier nach Wahlkreisen, nicht nach Fraktionen. «Das erweitert den Horizont. Das täte auch dem Bundesparlament gut.»

Es geht weit über die Administration hinaus, wenn Thomas Dähler dafür sorgt, dass die Grossräte sich untereinander gut verstehen. Beispielsweise, indem er Grossratsreisli organisiert. Sein verschrobener aber feiner Humor blitzt dann wieder auf, wenn er den Briefkopf auf der Einladung von Grossrats- zu Reisebüro ändert. Solche Veranstaltungen wickelt er dennoch mit jener Akribie ab, mit der er früher die Fahrzeiten zwischen Rennweg und Albisgüetli berechnete. Bevor Dominique König ihre Kollegen ins Berner Oberland einlud, ging er die gesamte Route rekognoszieren. Selbstverständlich nimmt er dann selbst auch teil. Der leidenschaftliche Biertrinker zeigt sich dann von seiner geselligen Seite, bis er abends urplötzlich aufsteht und sagt: «So ich muss los. Ich muss noch Milch kaufen gehen.»

Nach 13 Jahren im Parlament hat Dähler nicht nur sein Herz an die hiesige Politikkultur, sondern auch an die Stadt verloren. Auch nach seiner Pensionierung im nächsten März würde er gerne hierbleiben, vielleicht ein Jus-Studium beginnen. Wobei, so richtig hier ist er ja nicht. Er wohnt in Zürich, zusammen mit seiner Frau, die beiden Kinder sind schon lange ausgezogen. Im St. Johann hat der Wochenaufenthalter noch eine kleine Wohnung, denn es wird oft spät. Und wenn nicht, sitzt er auf den Töff und fährt zusammen mit Datenschützer Beat Rudin auf eine Spritztour in den Jura.

Meist aber fällt aber auch noch dann etwas Arbeit an, wenn die Lichter im Rathaus bereits erloschen sind. «Wenn die Grossräte die Tagesschau zu Ende gesehen haben, verzeichnen wir jeweils mehr Zugriffe auf unsere Website», sagt Dähler. Dann kann es schon sein, dass er noch einige Informationen zusammenstellt, eine Auskunft erteilt. Kleine Ämtchen zwar, doch sie erfordern Geduld und Hingabe. Wie in jeder Ehe.

Meistgesehen

Artboard 1