Riehen
Vom Feuerteufel bis zur Kantonsfusion: Willi Fischer hat seinen letzten Arbeitstag

Bevor in Riehen eine neue Ära beginnt, zieht der langjährige Gemeindepräsident Willi Fischer Bilanz. An seinem letzten Arbeitstag erzählt er von seiner langen Politikkarriere und gibt seinem Nachfolger Tipps mit auf den Weg.

Tobias Gfeller
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«Ich bin teilweise amtsmüde.» Willi Fischer nach 35 Jahren in der Riehener Politik.Martin Töngi

«Ich bin teilweise amtsmüde.» Willi Fischer nach 35 Jahren in der Riehener Politik.Martin Töngi

Herr Fischer, gehen wir gleich in medias res und seien wir ehrlich dabei: Der Kanton Basel-Stadt braucht Riehen doch nur, um von den Wohlhabenden Steuern zu kassieren, im Grünen spazieren zu gehen und über Riehens Strassen nach Lörrach zu fahren.

Willi Fischer: Die Stadt Basel kann froh sein, dass es Riehen und Bettingen gibt und sie nicht nur ein Stadtstaat ist. Das grosse grüne Dorf Riehen hat Qualitäten, die die Stadt in diesem Umfang nicht anbieten kann. Zudem bestehen Kantone in der Schweiz aus einzelnen Gemeinden. Auch der Kanton Basel-Stadt besteht aus Basel, Bettingen und Riehen. Wenn Sie die Autonomie von Riehen ansprechen, sage ich als abtretender Gemeindepräsident, dass wir diese hochhalten wollen.

Was hat denn Riehen für den Kanton zu bieten?

Zum Beispiel gute Wohnlagen. In diesen gibt es gute Steuerzahler. Das weiss der Kanton auch.

Dann sind es doch wieder nur die guten Steuerzahler?

Nein, es ist mehr. Denken Sie an die Natur, an den Wald, an den Landschaftspark Wiese, die Langen Erlen. Überlegen Sie, woher das Trinkwasser der Stadt Basel kommt. Wir übernehmen auch Funktionen, die für den Kanton sehr wichtig sind. Wo ist zum Beispiel der Zentralfriedhof der Stadt Basel, der mit über fünfzig Hektaren der grösste Friedhof der Schweiz ist?

Riehen ist nach Basel die zweitgrösste Gemeinde der Nordwestschweiz. Hätten Sie sich manchmal mehr Beachtung und Respekt gewünscht?

Wir müssen immer wieder betonen, dass es Riehen überhaupt gibt und der Kanton Basel-Stadt nicht nur aus der Stadt Basel besteht. Die Gemeinde und ich erhalten oft Post, die mit «Riehen BL» angeschrieben ist. Auf der anderen Seite des Juras denkt man, es gebe nur ein Basel und keine zwei Kantone. Und wenn von den Gemeinden Riehen und Bettingen die Rede ist, verortet man diese sowieso in Baselland.

Wenn der Rhein nicht wäre, wäre Riehen eine Baselbieter Gemeinde.

Immer spekulativ: Wenn 1833 bei der Kantonstrennung der Rhein nicht gewesen wäre, dann könnte man sicher davon ausgehen, dass die Stadt gegen alle Landgemeinden gewesen wäre und umgekehrt.

Von der Mentalität würde Riehen besser aufs Land passen, oder?

Ich behaupte: Riehen und Bettingen ist es mit der heutigen Konstellation wohl im Kanton Basel-Stadt. Die neue Kantonsverfassung gibt auf einem soliden Fundament die Rechtsgrundlage dazu. Ich behaupte auch: Das Klima zwischen Riehen und Basel war noch nie so gut wie jetzt. Dafür mussten wir hart arbeiten und wir sind dankbar, dass in Basel dies so wahrgenommen wird. Die Autonomie und das selbstbewusste Auftreten von Riehen sind weder zum Schaden der Gemeinde noch des Kantons. Dass man manchmal unterschiedlicher Meinung ist, gehört dazu. Aber «C’est le ton qui fait la musique», und der ist sehr wohltuend und nicht von oben herab, wie es in anderen Zeiten war. Riehen kann heute auf Augenhöhe mit Basel diskutieren.

Wie stehen Sie zu einer möglichen Kantonsfusion? Werden Riehen und Bettingen von Basel überhaupt danach gefragt?

Wir redeten vor einem Jahr im Gemeinderat darüber. Das würde die jetzigen Stellungen der beiden Basler Landgemeinden natürlich stark tangieren. Das Verhältnis würde sich ändern. Wir könnten aber als Riehen dazu beitragen, dass der Kanton Baselland nicht mehr so zentralistisch organisiert wird wie heute. Wir können nämlich anhand des Beispiels Basel-Stadt aufzeigen, dass Gemeinden auch mehr Mitspracherechte haben können.

Nun zu Ihrem Rücktritt. Sind Sie amtsmüde?

Ja, teilweise schon. Ich war 19 Jahre lang Einwohnerrat, acht Jahre lang Gemeinderat und achteinhalb Jahre Gemeindepräsident. Ich will nicht verheimlichen, dass eine gewisse Amtsmüdigkeit beim Rücktritt mit im Spiel war. Ich bin jetzt 65 Jahre alt, also ist der Rücktritt nicht ungewöhnlich. Ich freue mich auf die Zukunft, werde aber auch die stets hilfsbereiten Menschen in der Verwaltung und den angeschlossenen Institutionen vermissen.

Das politische Klima in Riehen ist sehr rau und teilweise unfreundlich. Empfinden Sie dies auch so?

Wenn ich auf die ganzen 35 Jahre in der aktiven Politik zurückblicke, ist dies auch meine Feststellung. Es gab immer Auseinandersetzungen, nur ging man anders miteinander um. Man wählte eine feinere Sprache, man haute nicht so auf den Tisch wie heute.

Ist das Aufkommen der SVP in Riehen dafür verantwortlich?

Sicher nicht nur, aber massgeblich. Wenn man alles ablehnt, nur weil man sagt, man sei in der Opposition, finde ich das nicht gut. Zumindest von den Exponenten, die am lautesten polterten.

Was müssen Ihr Nachfolger Hansjörg Wilde und seine sechs Kolleginnen und Kollegen tun, damit es Riehen weiterhin so gut geht?

Sie müssen Sorge zu unserem grossen grünen Dorf tragen. Wir haben grosse, grüne Areale, die nicht überbaut werden sollen. Es ist wichtig, dass man dort, wo man bauen will, sehr sorgsam vorgeht. Der Zonenplan zeigt Wege auf, wie ein sinnvolles, verdichtetes Bauen funktionieren kann. Damit es Riehen weiterhin gut geht, brauchen wir funktionierende Schulen, die wir als Gemeinde gut betreuen müssen. Dazu müssen neben den Schulen Tagesstrukturen angeboten werden. Ich musste in meinen Jahren als Politiker und Privatmensch auch erkennen, wie wichtig diese sind. Wir sollten intensiv zu den vielen Senioren schauen, denen wir mit dem Konzept 60+ viel Beachtung geben. Bei allem müssen wir auch stets Sorge zu unseren sehr guten finanziellen Verhältnissen tragen. Und wenn wir dies alles einhalten, sollten wir uns auch immer solidarisch mit Menschen im In- und Ausland zeigen, denen es nicht so gut geht.

Ist Riehen mutlos? Der neue Dorfkern war ja trotz geringfügiger Eingriffe ziemlich umstritten.

Wir müssen bei allem Bewahren, das Riehen so bekannt und beliebt macht, auch den Mut aufbringen, Neues zu wagen. Dies tun wir jetzt mit dem neuen Dorfkern. Wir werden sehen, wohin dies führt. Zugleich müssen wir aber stets daran denken, dass wir ein zweites, gleichwertiges Zentrum im Niederholz haben, das wir mit der Zentrumsüberbauung aufwerten möchten.

Wir haben uns im politischen Riehen nach Willi Fischer umgehört. Neben viel Lob gab es vereinzelt auch Tadel. Sie werden noch immer mit der Schliessung des Gemeindespitals in Verbindung gebracht. Wie stehen Sie dazu?

So eine Entscheidung trifft der Gesamtgemeinderat, nicht der Präsident alleine. Das Gremium ist nach reichlichen Überlegungen, nach langen Sitzungen und im Wissen darum, dass sich die Spitallandschaft verändert und es ein kleines Spital im 21. Jahrhundert sehr schwer haben wird, zum Schluss gekommen: Es entspricht der politischen Korrektheit, nicht wegzuschauen, sondern mit der Schliessung Klarheit zu schaffen. Dass wir Arbeitsplätze verlieren, Schliessungskosten haben und das vertraute Riehener Spital mit Identifikationscharakter aufgeben, wussten wir und fiel uns sehr schwer.

Während Ihrer Amtszeit hat sich die Verwaltung aufgebläht.

Wir haben die Verwaltung aufgestockt, wo neue Aufgaben dazugekommen sind. Vor allem im Kindergarten- und Primarschulbereich. Es ist auch eine Ausprägung der neuen Zeit, dass vermehrt Teilzeit gearbeitet wird. Dafür braucht es halt mehr Köpfe und daher teilweise auch mehr Infrastruktur.

Was zählen Sie zu den wichtigsten Errungenschaften Ihrer Amtszeit?

Ich suchte stets den politischen Konsens, was mir zumeist auch gelang. Dass wir den Kauf grosser Teile des Moostals sauber abwickeln konnten und diese grün halten. Den Ausbau der S-Bahn ins Wiesental mit der Haltestelle Niederholz. Dazu gehört auch der Ausbau der Beziehungen zu unseren deutschen Nachbarsgemeinden. Die ganze Schulentwicklung ist enorm wichtig. Es steht der Gemeinde gut an, etwas so Grosses selber zu verwalten.

Was waren die schwierigsten Momente Ihrer Amtszeit?

Natürlich war der Beginn mit dem Tod meines Vorgängers Michael Raith äusserst schwierig. Dieses Erlebnis begleitet mich bis heute. Während meiner Amtszeit beschäftigte mich neben der Spitalschliessung die Brandserie am stärksten. Ich ging bei Tag und Nacht auf die Brandplätze, konnte danach nicht einfach nach Hause gehen und weiterschlafen. Das ging mir immer sehr nahe.

Was macht Willi Fischer ab dem 1. Mai, wenn das Amt als Gemeindepräsident wegfällt?

Ich möchte gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen, die oft zu kurz kam. Ich möchte meinen grossen Freundeskreis öfters sehen, mit ihm Ausflüge machen. Ich reise sehr gerne. Ich möchte Bekannte in Norddeutschland, Skandinavien und England treffen. Auch sehne ich mich nach Australien und Kanada, wo ich meine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte. Und einfach mal eine halbe Stunde nichts machen, ohne dafür Rechenschaft ablegen zu müssen.