Eigentlich geht das gar nicht. Im Alter von zwölf Jahren ist Mutherem Aras (51) mit ihren Eltern und ihren vier Geschwistern aus einem winzigen «Kuhdorf», wie sie selber sagt, aus Ostanatolien nach Deutschland gekommen. Sie sprach kein einziges Wort Deutsch. Heute hat sie ein abgeschlossenes Studium in Wirtschaftswissenschaften, ein Steuerberatungsunternehmen mit zwölf Mitarbeitern und ist Landtagspräsidentin im Parlament von Baden-Württemberg. «Wenn Sie mit Soziologen reden, würden diese meinen Werdegang für nahezu unmöglich halten.»

An ihrem ersten Schultag in der fünften Klasse einer Primarschule im Raum Stuttgart stand Mathematik auf dem Stundenplan. «Das funktioniert in der Türkei natürlich genauso», erzählt Aras. Als die Lehrerin fragte, wer die Aufgabe gelöst habe, hat sie die Frage nicht verstanden. Zum Glück sass Annette neben ihr. Das blonde, langhaarige Mädchen nahm Mutherems Arm, streckte damit auf und ehe sie sich versah, stand sie an der Tafel.

Politik zu machen, hat die gebürtige Kurdin und Alevitin bei den Grünen begonnen. Der Aufstieg war steil: Abgeordnete im Stuttgarter Stadtparlament, dort Fraktionsvorsitzende und 2011 mit dem Rekordergebnis von 42,5 Prozent der Stimmen Landtagsabgeordnete. 2016 schnitt sie genauso gut ab und wurde im Mai des gleichen Jahres zur Landtagspräsidentin gewählt – als erste Frau, erste Grüne und erste Politikerin mit Migrationshintergrund. Das haben nicht alle goutiert.

Baden-Württemberg ist mit 47 Landtagsabgeordneten und 30,3 Prozent der Stimmen eine Hochburg der Grünen, wo sie mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten stellen. Mit derzeit 21 Abgeordneten ist aber auch die rechtspopulistische AfD im Landtag stark vertreten. Sie verweigerten Aras nach ihrer Wahl den Applaus und setzen der Landtagspräsidentin immer wieder stark zu. Das sei der Anfang der Islamisierung Deutschland, lautete eine Kritik. «Dass manche Menschen in mir die personifizierte Provokation sehen, gibt es natürlich. Aber der ganz überwiegende Teil der Gesellschaft reagiert sehr positiv auf mich», sagt Aras dazu.

Mit der AfD wurde der Ton rauer

Seitdem sie im Amt ist, musste sie bereits fünf Ordnungsrufe erteilen und einmal einen Politiker des Saales verweisen. Betroffen waren immer AfD-Abgeordnete. In der ganzen Legislaturperiode von 2011 bis 2016 gab es hingegen keine einzige disziplinarische Massnahme. Die AfD war noch nicht im Parlament. «Der Ton ist deutlich rauer geworden», kommentiert Aras. Dennoch plädiert sie für einen offensiven Umgang mit der AfD und für den Austausch von Argumenten.

«Als Landtagspräsidentin habe ich ein Interesse daran, dass die Debatten lebendig sind. Sie dürfen auch zugespitzt und kontrovers sein.» Die Grenze sei allerdings dann überschritten, wenn es völkisch, antisemitisch, rassistisch und rechtsradikal werde. «Fair und respektvoll» müsse es zugehen, diese Ausdrücke fallen im Laufe des Gesprächs mehrfach.

Am heutigen Montag, 6. November, kommt Aras in die Region Basel, um in Binzen bei Lörrach an einer Veranstaltung zum Extremismus am Oberrhein teilzunehmen und zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt zu reden. Vorher trifft sie in Augusta Raurica die Landratsspitze – ein Treffen, das auf die Initiative des ehemaligen grünen Landratspräsidenten Philipp Schoch zurückgeht. Vor einigen Wochen waren Grüne aus der Schweiz zu Besuch bei den Parteikollegen in Stuttgart (siehe Box). Aras mag sich zu den Beziehungen zu den Schweizer Grünen nur allgemein äussern. Sie vermeidet in ihrem Amt parteipolitische Äusserungen und fühlt sich der Neutralität verpflichtet. Dies umso mehr, als dass sie wegen ihrer vermeintlichen Parteilichkeit beständig unter Beschuss der AfD steht.

Deutschland war die Rettung

Wirklich Sorgen muss man sich um Aras wohl nicht machen. Sie ist zierlich, aber ein einziges Energiebündel und vor allem: Sie weiss sehr genau, was sie will. Diese Durchsetzungsfähigkeit hat sie von ihrer Mutter geerbt. Diese war die treibende Kraft beim Umzug der Familie nach Deutschland. Selber Analphabetin hat sie sehr darunter gelitten, dass sie als Mädchen nicht zur Schule gehen durfte und klar erkannt, dass eine Befreiung aus den patriarchalischen und autoritären Strukturen nur durch Auswanderung zu erreichen war. «Sie hat meinem Vater die Pistole auf die Brust gesetzt zu gehen», erzählt Aras. Deutschland sei die Rettung gewesen.

Einmal dort angekommen haben die Eltern alles dafür unternommen, um ihren fünf Kindern, auch und vor allem den Mädchen, den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Ausserdem erzogen sie sie ausgesprochen liberal: Ferien im Landschulheim, Schwimmunterricht, Tanzstunde oder Übernachten bei einer befreundeten deutschen Bauernfamilie waren auch für Mutherem möglich. «Meine Eltern sind da manchmal innerhalb der türkischen Community ziemlich unter Druck gekommen», erinnert sich Aras. Nur einen Freund durfte sie nicht haben. Aras hat das so gelöst, dass sie mit 20 geheiratet hat. Das Ehepaar hat zwei Kinder, die heute 20 und 16 Jahre alt sind.

In Bezug auf den Islam vertritt Mutherem Aras sehr pointierte Positionen, die sich bisweilen von denen vieler ihrer grünen Parteifreunde abheben dürften. So findet sie es «nicht zeitgemäss», dass in der Türkei ausgebildete Imame in Deutschland tätig sind. «Wir sollten das selber in die Hand nehmen.» In der Schule müssten die Kinder an allen Fächern wie Sport, insbesondere Schwimmunterricht, Biologie oder Aufklärung teilnehmen. «In meinen Augen steht das Kindeswohl und ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Leben über der Religionsfreiheit der Eltern.»

Religionsfreiheit steht in der Verfassung

Der Tschador oder die Vollverschleierung gefallen ihr überhaupt nicht. «Ich will den Menschen in die Augen blicken können.» Dennoch findet sie nicht, dass es die Aufgabe des Staates sei zu bestimmen, wer was anziehen dürfe. «Im Staatsdienst arbeiten aber dürfen sie nicht.» Minarette zu verbieten, kommt für sie hingegen nicht infrage. «Es gibt ein Baurecht. Solange eine Moschee sich dem unterordnet, habe ich nichts dagegen.»

Entscheidend ist für Aras die deutsche Verfassung, das Grundgesetz. «Die Religionsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Sie gilt auch für den Islam, wie für jede Religion.» Dabei müsse man zwischen Islamismus und Islam unterscheiden. Selber steht sie zu ihren kurdischen, türkischen und alevitischen Wurzeln, übt ihre ursprüngliche Religion aber nicht aktiv aus. Sie fühlt sich als Deutsche. «Das ist meine Heimat.» Deshalb stört und ärgert es sie auch, dass sie in vielen Medienberichten über ihre Tätigkeit als Landtagspräsidentin als Muslima bezeichnete wurde. «Man titelt ja auch nicht, dass ein Ministerpräsident Katholik oder Protestant ist.»

Als Politikerin interessiert sie sich vor allem für das Thema Bildung. Auf dem Links-Rechts Schema mag sie sich nicht verorten. «Die grünen Ideen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das entspricht mir sehr.»

Neben ihren Eltern ist Aras der deutschen Gesellschaft und ihrer Offenheit dankbar, die ihr die Chance gab, ihren Weg zu gehen. Am meisten in Deutschland aufgefallen ist Mutherem Aras und ihren Geschwistern bei ihrer Ankunft, dass dort Frauen sogar Auto fahren. «Wenn dem Bauernmädchen, das ich damals war, jemand gesagt hätte, dass es einmal Präsidentin des Landtags wird, hätte ich ihn für verrückt erklärt.»