Vitra bleibt der Region treu und sichert sich im südbadischen Neuenburg am Rhein, 25 Kilometer nördlich von Basel, Expansionsflächen von mehr als 160 000 Quadratmetern – das entspricht der Grösse von rund 20 Fussballfeldern.

Der Kaufvertrag wurde vor mehreren Tagen vom Geschäftsführer der Vitra-Tochter Contura und dem Neuenburger Bürgermeister Joachim Schuster unterzeichnet. Contura hatte in der Neuenburger Industriezone bereits 1992 eine erste Produktionshalle mit einer Nutzfläche von 6000 Quadratmetern erstellen lassen. 2008 folgte mit 13 000 Quadratmetern ein weiteres Werk. «Seither werden hochwertige Designerprodukte wie Büromöbel und Wohnaccessoires in Neuenburg am Rhein endmontiert und in die ganze Welt verschickt», heisst es in der Pressemitteilung des Bürgermeisters.

Contura wird darin als stark wachsender Zulieferbetrieb des Designmöbel-Produzenten Vitra bezeichnet. «Durch die Erweiterungsfläche ist die Voraussetzung für eine weitere Expansion am Standort Neuenburg am Rhein geschaffen worden», lässt sich Ulrich Eberhardt von Vitra in der Medienmitteilung zitieren.

Aushängeschild Weil am Rhein

Der Sitz des Unternehmens, das in der ganzen Welt tätig ist, befindet sich in Birsfelden. Produktionsstätten sind neben Weil am Rhein und Neuenburg Allentown (USA), Zhuhai (China), Goka (Japan) und Szombathely (Ungarn). Mit dem Vitra-Haus, dem Vitra Design Museum und dem Campus, der von weltweit renommierten Architekten gebaut worden ist und auf dem regelmässig Führungen stattfinden, ist Weil am Rhein eine Art Aushängeschild der Firma.

Seinem Anspruch, exklusive Architektur zu schaffen, ist Vitra auch bei den bereits erwähnten Industriebauten in Neuenburg treu geblieben. So wurde der Auftrag an den Mailänder Architekten und Designer Antonio Citterio vergeben. In einem Beitrag im Vitra Magazin beschreibt Autor Klaus Siegele die «zwei fast zwillingsgleichen Bauten, die sich mit hohem Niveau, klarem Stil und fester Ordnung dem Chaos der dahingewürfelten Industriebauten entgegenzustemmen versuchen».

Citterio blieb bei den Bauten seinem Markenzeichen «der Reduktion, die sich allein auf die Funktion fokussiert» treu. Bereits der erste Hallenbau stellt mit seinen «glänzenden Aluminium-Sandwich-Paneelen» den direkten Bezug zu einem Material her, aus dem Vitra auch Stühle und Möbel herstellt. In beiden Hallen wird das Tageslicht optimal genutzt. Bei der Neukonzeption 2008 analysierte Citterio die energetischen und betrieblichen Kennwerte der älteren Halle und erschuf ein Gebäude, das vom Energieverbrauch her hohen Ansprüchen genügt.

Auswirkungen auf Birsfelden offen

Das von Vitra in Neuenburg zugekaufte Gelände ist bereits gerodet, muss aber noch erschlossen werden. Laut der «Badischen Zeitung» hatte sich das Unternehmen auch für andere Standorte wie Leipzig interessiert. Wann die Vitra-Tochter Contura mit dem Bau beginnen will und was in Neuenburg geplant ist, ist derzeit ebenso unklar wie die Frage, ob die Investition Auswirkungen auf die Standorte in Weil am Rhein und Birsfelden haben wird – die für Vitra zuständige Medienstelle reagierte die ganze letzte Woche nicht auf Anfragen der bz.

Laut Neuenburgs Bürgermeister Joachim Schuster steht der Vitra-Tochter Contura baurechtlich eine Nutzfläche von bis zu 60 000 Quadratmetern für Produktion und Logistik zur Verfügung. Für Neuenburg ist es der grösste Verkauf eines zusammenhängenden Industriegebiets seit den 1970er-Jahren. Die Stadt hatte 1990 rund 25 Hektaren Industriezone erworben. Auf einem Teil davon haben sich in der Zwischenzeit mehrere Betriebe angesiedelt – Neuenburg weist bei einer Einwohnerzahl von knapp 12 000 heute insgesamt 4500 Arbeitsplätze aus. Durch die Vitra-Erweiterung könnten noch einmal einige Hundert hinzukommen.

Der Preis für die von Vitra erworbenen 16 Hektaren ist nicht bekannt. Die Stadt konnte damit aber die für den damaligen Erwerb nötigen Kredite tilgen. Eine Million Euro aus dem Erlös muss für die Infrastruktur investiert werden. Ausserdem kann Neuenburg die für den kommenden Haushalt geplante Kreditaufnahme von einer Million Euro halbieren – schlecht kann das Geschäft also nicht gewesen sein.

Ein neuer Park am Rhein

Aber auch für Vitra lohnt sich der Deal, denn der Standort Neuenburg wird in einigen Jahren erheblich attraktiver werden. So ist für 2022 eine Landesgartenschau mit 41 Hektaren grossen Grünanlagen direkt am Rhein und einer neuen Autobahnüberbauung geplant. Mit dem Stadtentwicklungsprogramm will das Städtchen sich den Zugang zum Rhein zurückerobern. Bis 1850 lag Neuenburg direkt am Fluss, bis es durch die Rheinkorrektur von Tulla, dem Bau des Rheinseitenkanals und der Autobahn vom Rhein getrennt wurde.