Sommerinterview
Volkshaus-Betreiber: «Ich suche tolle Objekte, denen der ‹Drive› fehlt»

Der 34-jährige Zürcher Leopold Weinberg hat mit Adrian Hagenbach per 1. Juli 2011 das Volkshaus Basel übernommen. Durch gezielte Umbauarbeiten, innovative Gastronomie und vielseitige Eventveranstaltungen soll das Volkshaus neu belebt werden.

Muriel Mercier
Drucken
Teilen
Leopold Weinberg möchte in naher Zukunft im Kopfbau des Volkshauses ein Hotel mit 24 Zimmern eröffnen.

Leopold Weinberg möchte in naher Zukunft im Kopfbau des Volkshauses ein Hotel mit 24 Zimmern eröffnen.

Kenneth Nars

Leopold Weinberg, wer sind Sie?

Leopold Weinberg: Ich komme aus Zürich und bin Architekt. Ich habe an der ETH Zürich studiert und mein Diplom im ETH Studio Basel bei den Professoren Jacques Herzog und Pierre de Meuron absolviert. Seit zwei Jahren arbeite ich selbstständig zusammen mit meinem Geschäftspartner Adrian Hagenbach. Immobilienentwicklung ist unsere Haupttätigkeit. Beispielhaft sind unsere Bemühungen rund um das Projekt Volkshaus Basel. Wir haben die Immobilie sowie die Traditionsbeiz Mitte 2011 übernommen.

Was ist denn Ihre Aufgabe als Immobilienentwickler?

Wir arbeiten Nutzungsprojekte aus und entwickeln den Inhalt eines Gebäudes. Wir haben uns auf Problemliegenschaften spezialisiert, die bereits eine interessante Geschichte haben. Unser erstes Konzept arbeiteten wir für das Hotel Restaurant Helvetia in Zürich aus.

Was meinen Sie mit «Problemliegenschaft». Sind Sie gerne auf der Suche nach Problemen, die Sie dann lösen dürfen?

Das würde ich so nicht sagen. Wir suchen tolle Objekte, denen aber der «Drive» abhandengekommen ist. Wir möchten einen rohen Diamanten glänzend schleifen, aus dem Dornröschenschlaf wach küssen. Die «Helveti» haben wir zum Hotel Restaurant Helvetia erweitert, und damit ein charmantes Boutique-Hotel mit 16 Zimmern dem denkmalgeschützten Haus einbeschrieben. Wir haben klassische Jugendstilelemente mit modernem Interieur kombiniert. Idealerweise können wir die Liegenschaft jeweils vor deren Umnutzung kostengünstig erwerben. Im Fall Volkshaus Basel gelang uns eine kostengünstige Übernahme im Baurecht dank gewonnenem Wettbewerb.

Das heisst, Ihr Ziel war im 2011, dem Volkshaus «Drive» zu geben?

Ja, das war aber nicht einfach. Das Volkshaus ist ein Ort der Begegnung und hat als Restaurant Tradition. Das heisst, die Basler hatten und haben immer noch Anforderungen, weil bereits Meinungen und Vorstellungen über das und zu dem Haus bestanden. Jetzt gibt es das Volkshaus unter unserer Leitung seit bald zwei Jahren und es funktioniert. Wir mussten aber zuerst herausfinden, was für die Basler geht und was nicht.

Welche Konzepte haben Sie ausprobiert?

Am Anfang hatten wir die Bar ab 6 Uhr geöffnet. Wir dachten, das sei eine gute Idee. Als wir realisiert haben, dass wir bis 10 Uhr vier Kaffees verkaufen, haben wir wieder aufgehört. Das sind natürliche Anpassungen, die man vornimmt. Wir haben ehrlich gesagt gehofft, die Basler kommen proaktiver auf uns zu.

Wie meinen Sie das?

Ich habe mir gewünscht, die Leute reden mehr mit uns über ihre Vorstellungen zum neuen Volkshaus. Man findet in uns offene Geschäftspartner. Ich bedauere, dass der Tenor eher war: «Macht einfach mal und wir schauen dann weiter.»

Eine Ihrer Ambitionen ist es, Kunst mit Ihren Projekten zu verbinden. Das haben Sie vor zwei Jahren bereits so kommuniziert. Wie tun Sie das im Volkshaus?

Wir wollen nicht nur während der Kunstmesse Art Basel die Kunst-Schiene fahren. Eines unserer Formate nennt sich «Arts Club»: Ein Ausschuss an kunstaffinen Leuten geht unabhängige Kuratoren an. Wir wollen diesen für ihre Kuratorien gratis Räume im Volkshaus, die Infrastruktur und unsere soziale Vernetzung zur Verfügung stellen. Zudem wollen wir Lesungen organisieren und das Konzept «Arts Club zu Besuch» ins Leben rufen. Dort arbeiten wir mit Institutionen wie der Fondation Beyeler zusammen, laden unseren Freundeskreis oder Kulturinteressierte zu einer Führung und danach zum Essen ins Volkshaus ein. Das Essen findet in der Brasserie oder in einem Saal voller Kunst statt, den die von uns gesuchten Kuratoren gestaltet haben. Ziel ist neben dem Kulturellen ein soziales: das Zusammenbringen von verschiedenen Freundeskreisen.

Sie kommen aus Zürich und haben dort bereits Erfahrungen in der Gastro-Szene gesammelt. Was war Ihr Eindruck von der Gastro-Szene in Basel, als Sie vor zwei Jahren hierhergekommen sind?

Ich habe ja während meines Studiums schon in Basel gewohnt und deswegen die Restaurants und Bars bereits gekannt. Als Student war die Cargo Bar mein zweites Zuhause. Ich mag die Basler Traditionsbeizen sehr. Aber die Gastro-Szene ist im Vergleich zu Zürich und vor allem zu anderen Grossstädten eher verhalten. Warum, ist klar.

Warum?

In Basel leben zu wenig Leute. In London sind die Restaurants um 15 Uhr immer noch oder schon wieder pumpenvoll. Das ist ein schweizweites Problem. Man geht zwischen 12 und 13.30 Uhr Mittagessen, danach stressen alle wieder ins Büro. Die Anzahl Leute ist limitiert. Zudem ist es heute schwierig, Mitarbeiter zu finden, die sich mit Leib und Seele mit dem Betrieb identifizieren können. Es ist eher so, dass ein Angestellter kündet, wenn ihm etwas nicht passt.

Wie sind Sie als Architekt in die Gastro-Szene gerutscht?

Als Architekt hat man lange Arbeitstage. Ich bin nach Feierabend immer noch ausgegangen und habe hobbymässig auch als DJ gearbeitet. Zudem hatte ich immer eine Affinität zur Gastronomie. Dann gibt es zwei Varianten: Entweder man hat viel Geld und kann sich seine Träume erfüllen. Oder - so habe ich es gemacht - man veranstaltet Partys, gelangt auf Gästelisten und kommt so in Kontakt mit anderen Leuten aus der Gastro-Szene.

Sie haben als Zürcher der Basler Traditionsbeiz Volkshaus ein neues Konzept verpasst. Die Basler und die Zürcher geben sich häufig als Rivalen. Hatten Sie wegen Ihrer Herkunft mal Probleme hier?

Nein, aber ich hatte ja schon Freunde in Basel. Ich glaube, die Rivalität läuft nur über den Fussball. Dieser Städtevergleich soll mal aufhören. Basel und Zürich sind zwei Paar Schuhe. Und im Fussball ist Basel nun mal besser. Die Leute, die auf der Rivalität herumreiten, interessieren mich nicht. Ich wurde auf jeden Fall herzlich in Basel aufgenommen. Schliesslich kommt es auf einen selbst an, wie man sich gibt. Arroganz hilft da nicht.

Man sagt von den Baslern, Sie seien skeptisch gegenüber neuen Ideen. Sie haben im Volkshaus mit der «Saturday Afternoon Party» etwas Neues nach Basel gebracht. Am ersten Samstag im Monat kann man bereits ab 15 Uhr Drinks trinken und Party machen. Das Konzept läuft. Wie haben Sie das geschafft?

Man muss die richtigen lokalen Partner haben, hartnäckig bleiben und Ausdauer beweisen. Wir haben viele Formate in der Pipeline, die wir umsetzen möchten. Am 31. Juli zum Beispiel organisieren wir das Kleinbasler Schwing- und Älplerfest.

Sie sprechen von weiteren Umbauphasen. Gibt es nächste Projekte?

Ja. Im Kopfbau des Volkshauses an der Rebgasse ist die Stadt eingemietet, unter anderem mit dem Zentralen Personaldienst und der Berufsberatung. Da sich die Stadt überlegt, auszuziehen, heisst das für uns, dass wir neue Nutzungen suchen müssen. Wir stellen uns ein Hotel mit 24 Zimmern vor. Auf der zweiten Hälfte der Fläche sollen Büroräumlichkeiten entstehen. Der Vorteil bei einer Zweiteilung ist, dass wir weniger Geld investieren müssen und das Mietrisiko diversifizieren können. Somit brauchen wir kein zusätzliches Personal, weil man an der Bar einchecken kann. Ein zweites Projekt, das wir umsetzen möchten, ist ein Club.

Auch im Volkshaus?

Im Sancho-Pancho-Keller. Dieser stammt aus dem 14. Jahrhundert und der Eingang befindet sich am Schafgässlein. Unsere Idee ist, für etwa 150 Leute einen kleinen, feinen Club zu machen für ein Publikum ab 25 Jahren. Entweder machen wir es selber oder wir suchen einen gut vernetzten lokalen Betreiber. In Gesprächen sind wir bereits. Aber wir sind immer noch offen für Interessenten mit entsprechendem Profil.

Das heisst, der Club ist nicht nur eine Idee?

Wir wollen im nächsten Jahr starten. Wann genau, ist noch unklar.

In Basel ist Lärm am Abend ein grosses Thema, auch politisch. Seit ein paar Monaten müssen Beizer ab 22 Uhr ihre Hinterhöfe schliessen. Ist das ein Basler Problem oder kennen Sie das aus Zürich auch?

Es kommt nicht von ungefähr, dass sich in Zürich viele Clubs anfangs der Jahrtausendwende nach Zürich West verlagert haben: in ein Industriequartier, wo Lärmbelastungen möglich sind. Sobald der Ort dann aber bevölkert wird, wird der Lärm zum Problem. Wir sind mit der Lage des Volkshauses natürlich privilegiert. Unsere Nachbarn sind Geschäftsliegenschaften und ein Altersheim, dessen Zimmer nicht direkt gegen uns ausgerichtet sind. Dass die Beizer die Hinterhöfe um 22 Uhr wegen Lärm schliessen müssen, ist lächerlich. Das ist etwa so, wie wenn jemand in die Nähe eines Flughafens zieht und sich dann über den Fluglärm beklagt.

Kommen wir nun noch zu Ihnen persönlich. Wo halten Sie sich in Basel am liebsten auf?

In Basel verbringe ich viel Zeit in unserem Betrieb. Sonst interessiere ich mich für Kunst und besuche die Fondation Beyeler, habe Kontakt zu Architekten und Galeristen. Zurzeit lebe ich allerdings nur zwei Tage die Woche in Basel.

Was macht Basel lebenswert?

Basel hat einen eigenen Charme. Die Stadt ist sicher gemütlicher als Zürich, die Leute weniger gestresst. Das kulturelle Angebot ist unheimlich reich. Und die Lage ist natürlich toll. Man kann einfach über die Grenze hüpfen und in Deutschland oder Frankreich zu Abend essen. Was ich an den Basler Gästen auch schätze, ist, dass sie wieder kommen, wenn es ihnen im Restaurant gefallen hat. Umgekehrt bleiben sie aber fern, wenn man etwas falsch gemacht hat.