Relative Age Effect
Vielen Nachwuchstalenten gibt der FC Basel nie eine Chance

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das gilt besonders für Kinder in Sportvereinen. Karriere machen jene, die im ersten Quartal zur Welt kamen.

Samuel Hufschmid
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Mit Massnahmen wie den Kids-Camps (hier vom April 2015) versucht der FCB, dem «Relative Age Effect» entgegenzuwirken.

Mit Massnahmen wie den Kids-Camps (hier vom April 2015) versucht der FCB, dem «Relative Age Effect» entgegenzuwirken.

fcb.ch/Sacha Grossenbacher

12 von den 14 F- und G-Junioren des FCB haben im Januar oder Februar Geburtstag. Und die anderen zwei sind ebenfalls im ersten Halbjahr 2007 respektive 2008 geboren, wie eine Analyse der bz zeigt. In der Sportwissenschaft ist diese ungleiche Altersverteilung seit Jahren als «Relative Age Effect» (RAE) bekannt. In Dutzenden internationalen Studien konnte der RAE schon nachgewiesen werden, sagt Sportwissenschafter Michael Romann von der Eidgenössischen Hochschule für Sport Magglingen (EHSM). «Der Grund dafür ist, dass bereits bei den Junioren zu sehr auf die aktuelle Leistung der Spieler geachtet wird – und da haben Januar-Kinder einen massiven Vorteil gegenüber den im Dezember Geborenen, bei Sechsjährigen sind zirka 16 Prozent körperlicher und geistiger Entwicklungsvorsprung.»

Anzahl Jugendliche im FCB-Nachwuchs aufgeschlüsselt nach ihrem Geburtsmonat. Foto: Keystone

Anzahl Jugendliche im FCB-Nachwuchs aufgeschlüsselt nach ihrem Geburtsmonat. Foto: Keystone

fcb.ch

Das Phänomen zieht sich durch die ganze Juniorenabteilung des FCB durch, wie die weitere Analyse zeigt. Von den 195 Nachwuchs-FCB-Spieler ist fast die Hälfte in den ersten drei Monaten des Jahres geboren und nur drei feiern im Dezember Geburtstag. Geht man davon aus, dass talentierte Fussballer gleichmässig über das Jahr verteilt zur Welt kommen, und das Talent nicht wie im Titel behauptet vom Sternzeichen abhängt, sind Dezember-Kinder im FCB-Nachwuchs fünffach untervertreten.

Mit den Zahlen der FCB-Juniorenabteilung konfrontiert, sagt Sportwissenschafter Romann: «Das ist schon ein extrem ausgeprägter relativer Alterseffekt.» Es erstaune ihn, dass beim FCB nicht mehr getan werde, um dem RAE entgegenzuwirken um so die Spieler mit dem höchsten Potenzial zu fördern. «Wir gehen davon aus, dass bei einer Altersverteilung wie in der FCB-Juniorenabteilung bis zu 20 Prozent potenzieller Talente verloren gehen», sagt Romann.

Beim FCB ist man sich des Problems durchaus bewusst, wie Nachwuchs-Leiter Adrian Knup sagt. «Es wird aber bereits einiges getan, um die vielversprechendsten Talente zu selektionieren.» Drei konkrete Projekte zählt Knup auf: Die viermal jährlich durchgeführten «Spiel-dich-zu-den-Bebbi»-Probetrainings; die am Samstagmorgen stattfindenden, offenen Fördertrainings der Sportschule Bebbi für 5- bis 9-Jährige und ein nach den Sommerferien erstmals startendes Projekt im Rahmen des freiwilligen Schulsports.

«All diese Massnahmen zielen darauf ab, dass wir bei der Auswahl mehr in die Breite und noch stärker auf das Bewegungspotenzial der Spieler schauen und nicht auf ihre aktuelle Leistungsstärke.» Der FCB wolle diesbezüglich eine Vorreiterrolle einnehmen, aber das sei gar nicht so einfach und brauche Zeit. «Das Umdenken muss auch bei den Juniorentrainern und den Scouts ankommen, die noch stärker auf die Entwicklung der Spieler statt auf Titel fokussieren sollten. Für uns als Club ist es nicht so wichtig, wie viele Nachwuchs-Titel wir gewinnen, sondern dass wir die besten Spieler so weit bringen, dass sie in der ersten Mannschaft mitspielen und bei überragenden Leistungen dann auch zu anderen Clubs transferiert werden können», sagt Knup.

Alleingang ist schwierig

Die Bemühungen der FCB-Verantwortlichen sind sichtbar, aber zeigen offenbar noch zu wenig Wirkung, wie die von der bz analysierte Altersverteilung zeigt. Knup sagt: «Wir müssen das ganz genau beobachten und in ein, zwei Jahren schauen, ob unsere Massnahmen greifen.» Tiefgreifendere Einschnitte vorzunehmen, etwa das Abweichen von strikten Jahrgängen als Abgrenzung der Liga-Stufen, sein aber als einzelner Club kaum machbar. «Da ist der Fussballverband gefordert, der auf die neue Saison hin auch bereits eine erste Anpassung eingeführt hat, nämlich eine Quote für spät im Jahr geborene Spieler ab Stufe U12.»

Dass dem relativen Alterseffekt am besten via Vorgaben der Liga Einhalt geboten wird, findet auch Romann. «Aus sportwissenschaftlicher Sicht wäre es beispielsweise sehr sinnvoll, den Stichtag von Jahr zu Jahr zu rotieren», sagt Romann. Beispielsweise so, dass die Junioren immer während eines Jahres und drei Monaten auf einer Stufe verbleiben, sodass alle einmal zu den Älteren gehören. «In diversen Gesprächen haben wir aber festgestellt, dass sich die Clubs vor zu hohen administrativen Hürden fürchten – was eigentlich unverständlich ist, wenn man betrachtet, wie viel in die Ausbildung von Nachwuchsfussballern investiert wird.»