Analyse

Vom «Basler Stil» und mimosenhaften Kämpfern

Das Fünferticket wettert bei ihrer Pressekonferenz über den bürgerlichen Wahlkampf.

Das Fünferticket wettert bei ihrer Pressekonferenz über den bürgerlichen Wahlkampf.

Auf einen Wahlkampf haben wir Wähler ein Recht. Sonst müssten wir annehmen, dass den Politikern mehr an ihrem Seelenfrieden gelegen ist, als am Amt, um das sie sich bewerben.

Crooked Hillary – so nennt der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump seine Gegnerin Hillary Clinton. Die unehrliche, verschlagene Hillary. Das ist selbst für amerikanische Verhältnisse schlechter Stil. In den USA, wo im Wahlkampf jedes noch so private Detail aus dem Leben des Gegners als Munition dienen darf, überschreitet Trump derzeit laufend rote Linien.

In Basel könnte man annehmen, es gehe ähnlich zu. Zumindest wenn man sich vergangene Woche anhörte, was Regierungsrätin Eva Herzog zu sagen hatte. Die Bürgerlichen seien «sehr destruktiv», «locker im Umgang mit den Tatsachen» und würden vor «Unterstellungen und Unwahrheiten» nicht zurückschrecken. Kurz, sie pflegten keinen «Basler Stil».

Diesen «Basler Stil» hatte Noch-Regierungsrat Christoph Eymann (LDP) bereits in die Waagschale geworfen, als er vor einigen Wochen dem Chefredaktor der «Basler Zeitung», Markus Somm, in dessen Zeitung die Leviten las. Somm hatte von den Bürgerlichen mehr Aggressivität im Wahlkampf gefordert, Eymann liess ihn wissen, in Basel, wo man des Abends gerne gemeinsam mit dem politischen Gegner ein Bierchen trinke, habe dies keinen Platz.

Es fragt sich nun aber, was denn nun gemeint ist, wenn von «Aggressivität» und «Stil» die Rede ist. Dass die Parteien die Dinge etwas anders sehen, heisst noch nicht, dass auch der Basler Wahlkampf im postfaktischen Trump-Zeitalter angekommen ist. Wenn Herzog sagt, die Bürgerlichen würden «auf alles schiessen, was sich bewegt», muss man sich als Beobachter des lauen Wahlkämpfchens die Augen reiben.

Die Einzigen, die bisher auf den Mann gespielt haben, waren die Jungsozialisten, als sie das bürgerliche Viererticket als «Gruselkabinett» bezeichneten. Und auch das ist eher eine Beleidigung aus der Kategorie «häärzig». Es war der hilflose Versuch zu provozieren, weil einem nichts Besseres einfällt. Die linke Jungmannschaft praktizierte, was Herzog dem Gegner vorwirft.

Doch ist das wirklich so schlimm? Wofür soll ein WahlKAMPF gut sein, in dem nicht gekämpft, sondern gekuschelt wird? Wie soll der Wähler entscheiden, wer Sieger ist, wenn die Kontrahenten sich gegenseitig mit Wattebäuschen bewerfen, statt mit Argumenten und scharfen Worten? Der «Basler Stil». Heisst das, dass die grosse Kuschelrunde ausgebrochen ist? Dass man sich politisch korrekt und liebevoll auf die Yogamatte hockt, Ayurvedatee schlürft und seine Differenzen in Ich-Botschaften formuliert?

«Nur durch den Kampf, und zwar in allen Zeiten und Fragen der Weltgeschichte, erfährt der Mensch, was er eigentlich will und was er kann.» Dieser Satz stammt nicht von einer Kriegsgurgel aus Herrliberg, sondern von einem, der etwas wusste über den «Basler Stil», nämlich von Jacob Burckhardt. Und auf den Wahlkampf gemünzt muss man ergänzen: nur durch die Beobachtung des Kampfes weiss der Mensch, wen er wählen will.

Dass sich Politikerinnen und Politiker dem entziehen wollen, grenzt an Arbeitsverweigerung. Oder empfinden sie nach einigen Amtsjahren Kritik als Majestätsbeleidigung? Ja, man soll bei den Fakten bleiben. Ja, Privates soll privat bleiben. Und ja, sich zu beleidigen, das brauchen wir nicht.

Aber auf einen Wahlkampf haben wir Wähler ein Recht. Sonst müssten wir annehmen, dass den Politikern mehr an ihrem Seelenfrieden gelegen ist, als am Amt, um das sie sich bewerben. Und den Linken seien noch Worte ihres Säulenheiligen Bertolt Brecht auf den Weg gegeben: «Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.»

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Autor

Nicolas Drechsler

Nicolas Drechsler

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